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Musikpsychologie
Erforscht universelle und differentielle Gesetzmäßigkeiten der Musikrezeption (Rezeption) und Musikproduktion. Sie verfolgt dabei Grundlagen und Auswirkungen im Erleben (Emotion, Motivation), in kognitiven Vorgängen (Informationsverarbeitung, Lernen, Denken, Kreativität), im individuellen musikalischen Handeln, sowie das interaktive Verhältnis zwischen Musik, Gesellschaft und Kultur. Sie gilt heute allgemein als Teilbereich der Systematischen Musikwissenschaft, obwohl historisch ihre Initialimpulse von der Psychologie, der Philosophie und der Pädagogik ausgingen. International werden musikpsychologische Lehre und Forschung inter- und multidisziplinär an musikwissenschaftlichen und musikpädagogischen, seltener an psychologischen Univ.sinstituten durchgeführt. Innerhalb der Psychologie zählt man die M. zur Allgemeinen Psychologie (= Allgemeine M.), die Umsetzung der Forschungserkenntnisse in die Praxis führte zur Etablierung einer Angewandten M., mit den Schwerpunkten: Musik im Alltag und in der Arbeitswelt, Musik in der Werbung, musikpädagogische Psychologie und psychologische Grundlagen der Musiktherapie. Trotz Überschneidungen einzelner Arbeitsbereiche lässt sich aufgrund der Verbindungen zu anderen Fachdisziplinen folgende Einteilung treffen:

1. Akustik und Psychophysik: Die beiden Disziplinen sind durch die Annahme eines gesetzmäßigen Reiz-Erlebnis-Determinismus eng verbunden. a) musikalische Akustik: Teilbereich der Akustik (Lehre von der Physik der Schallwellen), der sich mit den Mechanismen der Schallerzeugung durch Musikinstrumente, mit den Auswirkungen der Schallwiedergabe und dem Einfluss der Wiedergaberäume auf den Klang beschäftigt (musikbezogene Raumakustik, z. B. Nachhall, Schall-Reflexionseffekte); b) die musikalische Psychoakustik: erforscht subjektive Wahrnehmungs- und Verarbeitungsprozesse, wobei versucht wird, durch experimentelle Klangbeurteilung absolutes und vergleichendes Erleben von musikalischen Schallereignissen zu erfassen (z. B. dB-Messung, Spektralanalyse von Instrumentalklängen); c) die physiologische Akustik: beschäftigt sich mit den Funktionsweisen und Mechanismen des Gehörs bei der Wahrnehmung von einzelnen und kombinierten Klängen; d) musikbezogene Psychophysik: sie beruht auf der von Gustav Theodor Fechner (1801–87) begründeten Psychophysik (Hauptvertreter: Hermann von Helmholtz, Ernst Heinrich Weber, Stanley Smith Stevens). Wesentliche Beiträge sind die Dezibel-Skala (eine direkte Umsetzung der Fechnerschen Psychophysischen Maßformel) sowie die Mel- und Sone-Skala, da sie gemäß den subjektiven Empfindungsschritten (just noticeable differences) von Tonhöhe und Lautstärke angelegt sind.

2. Kognitive M.: sieht die Rezeption (Wahrnehmung, Wiedererkennen) und Produktion (auch Reproduktion) von Musik im Blickwinkel der Informationsverarbeitung des Gehirns. Sie bezieht sich auf kognitive Sprach-, Gedächtnis- und Wissensmodelle und versucht über deren Adaptation auf musikalische Inhalte, formalisierbare (De-)Codierungsmodelle zu schaffen, welche die Funktionsweise des Verarbeitens und Generierens melodischer, harmonischer und rhythmischer Strukturen theoretisch nachvollziehbar machen. In letzter Zeit haben konnektionistische Modelle (neuronale Netzwerke) und Methoden der künstlichen Intelligenz Eingang in die Kognitive M. gefunden. Diese bieten Möglichkeiten, über Computersimulation formalisierte Lernmodelle auf system-autonomes oder unterrichtsgestütztes musikalisches Lernen anzuwenden.

