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Musiksoziologie
Veränderungen der Musik als gesellschaftliches Handeln sind nur zu verstehen, wenn alle für das Schaffen und die Ausübung relevanten gesellschaftlichen Faktoren untersucht werden. Die M. lenkt die Aufmerksamkeit auf diese Faktoren und verstand sich anfänglich als „vorübergehende Wissenschaft“, deren Aufgabe erfüllt sei, sobald die Musikwissenschaft diesen Zugang im eigenen Bereich systematisch integriert habe. Die Verfeinerung der Methoden, vornehmlich der empirischen, und die Entwicklung der Theorie haben dazu beigetragen, dass die spezifische Aufgabe der M. erkennbar wurde und dieser Forschungszweig sich als eigenständige Teildisziplin etablieren konnte. Die Hauptaufgabe der M. besteht in der Sammlung aller für die musikalische Praxis relevanten gesellschaftlichen Tatbestände und Ordnung dieser Tatbestände nach ihrer Bedeutung. Der Akzent m.ischer Arbeit ruht somit auf der Praxis und deren Veränderungen. Es wird nicht primär vom musikalischen Kunstwerk, einem historisch späten Phänomen ausgegangen, sondern von der Musikausübung als einem gesellschaftlichen Handeln, das älter ist als die in Schriftform notierte Musik (Notationen). Erst eine bestimmte Stufe der gesellschaftlich-technischen Entwicklung ermöglicht das Entstehen des musikalischen Kunstwerks. Aus der Beobachtung der gesellschaftlich-musikalischen Praxis wird deutlich, dass nicht von Musik schlechthin die Rede sein kann, sondern dass verschiedene Typen von „Musiken“ und unterschiedliche historische Strukturen musikalischen Verhaltens konstatierbar sind. Diese unterschiedlichen Typen musikalischen Verhaltens, das als gesellschaftliches Verhalten verstanden wird, stehen im Zentrum m.ischer Arbeit.

Die Analyse kultureller Verhaltensweisen, von der Entwicklung der europäischen Volksmusik über die Entstehung des Komponisten und des modernen Konzertwesens bis hin zur technisch vermittelten Popularmusik der modernen Industriegesellschaft, ist die eigentliche Domäne der M. Die Zielsetzung einer solchen Analyse sollte – einem Grundgedanken Max Webers folgend – darin bestehen, musikalisches Handeln als soziales Handeln zu erkennen und sein Zustandekommen zu erklären. Der Vorgang des gemeinsamen musikalischen Handelns, die musikalische Aktivität im Zusammenhang mit der jeweils auszuführenden Musik, bildet dabei den Ausgangspunkt für den Aufbau eines bestimmten Netzwerks sozialer Beziehungen. Dieser Aspekt wurde in der m.ischen Arbeit lange vernachlässigt. Es ist ein Verdienst der von K. Blaukopf begründeten Wiener Schule der M., das musikalische Handeln und dessen soziale Konsequenzen für die Entwicklung musikalischer Strukturen in den Vordergrund m.ischer Forschung gerückt zu haben.

Um diese kommunikative Rolle sozio-musikalischen Handelns und deren Konsequenzen für die musikalische Praxis aufspüren zu können, muss sich die M. – wie jede Kultursoziologie – der in verschiedensten Disziplinen erarbeiteten Methoden und Erfahrungen bedienen. Dies betrifft v. a. die Bereiche Musikgeschichte, Musikanalytik (Analyse), Musikpsychologie ebenso wie die der Wahrnehmungspsychologie, Physiologie, Ethnologie, Anthropologie, Kommunikationswissenschaft, Psychoakustik, Raumakustik etc. Ein enges Naheverhältnis zum Gegenstand selbst, der Musik, und die Bezugnahme auf eine gesicherte empirische Basis sind weitere Voraussetzungen m.ischer Arbeit. In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Wiener Denkschule von dem Ansatz Th. W. Adornos. Neben der Konvergenz der Disziplinen verlangt diese Denkschule, dass man nicht von vorgefassten Begriffsschemata und theoretischer Spekulation ausgeht, sondern von empirisch gewonnenen Befunden. Soll die Beziehung zwischen Musik und Gesellschaft entschlüsselt werden, müssen die Musik selbst und die künstlerische Praxis, die musikalische Aktivität, im Mittelpunkt stehen. Daraus ergeben sich u. a. folgende Forschungsschwerpunkte: Soziographie des Musiklebens, Konzertwesen und Orchesterrepertoire, die Rolle der Frau im Musikleben, Quellen und Traditionen der österreichischen M., die Stellung der Musik in der Kultur-, Erziehungs- und Medienpolitik, Entwicklungstendenzen der Popularkultur.

