Logo IKM
OeML Schriftzug
Logo OeML
Logo Verlag

Oberösterreich
Österreichisches Bundesland zwischen Inn und Enns sowie Böhmerwald und Dachstein, aus dem Traungau (Austria superior) bzw. „Österreich ob der Enns“ hervorgegangen, während der Römerzeit (Austria Romana) zur Provinz Noricum gehörig (damals war Wels die Hauptstadt, seit 1490 ist es Linz). 1390 erhielt das Land unter Hzg. Albrecht III. sein Wappen, 1458–63 stand Erzhzg. Albrecht VI. bereits einem eigenständigen „Fürstentum Österreich ob der Enns“ vor, 1478 wurde es in „Viertel“ eingeteilt (als letztes kam 1779 das Innviertel hinzu). Bis dahin kirchlich von Salzburg und Passau abhängig, schuf Joseph II. 1785 das Landesbistum Linz. Offiziell gilt der Name O. erst seit 1918.

Die frühe Musikgeschichte O.s ist dadurch gekennzeichnet, dass es nur vorübergehend eine (habsburgische) Residenz beherbergt hatte (obwohl Friedrich III. 1493 in Linz und Maximilian I. 1519 in Wels starben) und auch der ständische Adel nach der Niederlage der Schaunberger (1390) nicht mehr zur ehemaligen Bedeutung zurückfand, daher (zumal seit der Barockzeit) nur selten auf seinen o.ischen Gütern lebte. Kulturell war das Land daher lange Zeit eher durch Klöster (v. a. Mondsee, Kremsmünster, Lambach, St. Florian) und relativ selbstbewusste Städte (Wels, Steyr, Linz) geprägt. Dem widerspricht keineswegs, dass die Anfänge des deutschen Minnesangs mit Dietmar v. Aist und dem Kürnberger ausgerechnet hier zu finden sind. Die frühesten Musikaufzeichnungen und Musikernamen stammen seit dem hohen Mittelalter aus Klöstern. Die betreffenden Unterlagen (insbesondere liturgische Handschriften) befinden sich, soweit nicht im Josephinismus aufgehoben, noch an Ort und Stelle (so in Kremsmünster, Wilhering und Schlägl, weniger in Lambach), andernfalls in Wien (v. a. aus Mondsee) und/oder in Linz (Baumgartenberg, Garsten, Gleink; Archive und Bibliotheken). Sie sind (2004) höchst unterschiedlich aufgearbeitet.

Schon im 15. Jh. hatten die Klöster auch Anschluss an die internationale figurale Kirchenmusik gefunden, seit dem 16. Jh. führten sie oft eigene Sängerknabeninstitute und meist eigene Kantoreien. Seit dieser Zeit halten einander die Zahl der in O. geborenen und außerhalb ihrer engeren Heimat tätig gewordenen sowie die hieher zugezogenen Musiker (meist gleichzeitig Komponisten) einigermaßen die Waage. Die Zeit der Reformation brachte fruchtbare Neuerungen ins Land, z. B. die neue Instrumentalmusik, die P. Peuerl von Steyr aus in Nürnberg/D drucken ließ, oder Georg Mauritius (1539–1610), der ebenfalls von Steyr aus das Schultheater (Schuldrama) beeinflusste. Dieses Erbe traten dann die Jesuiten an (ab 1632 in Steyr), deren Spiele einen zunehmenden Musikanteil (Jesuitendrama) aufweisen. Waren einzelne geistliche Spiele schon im Hochmittelalter greifbar geworden (Dreikönigsspiel Lambach 12. Jh., Neidhartspiel vielleicht aus Spital am Pyhrn, um 1350, Dorotheenspiel in Kremsmünster 14. Jh., Passionsspiel von Wels 15. Jh., Marienklage aus Haag am Hausruck, Mondseer Susannenspiel ca. 1500, Dreikönigsspiel Freistadt 1525), wurden sie von der Gegenreformation erst so richtig angefacht (Rohrbacher Passionsspiele, Uttendorfer Kreuztragung, Windischgarstener Passio Christi, Weihnachtsspiele von St. Oswald, Ischl, Ebensee). Dieses Theaterinteresse setzte sich im Auftreten von möglicherweise auch englischen Theatertruppen (mit dem Pickhl Häring; vgl. Linzer Orgeltabulatur, Landesmuseum I.N. 9647) im Linz des frühen 17. Jh.s, im barocken Schultheater (Linz und Steyr, Höhepunkt des Benediktinertheaters mit S. Rettenpacher in Kremsmünster), in einzelnen höfischen Opernaufführungen des 17. Jh.s in Linz und an den Stiftstheatern in Kremsmünster und Lambach (mit M. Lindemayr als Höhepunkt) fort und mündete schließlich nach der zw. 1766/80 tätigen „Adeligen Theatralsozietät“ in Linz im „Ständischen Theater“ (Neubau 1803), dem Vorgänger des heutigen o.ischen Landestheaters, das nach wie vor Sprech- und Musiktheater nebeneinander pflegt. (Jüngere Bemühungen um einen eigenen Musiktheaterbau gingen 2001 in politischen Diskussionen vorläufig unter.) Die o.ische Tradition des Laientheaters (zu den ältesten gehört der Dilettantentheaterverein 1812 Kremsmünster) ist nicht nur an geistliche Stoffe gebunden (z. B. Mondseer Jedermann 1922, Bauern-Jedermann oder Leiden-Christi-Spiel der Spielgemeinschaft Mettmach), sondern kennt auch historische Vorlagen (das Frankenburger Würfelspiel am Haushamerfeld bei Vöcklamarkt als bekanntestes überhaupt, seit 1925 alle 2 Jahre) oder Stücke (Doktor Johannes Faustus des Dilettantentheatervereins Uttendorf, 1937).