3. Physiologische M.: Untersuchungen vegetativer Reaktionen auf Musik lassen sich bis in die Antike zurückverfolgen. Herophilos stellte schon 296 v. Chr. Zusammenhänge zwischen der wahrgenommenen Musik und dem Pulsschlag fest. Vegetative Veränderungen (Puls- und Herzrate, Atmungsfrequenz, Durchblutungsgrad, Psychogalvanischer Hautreflex [PGR], Lidschlag etc.) wurden im Zusammenhang mit der emotionalen Wirkung der Musik oftmals untersucht. Eingehende Studien dazu – auch in Verbindung mit dem Elektroencephalogramm (EEG) – legte Harrer (1975) vor. Petsche versuchte, mittels speziell errechneter korrelativer Zusammenhänge (nach der Fourier-Analyse Kohärenzen genannt, als Korrelation zweier Schwingungen) in sechs EEG-Frequenzbändern zwischen 1,5 und 31,5 Hz die Synchronisation von Hirnarealen beim Hören und Vorstellen von Musik (etwa im Vergleich von Musikern und Laien) zu analysieren. In letzter Zeit zeigt sich in der musikbezogenen Hirnforschung ein besonderer Aufschwung, der u. a. durch die großen Fortschritte der funktionell-bildgebenden Registriertechniken am aktiven Gehirn erklärlich ist: PET (Positronen-Emissions-Tomographie), fMRI (funktionelles Magnet-Resonanz-Imaging), Brain-Imaging (bildgebendes Verfahren auf der Basis von Gleichspannungspotentialen). Die Forschungen belegen, dass aktives Musizieren und Musikhören viele Gehirnareale gleichzeitig anzuregen vermag wie kaum eine andere Tätigkeit, und dass die intensive Vorstellung von Musik dieselben Gehirnareale in fast gleichem Ausmaß aktiviert wie die Realausübung, woraus sich u. a. fundierte Konsequenzen für mentales Üben ableiten lassen. Ferner zeigten sich funktionale und anatomische Unterschiede zwischen Musikern und Nichtmusikern, z. B. ein größeres linksseitiges Planum temporale bei Menschen mit absolutem Gehör, eine deutlich größere Rindenrepräsentation der Fingermotorik bei Geigern und eine Volumsvergrößerung der Verbindungsbahnen zwischen den Hirnhälften (Balken, Corpus callosum) bei Musikern.

4. Sozialpsychologie der Musik: Hier geht es v. a. um gesellschaftliche und gruppenspezifische Phänomene in Musikkulturen.

5. Musikbezogene Entwicklungspsychologie mit den Schwerpunkten: Allgemeine und individuelle Entwicklung der Musikalität, Begabungsforschung und -förderung, psychologische Aspekte der Musikerziehung, Musikeinflüsse auf die Persönlichkeitsentwicklung.

