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Orgelleier
Bastardinstrument. Die Dreh- oder Radleier (engl. hurdy-gurdy, frz. vielle, ital. lira tedesca oder ghironda ribeca erlebte – nach ihrer großen Verbreitung im Mittelalter – im 18. Jh. eine bemerkenswerte Renaissance und wurde fallweise auch in der Kunstmusik verwendet (z. B. A. Vivaldi op. 13 Il pastor fido). Dieses Interesse an dem Instrument führte dazu, dass sich Instrumentenbauer – hauptsächlich in Frankreich – bemühten, dieses Instrument zu verbessern bzw. durch Kombination mit Elementen anderer Instrumente attraktiver zu gestalten. Eine dieser Entwicklungen stellt die O. dar. Das Instrument besitzt ein hochzargiges gitarreförmiges Korpus. Unter dem Tangentenkasten, der höher über der Decke als bei einer einfachen Drehleier platziert ist, befinden sich meistens zwei (selten eine) in Blöcken – ähnlich einer Panflöte – zusammengefasste Pfeifenreihen (frz. peigne = Kamm). Diese besitzen mensurbedingt einen trapezförmigen Umriss, wobei die längsten (= tiefsten) Pfeifen neben dem Wirbelkopf, die kürzesten (= höchsten) Pfeifen nahe dem Rad herausragen.

Der Tonumfang umfasst – kongruent zum Saitenteil – zwei chromatische Oktaven g1 – g3 (ohne fis3), die untere Pfeifenreihe als gedackte in gleicher Tonhöhe wie die Melodiesaite und die obere als offene Reihe eine Oktave höher. Die Pfeifen befinden sich an einer Windlade, die hinter dem Tangentenkasten (zum Spieler) hervorragt. Am einen Ende Richtung Wirbelkopf sorgt ein Kanal für die Windversorgung. Die Saitentangenten – als Ober- und Untertasten in zwei Reihen angeordnet – betätigen Stecher, die im Windkasten kleine Ventile öffnen und dadurch die einzelnen Pfeifen zum Klingen bringen. Bei Instrumenten mit zwei Registern sind in der Windlade Registerschleifen angeordnet, mit denen der Spieler das Orgelwerk überhaupt oder die einzelnen Register abschalten kann. Bei einregistrigen Instrumenten kann mit einem einfachen Sperrventil die Orgel ausgeschaltet werden. Unter dem Wirbelkopf im Windkanal findet sich ein Tremulant, der mittels eines Hebels ein- bzw. ausgeschaltet werden kann.

Innerhalb des hohen Korpus befindet sich die zur Windversorgung notwendige Balgkonstruktion: mittels eines oder zweier Bälge wird ein Magazinbalg mit Wind versorgt, der aufgrund von zwei oder mehreren Balgfedern die Pfeifen zum Klingen bringt. Die Schöpfbälge sind entweder einfache Froschbälge, die mittels eines Lederriemens, der durch den Boden des Instrumentes läuft und über den rechten Fuß des Spielers betätigt wird, oder doppelte Widerbläser, die mit Hubstangen über die als Kurbelwelle geformte Radachse bewegt werden. Bei dem Instrument, das Dom Bedos in seinem Werk abgebildet hat, finden wir eine Besonderheit: mit Hilfe einer Hebelkonstruktion können die Saiten – ohne das Spiel zu unterbrechen – vom Streichrad abgehoben werden.

Alle derzeit (2004) in österreichischen öffentlichen Sammlungen gezeigten Instrumente sind bedauerlicherweise unspielbar – die Frage des Einsatzes von O.n für eine originalgetreue Wiedergabe vorliegender Originalkompositionen (z. B. der Lirenkonzerte von J. Haydn) wird erst nach Vorliegen spielbarer Nachbauten zu beantworten sein.


Literatur
M. Bröcker, Die Drehleier, ihr Bau und ihre Gesch. 1973, 136ff; Dom Bedos de Celles, Die Kunst des Orgelbauers – L’Art du Facteur d’Orgues 1766 (dt. Übersetzung von Ch. Glatter-Götz 1977, Bd. 1, 533f, Bd. 2, Tafel 136); H. Czakler in E. Badura-Skoda (Hg.), [Kgr.-Ber.] J. Haydn. Wien 1982, 1986.

Autor(en)
Helmut Czakler
Empfohlene Zitierweise
Helmut Czakler, Art. „Orgelleier‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 16/12/2002]