Meistersinger-Schulen gab es zumindest in Steyr, Wels und Eferding, möglicherweise auch in Braunau, merkwürdigerweise aber nicht in Linz und auch in Freistadt vermutlich nicht. Die bürgerliche Musikvereins-Idee hingegen sollte rasch Anklang und Verbreitung selbst in kleineren Orten finden (nach Linz 1821 z. B. Micheldorf 1833, Bad Ischl 1838, Haslach 1840, Traunkirchen 1844).

Kaum überschätzt werden kann der Einfluss der Maria-Theresianischen Reform des Schulwesens (1774) auf die Musikentwicklung in Städten und Dörfern: die traditionelle Bindung der Lehrer an die Funktionen des Chorregenten und Organisten erhielt eine Vertiefung, die als musikalische Volksbildung zu bezeichnen ist und für mehr als 100 Jahre geradezu von „Dorfkonservatorien“ sprechen lässt. Dazu wären auch noch ihre Dienste als Tanz- und Unterhaltungsmusiker zu rechnen. Die aus dem manchmal belächelten Schulmeister-Milieu stammenden Musiker und Komponisten auch nur aufzuzählen, wäre unmöglich, würde aber zu überraschenden Ergebnissen führen.

Die größte Rolle spielte die Musik auch in den Klöstern (Klosterkultur) vom Barock bis zur Aufklärung, der einige von ihnen auch zum Opfer fallen sollten. In vielen Klöstern hat es, v. a. seit hier neben dem selbstverständlichen Choralgesang auch die Figuralmusik von den Konventualen selbst in die Hände genommen wurde und damit vielleicht auch ein wenig notgedrungen, eigene sog. „Hauskomponisten“ gegeben, die jedoch z. T. über ihre Heimat hinaus Aufmerksamkeit fanden oder zu Lehrern weiterer Komponisten wurden: z. B. G. Pasterwiz von F. X. Süßmayr. Es ist daher auch nicht ganz zufällig, dass aus solchen Milieus sowohl J. Beer Beer (Lambach) herauswuchs als auch der Komponist, der heute am stärksten mit O. assoziiert wird: A. Bruckner (St. Florian). Dass es ihn dann geradezu magisch nach Wien zog, ist nicht weniger charakteristisch, hatte es doch inzwischen den Ruf einer besonderen Musikstadt errungen, abgesehen davon, dass der Erbe der Wiener Klassiker, Fr. Schubert, engste Beziehungen nach O. (Steyr, St. Florian, Kremsmünster, Linz, Gmunden) gepflegt hatte. Trotz seines Weggangs und seiner umstrittenen Aufnahme in Wien, wurde demgegenüber versucht, Bruckner noch in seinen letzten Lebensjahren (1894 Ehrenbürger der Stadt Linz), v. a. aber gleich nach seinem Tod (Überführung des Leichnams nach St. Florian) zu einer Art Integrationsfigur des Landes O. (auf die sich gewissermaßen Deutschnationale, Klerikale und Linke einigen konnten) hochzustilisieren und Linz durch besondere Pflege seiner Werke als Musikstadt zu profilieren (A. Göllerich). Wohl nicht nur mit der persönlichen Begeisterung von Adolf Hitler für die Musik Rich. Wagners und Bruckners hängt zusammen, dass 1941 begonnen wurde, in den Räumen des