Die Anfänge der M. sind eng mit der Entwicklung der Psychologie als wissenschaftliche Disziplin im 19. Jh. verbunden. Schon in früheren Jh.en findet man in der Philosophie (Plato, Thomas v. Aquin, René Descartes), Medizin (Hippokrates, Avicenna) und Pädagogik (Herbart) gewichtige Hinweise auf die Wirkung der Musik. Beispielsweise maß der einflussreiche Pädagoge, Psychologe und begabte Musiker Johann Friedrich Herbart (1776–1841) der Musik eine wesentliche Rolle in der Erziehung zu. Im Laufe des 19. Jh.s kam es in einigen geisteswissenschaftlichen Fächern, v. a. in der Psychologie, zu einem schrittweisen Ersetzen der Hermeneutik (Wilhelm Dilthey) und Phänomenologie (Edmund Husserl, A. Meinong) durch eine naturwissenschaftlich geprägte Denk- und Arbeitsweise. Dies lässt sich klar an den damals entstandenen Standardwerken der M. erkennen: Die Lehre von den Tonempfindungen als physiologische Grundlage für die Theorie der Musik (1863) des Physiologen H. v. Helmholtz (1821–94) und die zweibändige Tonpsychologie (1883; 1890) des Experimentalpsychologen C. Stumpf. Stumpf, selbst ein begeisterter Musikliebhaber (er beherrschte sechs Instrumente), wird als der Begründer der wissenschaftlichen M. angesehen. Er baute seine Gehörpsychologie auf Erkenntnissen der Akustik, Gehörphysiologie und experimentellen Befunden auf. Seine Konsonanztheorie und Formantentheorie blieben bis heute (2004) aktuell. Ein Assistent Stumpfs, der Wiener E. M. v. Hornbostel griff erfolgreich die experimentelle Methode auf. Hornbostel ging im Alter von 23 Jahren nach Berlin, war Leiter des staatlichen Phonogrammarchivs im Psychologischen Institut der Univ. Berlin und stellte als Assistent von Stumpf mit Max Wertheimer (1880–1943) bedeutende Experimente zum Richtungshören an, die entscheidende Grundlagen zur Stereophonie lieferten (Hornbostel-Wertheimer-Effekt). Sie entdeckten u. a., dass eine Zeitdifferenz des Schalles zwischen rechtem und linkem Ohr von 30 Mikrosekunden (= 30 Millionstel Sek.) bereits als Verlagerung der Schallquelle erlebt wird. Das starke musikpsychologische Interesse in der Initialphase der akademischen Psychologie dokumentiert auch Felix Krueger (1874–1948): er habilitierte sich 1903 mit dem Thema Das Bewusstsein der Konsonanz und übernahm die Leitung des wichtigen Leipziger Lehrstuhles in der Nachfolge von Wilhelm Wundt. Initiativen in der Synästhesie- und Begabungsforschung setzte A. Wellek. Er absolvierte in Prag die Fächer Komposition und Dirigieren, promovierte in Wien 1928 über Doppelempfinden und Programm-Musik und habilitierte sich in Leipzig 1938 mit der Arbeit Typologie der Musikbegabung im deutschen Volk. Er gilt als Neubegründer der modernen M. Die Bestrebungen der Differentiellen Psychologie, Intelligenz und Begabung mittels Tests objektiv zu messen, und die Fortschritte der musikalischen Entwicklungspsychologie (u. a. Geza Révész 1916, Heinz Werner 1917) fanden in Musikalitätstests ihren Niederschlag. In den USA legte Carl Emil Seashore (eigentlich C. E. Sjostrand, 1866–1949) 1919 den ersten, später revidierten, musikalischen Begabungstest vor (Seashore Measures of Musical Talent). Dabei sollen musikalische Basisfähigkeiten aufgrund der Diskriminationsleistung beim Vergleichen (z. B. „lauter-leiser-gleich“) von Tonhöhen, Lautstärken, Klangfarben, Melodien und Rhythmen erfasst werden. Zur Zeit befindet sich die M. international in einer erfreulichen Aufwärtsentwicklung. Beispielsweise stieg die Zahl der erschienenen bedeutsamen Fachbücher von sechs (Zeitraum: 1862–1902) auf hundert (Zeitraum: 1962–2002) (Hodges 1996). Als wichtiges Standardwerk im deutschen Sprachraum erschien 1985 M. Ein Handbuch (1. Auflage) von Bruhn, Oerter und Rösing. Über einige musikpsychologische Fachzeitschriften (u. a. Music Perception, Psychology of Music, Musicae scientiae, Psychomusicology, M. – Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für M.) und in Fachkongressen (siehe auch Netzwerk Mensch und Musik) kommt es zur wissenschaftlichen Kommunikation und zum Gedankenaustausch der internationalen Forschergemeinschaft. Führende Persönlichkeiten sind u. a. John A. Sloboda (University of Keele/GB), Diana Deutsch (University of California, San Diego/USA) und Irene Deliege (Université de Liège/B).

Eine kontinuierliche Entwicklung der M. in Österreich scheiterte am Fehlen einer M. als einheitlichem akademischem Fachbereich. Wenn überhaupt, lässt sich ein Fortschreiten von der philosophisch-spekulativen Betrachtungsweise zur empirisch-experimentellen Forschung verfolgen. Der Werdegang ist vornehmlich an Einzelpersönlichkeiten gebunden, die sich durch eine enthusiastische Musikbegeisterung und solide musikalische Bildung auszeichneten. Als ein Pionier wird E. Hanslick angesehen, der in seinen musikästhetischen Abhandlungen (Vom Musikalisch-Schönen, 1854) zweifellos psychologische Fragen behandelt (wenn auch negativ). Hanslicks Denken war noch in den Geisteswissenschaften (Phänomenologie, Hermeneutik) verankert, tendierte jedoch zu naturwissenschaftlichen Kriterien (Empirie, Objektivierung, Kausalität, Gesetzlichkeit), wobei er, aus heutiger Sicht irrigerweise, die ästhetischen Standards der Musik nur im Werk sah, kulturelle, historische und subjektive Einbettung des Kunstwerkes und des Rezipienten aber negierte. Das Buch Wer ist musikalisch? des Chirurgen Th. Billroth ist eines der ersten Bücher zu allgemeinen musikpsychologischen – und heute noch aktuellen – Fragen. Hanslick gab das Buch nach dem Tod Billroths unter dem Titel des letzten Kapitels heraus.

