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Musiker/in, Musikant/in
Bezeichnungen für Ausübende der Musik, die nicht selten mit bestimmten Wertungen verknüpft sind. Solche weisen nicht nur eine lange Tradition (insbesondere die mittelalterliche Unterscheidung zwischen musicus und cantor, Musikwissenschaft), sondern auch einen durchaus ernst zu nehmenden Hintergrund auf: nämlich hinsichtlich einer im ersten Fall angeeigneten, im zweiten aber weniger vorhandenen theoretisch-reflexiven Basis der Tätigkeit. Diese Unterscheidung ist bis heute (2004) sowohl in der Alltagssprache als auch in gewissen gegenseitigen Vorurteilen zwischen Musikwissenschaftlern und Musikern erhalten geblieben. Sie beginnt sich erst in jüngerer Zeit abzuschwächen. Die Gründe hiefür dürften jedoch kaum in zunehmender Toleranz und besseren Einsichten liegen, als in allgemein zunehmender Konvergenz von Wissenschaft und Kunst. Im Zusammenhang damit ist auch die ab den 1970er Jahren schrittweise durchgeführte Angleichung der Ausbildungssysteme und der von den Hochschulen für Musik verliehenen akademischen Grade zu sehen (Musikausbildung).

Vorgelagert ist der natürliche Unterschied zwischen Singen und Musizieren: Singen ist eine spezifische Nutzung des menschlichen Stimmorgans (Kehlkopf, Hohlräume des Kopfes und Rachens als Resonatoren; Gesang) im Unterschied zum Sprechen (man kann davon ausgehen, dass beide entwicklungsgeschichtlich ziemlich gleich alt sind). Von Musizieren hingegen wird besonders in Hinblick auf die Verwendung von Musikinstrumenten (Instrumentalmusik) gesprochen. Letztere sind nichts anderes als spezielle Werkzeuge. Werkzeuge aber wurden stets zu dem Zweck erfunden, gewisse Fähigkeiten des menschlichen Körpers nicht nur zu unterstützen, sondern auch zu erweitern. Dabei kommt der Reflexion und Einsicht in theoretische Zusammenhänge zunehmend Bedeutung zu. Allein deshalb ist auch die verbreitete Meinung, Musik spreche nur das Gemüt an, eine unzulässige Verkürzung. Die Nutzung des Stimmorgans beginnt normalerweise unmittelbar nach der Geburt, das Training des Hörorgans (Ohres, eine Voraussetzung für die weitere Entfaltung von Singen und Sprechen) bereits pränatal. Außerdem ist von Lernprozessen (d. h. kulturellen Konditionierungen) selbst in Bereichen auszugehen, die man lange und allzu leichtfertig als naturgegeben und unveränderlich ansah (z. B. Intervall-Wahrnehmungen entsprechend den Teiltönen; Klang). Demnach erfolgt die erste Einführung in die Musik zunächst durch Erfahrung, Nachahmung, mündliche und handwerkliche Unterweisung, jedoch ohne besondere Theorie und Reflexion (z. B. wird das dahinterstehende Tonsystem selten als solches wahrgenommen). Einen auf dieser Stufe stehen bleibenden Ausübenden meinte der mittelalterliche Begriff cantor (vonseiten Gebildeter durchaus wertend gemeint) ebeno wie das umgangssprachliche dt. Wort Musikant, während die Bezeichnung musicus, Musiker eher einem „professionell“ ausgebildeten beigelegt und Interpret (nicht ganz im Sinne der Übernahme dieses Begriffs aus der Philosophie im frühen 20. Jh.) gewissermaßen als weitere Steigerungsstufe verstanden wird. (Verständlich ist, dass seither jeder Musiker, möglichst auch Musikant ein Interpret genannt werden möchte.)

Jedoch muss auch das Wort Musikant keineswegs nur negativ besetzt sein: die insbesondere in der Volksmusik geläufige Aufforderung „Musikanten spielts auf!“ richtet sich noch immer an (besonders Tanz-)Musiker, die „ihr Metier verstehen“; auch das Epitheton „musikantisch“ für einen Komponisten spielt auf eine gewisse Urtümlichkeit und Sinnenfreude an. Beides wird interessanterweise besonders am Tanz festgemacht (interessant u. a. deshalb, weil einerseits noch im altgriechischen Begriff μουςική [Musik] Vers, Musik [im heutigen Sinn] und Tanz untrennbar verbunden waren und andererseits ‚einfachen‘ Menschen oft höhere Sinnenfreude attestiert wird). Dementsprechend hält man nicht nur im wissenschaftlichen wie im trivialen Diskurs Volks- und Kunstmusik, Umgangs- und Darbietungsmusik etc. auseinander, sondern werden durch die Musiksoziologie unterschiedlichste Hörertypen (Abstufungen von naiv-emotionalem über „bildungskonsumierendes“, sog. gutes bis zu strukturbetontem [d. i. auch rational gesteigertem Kunstanspruch folgendem] Hören, z. B. Th. W. Adorno; Publikum) und zuletzt die Änderungen beschrieben, welche erst mit den technischen Medien entstanden sind (Mediamorphose). Dass alle diese Momente in Österreich anders als in anderen Ländern liegen sollten, ist von vornherein gänzlich unwahrscheinlich, weshalb diese Bedeutung des Ausdrucks Musikland Österreich schlechtweg abzulehnen ist.


Literatur
K. Blaukopf, Musik im Wandel der Gesellschaft 1982; E. Reimer, Musicus-cantor in HmT 1978; B. Dopheide, Musikhören, Hörerziehung 1978; Th. W. Adorno, Kritik des Musikanten 1932; R. Flotzinger in ME 31 (1977).

Autor(en)
Rudolf Flotzinger
Empfohlene Zitierweise
Rudolf Flotzinger, Art. „Musiker/in, Musikant/in‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]