aufgehobenen Stifts St. Florian die Handschriften-Bestände der o.ischen Klöster zusammenzuziehen und um diese ein musikhistorisches Forschungsinstitut sowie unter der Leitung von G. L. Jochum ein „Bruckner-Orchester [St. Florian] des Großdeutschen Rundfunks“ (erste repräsentative Auftritte 1943/44) aufzubauen. Darin ist ein bereits weiter gediehener Teil des nationalsozialistischen Projekts zu sehen, aus Linz als einer weiteren „Führerstadt“ ein Kulturzentrum zwischen München und Wien zu machen: mit Opernhaus, Brucknerhalle (für jährliche Bruckner-Festspiele), Operettenhaus, Musikpavillon und Varieté als wesentlichen Bestandteilen der Prachtstraße („Sonderauftrag Linz“). Wegen dieser Belastung bedeutete schließlich die Verselbständigung des Orchesters des Linzer Landestheaters als Bruckner Orchester Linz (1967), die Errichtung des Brucknerhauses Linz (1974) und die Etablierung des Internationalen Brucknerfests Linz (1974) nur bedingt v. a. einen (gewiss nicht ganz ungefährlichen) Neuansatz. Neben und nach Bruckner sollten J. E. Habert, W. Kienzl oder F. X. Müller im 19. Jh. sowie J. N. David, J. F. Doppelbauer, die Brüder Dallinger, A. F. Kropfreiter im 20. Jh. ebenso wenig vergessen werden, wie Pop-Größen (H. v. Goisern, Attwenger), die heute (2004) zu den in Österreich führenden zählen, sowie die ars electronica als einziges Festival dieser Art in Europa. Das derzeitige Aushängeschild O.s ist wohl der Dirigent F. Welser-Möst, N. Harnoncourt hat hier nur seinen Wohnsitz genommen.

In besonderer Weise hat O. seit dem 19. Jh. als Volkslied- und Volkstanz-Landschaft Beachtung gefunden. Bei den Liedern gilt v. a. die Überlieferung des geistlichen Volkslieds als besonders umfangreich, hinsichtlich der Volkstänze ist die Vielfalt der charakteristischen Verbreitungsgebiete (Salzkammergut, Eisenwurzen, Traunviertel, Innviertel), Gattungen (u. a. Schleuniger, Fürizwänger, Schwerttanz) und Ausführungsformen (besonders der Ländler und Steirischen; Linzer Geiger) beachtlich. Den Namen des Ländlers allerdings vom „Landl“, dem o.ischen Kernland zwischen Eferding, Wels und Linz abzuleiten, ist nicht haltbar. Um die Sammlung und Verbreitung des betreffenden Gutes hatte sich, nach den über 1500 Einsendungen zur sog. Sonnleithner-Sammlung, der dem Schubert-Kreis nahestehende Anton v. Spaun (1845) bemüht, gefolgt von J. Pommer (1890), Eduard Binder (1909), Eduard Jungwirth (1925), H. Commenda (1926) u. a. In diesem Zusammenhang ist auch die seit dem 18. Jh. verfolgbare Bemühung um die o.ische Mundart von Lindemayr bis Franz Stelzhamer (1802–74) zu erwähnen. Dessen „Heimathgsang“ ist mehrfach vertont worden (u. a. von E. Zöhrer), die des Lehrers H. Schnopfhagen wurde 1952 offiziell zur o.ischen Landeshymne erhoben (s. Nb.).