Eine Schlüsselposition in der M. wie auch in der gesamten Psychologie muss Christian v. Ehrenfels (* 20.6.1859 Rodaun [heute Wien XXIII], † 8.9.1932 Lichtenau/NÖ) zugeschrieben werden. Ehrenfels, der u. a. bei A. Bruckner studierte, entwickelte seine Gestaltlehre aus dem Paradigma der Melodie, die trotz Transponierens stets dieselbe bleibt. Der Gestaltbegriff („Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“) hat sowohl die Kognitive M. als auch die Diskussion über Musikästhetik nachhaltig beeinflusst. Einen frühen Kritiker fand die Gestalttheorie in V. Zuckerkandl. Stark beeinflusst von H. Schenker, sieht er die Musik als biologische Wirklichkeit der Menschheit, in der sie Zeit und Raum erfährt. Das Hörerlebnis basiere nicht auf einer statischen akustischen Tonempfindung, sondern auf der dynamischen Tonqualität, welche die Kräfte zwischen den Tönen gestalte und wahrnehmbar mache.

In der Entwicklung der M. kommt dem Nachfolger Hanslicks, G. Adler eine entscheidende Rolle zu. Er eröffnete indirekt den musikpsychologischen Richtungen innerhalb der Musikwissenschaft den Weg zur systematischen Forschung. R. Wallaschek verließ die musikästhetische Tradition Hanslicks und weitete den Blick auf außereuropäische Musikkulturen. Angeregt durch die experimentalpsychologische Methodik von Wilhelm Wundt in Leipzig zur Erfassung einfacher seelischer Vorgänge mit naturwissenschaftlichen Messmethoden, wollte er philosophische Spekulationen durch feste, unumstößliche Prinzipien ersetzt wissen.

Wallascheks Schüler R. Lach (lehrte 1920–39 an der Univ. Wien M. und Musikästhetik und daneben 1924–45 an der MAkad. in Wien) ist schon aufgrund seiner Lehrtätigkeit als Musikpsychologe anzusehen; zum Beleg eine Auswahl einiger Vorlesungstitel: Die Psychologie des musikalischen Ausdrucks (WS 1921/22); Psychologie des musikalischen Schaffens (WS 1924/25); Die Musikgeschichte im Lichte der Biologie, Anthropologie, Soziologie, Psychologie und Psychopathologie (WS 1925/26); M. (WS 1926/27 bis WS 1934/35). Ein bedeutsamer Beitrag zum Ursprung der Musik ist Lach mit seiner Urschreitheorie gelungen (1902). Neben dem Rhythmus mit seiner Ursprungsfunktion wirke nach Lach ein „Wille zur Gestaltung“. Der Ausgangsakt geschieht im Urschrei, einem affektgeladenen Gefühlsausbruch, aus dem sich in drei Stufen musikalisches Handeln entwickelt. Musik wird somit auch zu einem individuellen emotionalen Schlüsselerlebnis. 1. Stufe: primäres Moment: Durch sinnliche Klangfreude verbessert sich die Qualität der Lautäußerungen. 2. Stufe: primär-ästhetisches Moment: Es entstehen einfache Tongruppen und eine Hierarchisierung der Intervallpräferenzen. 3. Stufe: strukturelles Moment: Aus rhythmischen, melodischen und harmonischen Strukturelementen resultiert eine architektonische Gliederung (Ordnung).