Musik wird als eine soziale Aktivität verstanden, und daher umfasst der Begriff alle musikalischen Handlungen sowie die erkennbaren Verhaltensmuster in ihrer sozialen und technischen Entwicklung. Auch theoretische Überlegungen und Betrachtungen zur Musik und zur musikalischen Ausübung bilden einen Teil der sozio-musikalischen Praxis. Da deren Wandel im Zentrum des Forschungsansatzes steht, bedeutet dies, dass die M. nicht alle Elemente einer bestimmten musikalischen Praxis aus soziologischer Sicht zu erklären vermag, aber sehr wohl feststellen kann, welche sozialen Faktoren eine bestimmte musikalische Praxis ermöglichen oder zu deren Veränderung führen. Methoden und Denkstil dieses Forschungsansatzes haben in umfassendem Sinn österreichische Tradition. Ansätze m.ischer Arbeitsweise, die sich als Wissenschaft von den Faktoren versteht, die musikalisches Handeln bestimmen bzw. verändern, sind bereits im 19. Jh. zu finden. In der Musikforschung belegen die Arbeiten von E. Hanslick und G. Adler, dass soziologische Aspekte von der österreichischen Musikwissenschaft schon früh berücksichtigt wurden. Die für das m.ische Interesse bedeutsame Konvergenz von Musikforschung und Ethnologie (Musikethnologie) hat in der österreichischen Wissenschaftsgeschichte in R. Wallaschek einen bedeutenden Pionier. Auch die Erforschung des Einflusses der Massenmedien (Medien) auf das musikalische Verhalten hat seine Wurzeln in der österreichischen Tradition. Die moderne Medien- und Meinungsforschung entstand nicht in den USA, sondern im Wien der frühen 1930er Jahre. Die von Paul F. Lazarsfeld 1932 erstellte RAVAG-Studie war die erste umfassende Untersuchung, welche die v. a. musikalisch dominierten Programmpräferenzen und Programmwünsche der Rundfunkhörer nach sozial relevanten Gruppen erhob. K. Blaukopf verknüpfte in der Folge in der Forschungsarbeit des Wiener Instituts die Medienforschung mit dem eigentlichen Forschungsgegenstand, der Musik. Die vielfältigen Veränderungsprozesse technischer, rechtlicher, sozialer, wirtschaftlicher und ästhetischer Natur wurden von Blaukopf unter dem Terminus „Mediamorphose“ zusammengefasst.


Literatur
Lit (alphabet.): N. Bailer/R. Horak (Hg.), Jugendkultur. Annäherungen 1995; K. Blaukopf, Musik im Wandel der Gesellschaft. Grundzüge der M., 2. erw. Aufl. 1996; K. Blaukopf, Pioniere empiristischer Musikforschung. Österreich und Böhmen als Wiege der modernen Kunstsoziologie 1995; I. Bontinck (Hg.), Wege zu einer Wr. Schule der M. Konvergenz der Disziplinen und empiristische Tradition 1996; I. Bontinck (Hg.), Musik/Soziologie/ […] Thematische Umkreisungen einer Disziplin 1999; A. Gebesmair, Grundzüge einer Soziologie des Musikgeschmacks 2001; E. Haselauer, Hb. der M. 1980; M. Huber, Hubert von Goisern und die Musikindustrie 2001; W. Lipp (Hg.), [Fs.] R. H. Reichardt 1992; D. Mark (Hg.), Paul Lazarsfelds Wr. RAVAG-Studie 1932. Der Beginn der modernen Rundfunkforschung 1996; E. Ostleitner/U. Simek (Hg.), „Ich fahre in mein liebes Wien“. Clara Schumann: Fakten, Bilder, Projektionen 1996; A. Smudits, Mediamorphosen des Kulturschaffens. Kunst- und Kommunikationstechnologien im Wandel 2002.

Autor(en)
Irmgard Bontinck
Empfohlene Zitierweise
Irmgard Bontinck, Art. „Musiksoziologie‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]