Seit 1962 werden vom Land verschiedene Kunstpreise verliehen, ein Kunstwürdigungs- und -förderungspreis (alternierend: 1962 A. F. Kropfreiter, 1963 H. Schiff, 1964 R. Kittler, 1965 H. Stadlmair, 1966 J. F. Doppelbauer, 1967 W. Kögler, 1968 F. Dallinger, 1969 E. Eder de Lastra, 1970 B. Sulzer, 1971 E. L. Leitner, 1972 A. Mitterhofer, 1973 G. Bauer, 1975 E. Würdinger, 1976 H. Prammer) wurde abgelöst vom Landeskulturpreis (1975 F. Blaimschein, 1976 R. Kittler, 1977 B. Sulzer, 1979 T. C. David, 1980 H. Gattermeyer, 1981 F. Dallinger, 1982 A. Kubizek, 1983 A. F. Kropfreiter, 1984 E. L. Leitner, 1986 W. Kolneder, 1987 H. Schiff-Riemann, 1988 K. Kögler, 1989 J. Krebs, 1990 A. Peschek, 1992 G. Kahowez, 1993 R. G. Frieberger, 1994 G. Waldek, 1995 A. Seidelmann, 1997 A. Roidinger, 1998 Th. D. Schlee, 2000 P. Androsch, 2001 H. Rogl, 2002 W. Steinmetz, 2003 Ch. Herndler). Weiters wird der Anton-Bruckner-Preis vergeben.

Der älteste o.ische Blasmusikverein ist der in Micheldorf an der Krems (1833), der älteste nachweisbare Männergesangverein könnte der MGV Steyr (1844, Linz 1845) sein. Hinsichtlich musikhistorischer Aufarbeitung der Überlieferung und Darstellung sind Pionierleistungen abermals in o.ischen Stiften entstanden (Mondsee, G. Huemer, Al. Kellner). Das O.ische Landesmuseum in Linz beherbergt eine sehr ansehnliche Musikinstrumentensammlung, im Schloss Kremsegg bei Kremsmünster ist seit 1996 ein Instrumentenmuseum mit Schwerpunkten Blasmusik und Klaviere eingerichtet.


Literatur
ÖL 1995; O. Wessely, Musik in Oberösterreich 1951; Flotzinger in R. Grasberger (Hg.), [Kgr.-Ber.] Bruckner. Linz 1990, 1993; MGÖ 3 (1995); O. Wutzel (Hg.), [Halbjahreszs.] O. 19 (1969/70); K. Mitterschiffthaler/E. W. Partsch in L. Schultes/B. Prokisch (Hg.), [Kat.] Gotik Schätze O. 2002; W. Jerger in O. 18 (1968); K. M. Klier in O. 16 (1966/67); E. Brixel, Das große o.ische Blasmusikbuch 1984; F. Zamazal in Mitt. d. o.ischen Volksbildungswerke 17–19 (1966); R. Kannonier/H. Konrad (Hg.), Urbane Leitkulturen 1890–1914, 1995; W. Deutsch et al. (Hg.), Beiträge zur Volksmusik in O. 1982; A. v. Spaun, Österr. Volksweisen 1845, 21885; J. Pommer, 444 Jodler und Juchzer aus Steiermark und dem steirisch-o.ischen. Grenzgebiet 1890; E. Binder, O.ische Originalländler aus älterer Zeit 1909; E. Jungwirth, Alte Lieder aus dem Innviertel 1925; H. Commenda, Von der Eisenstraße. Volkslieder aus dem o.ischen Ennstal 1926; K. Holter, Buchkunst– Handschriften – Bibliotheken 1–2 (1996); E. Schenk in Sborník praci filosofické fakulty Brnenské University 9 (1965); COMPA 5, 8, 13 (1996–2001); A. Lindner in StMw 49 (2002); J. Scherhammer, Erwachsenenbildung in der Musikschule in O., Dipl.arb. Wien 1991; H. J. Moser, Die Musik im frühevangelischen Österreich 1954; H. Commenda, Gesch. des o.ischen Sängerbundes 1935.

Autor(en)
Rudolf Flotzinger
Empfohlene Zitierweise
Rudolf Flotzinger, Art. „Oberösterreich‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]