Starker Einfluss auf die Entwicklung der Kognitiven M. wird H. Schenker zugesprochen. 1921/24 erschien sein Buch Der Tonwille, in dem er seine, an A. Schopenhauer orientierte Theorie vertritt, dass vom Ton und den Akkorden eine eigene Kraft (Wille) ausgehe. Bedeutsam ist sein formales Analysesystem zur Durchstrukturierung von Kompositionen. Er formulierte eine Schichtenlehre mit dem Hauptgedanken, dass (westliche, tonale) Musik aus einer Zelle, dem Ursatz, geschaffen werde. Die Oberstimme nennt er Urlinie, den kontrapunktierenden Bass Bassbrechung und die real klingende Musik Vordergrund. Den Hintergrund bildet der Ursatz. Der Mittelgrund vermittelt zwischen Vorder- und Hintergrund. Dort entstehe durch Veränderungen (z. B. Prolongation der Urlinie oder des Basses) die Oberfläche (Vordergrund) der Musik. Nach Schenker wird das Skelett des Ursatzes (Tonika-Dominante-Tonika) durch mehr oder weniger ausgedehnte harmonische Bewegungen aufgefüllt.

1969 wurde von Gerhart Harrer (Neurologe), Wilhelm Revers (Psychologe) und Walter Simon (Arzt und Psychologe) im Rahmen der Herbert-von-Karajan Stiftung (Karajan Stiftungen) das Forschungsinstitut für experimentelle M. am Psychologischen Institut der Univ. Salzburg gegründet. Harrer führte polygraphische Messungen vegetativer und emotionaler Parameter beim Musikerleben durch und konnte damit in die biologischen Grundlagen zur M. und Musiktherapie Einblick geben. 1979 wurde die wissenschaftliche Sektion der Stiftung mit Unterstützung des Wiener Musikvereins nach Wien verlegt und Hellmuth Petsche (* 1923 Scheibbs/NÖ) mit wissenschaftlichen und organisatorischen Agenden biennialer Symposien betraut. H. Petsche, Neurologe und selbst hervorragender Amateurmusiker, kann als österreichischer Pionier in der Erforschung hirnelektrischer Vorgänge während des Hörens und Vorstellens von Musik bezeichnet werden. 1978 begann seine ausgedehnte Forschungsaktivität, die in zahlreichen internationalen Publikationen ihren Niederschlag fand. Die Forschungen zeigen u. a., dass bei Musikern offenbar andere gehirnelektrische Kooperationen (Synchronisationen, nach Petsche Kohärenzen) herrschen als bei Nichtmusikern. Die Unterschiede zeigen sich besonders im Gamma-Frequenzband von etwa 30 Hz aufwärts und nur bei Musikdarbietung. Weitere Ergebnisse von Petsche lassen Rückschlüsse auf die Auswirkung der „musikalischen Intelligenz“ (Howard Gardner) auf andere Intelligenzdimensionen zu und sprechen für die „Musik als Bildungsfaktor“.

Am Institut für Psychologie der Univ. Wien unter der Leitung (1943–72) von Hubert Rohracher (* 1903 Lienz/T, † 1972 Kitzbühel/T) wurden wiederholt musikpsychologische Dissertationen verfasst. So promovierte der jetzige Prof. für Sozialpsychologie in Wien, Werner Herkner, 1969 mit der Dissertation Der Ausdruck der Klangfarben von Musikinstrumenten, wobei erstmals die von W. Graf (1967) in die Musikwissenschaft eingeführte objektive Spektrogrammanalyse (damalige Bezeichnung: Sonagramme) mit subjektiven Urteilen verglichen wurde. Haider & Groll-Knapp untersuchten 1971 in einer von den Wiener Symphonikern in Auftrag gegebenen, heute (2004) noch viel zitierten Studie die psycho-physiologische Belastung von Orchestermusikern. 1992 konnte in Wien ein Schwerpunkt in Lehre und Forschung der M. durch Erich Vanecek (* 1942 Wien) etabliert werden. Damit wurde eines der wenigen psychologischen Institute offiziell mit einem musikpsychologischen Schwerpunkt ausgestattet; 1994 kam es zur Einrichtung einer eigenständigen Arbeitsgruppe innerhalb der Abteilung Allgemeine Psychologie, an der sich Oliver Vitouch 2001 habilitierte. Vanecek verfolgt gesundheitliche Aspekte durch Musik, Tanz und Gesang (z. B. immunologische Reaktionen), den psychischen Gesundheitsschutz für Musiker und legte sein instrumentalpsychologisches Konzept der Motokognitionen vor.

Einen psychoakustischen Forschungsschwerpunkt setzte der Psychologe W. A. Deutsch am Institut für Schallforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Fruchtbringend für die musikpsychologische Forschung ist das von Deutsch entwickelte S_Tools-Verfahren, das über eine Fast-Fourier-Transformation (FFT) diffizile und sekundär weiter analysierbare Spektralanalysen von Singstimmen und Instrumentalklängen ermöglicht. Praktische Bedeutung gewinnt dieses Verfahren etwa in einer über Bildschirm rückgemeldeten Visualisierung der Tonqualität (z. B. Obertonreichtum) im instrumentalen und gesanglichen Üben. In Salzburg wurde 2001 gemeinsam von der Paris Lodron Univ. (Günther Bernatzky) und der Univ. Mozarteum (Horst-Peter Hesse) das internationale Forschungsprojekt Netzwerk Mensch und Musik gegründet, um interdisziplinär die neuronalen und psychisch-geistigen Auswirkungen der Musik und des Musizierens zu erforschen. Christian Allesch (* 1951 Grieskirchen/OÖ) behandelt am Institut für Psychologie in Salzburg ebenfalls musikpsychologische Themen, vornehmlich im Zusammenhang mit psychologischer Ästhetik. An der Univ. Graz verleiht R. Parncutt der musikpsychologischen Forschung in Österreich besonders auf den Gebieten der Psychoakustik (Harmonieforschung), der kognitiven M. und der Psychomotorik des Instrumentalspiels (Schwerpunkt: Klaviertechnik) lebhafte Impulse.


Literatur
Lit (alphabet.): Ch. G. Allesch, Psychologie und Ästhetik 1984; Th. Billroth, Wer ist musikalisch? 21896; R. Bresin, Virtual virtuosity: Studies in Automatic Music Performance, Diss. Stockholm 2000; H. Bruhn, Harmonielehre als Grammatik der Musik 1988; H. Bruhn et al., M. Ein Hb. 1985, 21997; D. Deutsch (Hg.), The Psychology of Music 1999; Ch. v. Ehrenfels in Vierteljahresschrift für wissenschaftliche Philosophie 14 (1890); W. Gruhn, Der Musikverstand. Neurobiologische Grundlagen des musikalischen Denkens, Hörens und Lernens 1998; M. Haider/E. Groll-Knapp in M. Piperek (Hg.), Stress und Kunst 1971; E. Hanslick, Vom Musikalisch-Schönen. Ein Beitrag zur Revision der Ästhetik der Tonkunst 1854; G. Harrer (Hg.), Grundlagen der Musiktherapie und M. 1975; D. A. Hodges, Handbook of music psychology 1996; E. M. v. Hornbostel in Bethes Hb. der Physiologie 1926, 11; F. Lehrdal/R. Jackendoff, A generative theory of tonal music 1983; G. Lipp, Das musikanthropologische Denken von Viktor Zuckerkandl 2002; R. Parncutt in Music Perception 6 (1988), 65–93; E. W. Partsch in StMw 36 (1985); H. Petsche/S. C. Etlinger, EEG and Thinking 1998; G. Révész, Erwin Nyiregyházi: Psychologische Analyse eines musikalisch hervorragenden Kindes 1916; H. Schenker, Der freie Satz 1935, 21956; T. H. Stoffer in O. Neumann (Hg.), Perspektiven der Kognitionspsychologie 1985; C. Stumpf, Tonpsychologie, 2 Bde. 1883–90; E. Vanecek in G. Gittler et al. (Hg.), Die Seele ist ein weites Land. Aktuelle Forschung am Wr. Institut für Psychologie 1994; E. Vanecek in E. Vanecek/Ch. Wenninger-Brenn (Hg.), Kunst – Medizin – Therapie. Ein interdisziplinärer Brückenschlag 2003; O. Vitouch, Kognitive M.: Von den neuronalen Basisprozessen zum Musikerleben im Kontext, Hab.schr. Wien 2001 H. Werner, Die melodische Erfindung im frühen Kindesalter 1917; R. J. Zatorre/I. Peretz (Hg.), The biological foundations of music 2001.

Autor(en)
Erich Vanecek
Empfohlene Zitierweise
Erich Vanecek, Art. „Musikpsychologie‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]