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Orgelsolomesse
Sonderform der Missa concertata des 18. Jh.s (Messe) mit obligater Orgel, d. h. die Orgel spielt dabei nicht nur den Continuopart, sondern tritt auch solistisch hervor. Zu unterscheiden ist diese Gattung von der Orgelmesse. O.n sind somit eine Spielart jener Ordinariumsvertonungen, bei denen einzelne Instrumente solistisch mitwirken (z. B. Violine, Violoncello, Oboe, Fagott, auch Pauke [J. Haydn]). O.n sind sowohl Missae breves als auch Missae longae, in den allermeisten Fällen jedoch Missae sollemnes mit Pauken und Trompeten, bei denen die Orgelsoli den festlichen Glanz steigern. Prominente Ausnahmen davon sind zwei O.n von J. Haydn (Große O. [Hob. XXII:4]: nur Oboen und Hörner, Kleine O. [Hob. XXII:7]: nur Kirchentrio). Die Entwicklung der O. verläuft parallel zur Entwicklung des Orgelsolokonzerts, welches häufig Propriumsteile ersetzt (z. B. Graduale) und geht auch einher mit dem verstärkten Einbau von Brüstungspositiven in barocke Kirchenräume. Die älteste heute (2004) bekannte O. ist die 1737 entstandene Missa Sancti Christophori von J. G. Zechner (der als „Erfinder“ dieser Gattung gilt), bei der die Orgel im Benedictus konzertierend hervortritt. Orgelsoli können in einzelnen oder mehreren Messsätzen auftreten, oder auch in allen Sätzen des Werkes. Das herausragendste Beispiel für eine Messe mit z. T. ausgedehnten Orgelsoli in allen Messsätzen ist die um 1761 für die neu erbaute Göttweiger Gatto-Orgel entstandene Große Orgelsolo-Messe in C-Dur von Zechner. Orgelsoli in allen Messsätzen komponierten auch L. Hofmann (5 Messen, z. B. Messe in C 1770, Messe in D 1780), Georg Huber (Ende 18. Jh.), P. Joseph Keinz (1738–1810 [Wien, St. Augustin]), F. Schneider, G. Reutter d. J. (z. B. Missa Sti. Ignatii, Missa Sti. Venantii, beide vor 1761), F. X. Widerhoffer (Mariazellermesse), Johannes Wittmann (1757–1847, Lambach), F. Wrastil. Bevorzugter Ort für Orgelsoli wird – wohl im Zusammenhang mit der Elevationsmusik – das Benedictus (F. J. Aumann, C. Ditters v. Dittersdorf [Missa in D vor 1777], J. Haydn, W. A. Mozart, V. Schmidt [Kremsmünster, Alexander-Messe 1741, O. um 1745], Reutter [Missa Lauretana], Schneider, J. B. Vanhal, Zechner). Weitere Vertreter der Gattung sind J. A. Scheibl, F. L. Graff, J. G. Albrechtsberger, J. Preindl, J. B. Gänsbacher und J. B. Schiedermayr. Es gibt O.n mit Soli in Kyrie und Benedictus, in Gloria und Benedictus, in Kyrie, Gloria und Sanctus, im Et incarnatus est des Credo, im Quoniam des Gloria, im Dona nobis pacem des Agnus. Orgelsoli sind meist Einleitungen, Zwischen- oder Nachspiele zu den einzelnen Abschnitten des Chores oder der Solisten, mitunter ergänzen sie auch den Chorsatz, sind „Pausenfüller“ oder stehen im Dialog mit Vokalsoli. Sie nehmen thematisches Material der Vokalstimmen auf und verarbeiten dies meist stark verziert mit kleinen Notenwerten, sodass in den Ecksätzen der Messe virtuose Passagen den Werken Profil geben, während etwa Soli im Mittelsatz des Credo oder im Benedictus einen eher kantablen Duktus aufweisen. Die Orgelsoli sind häufig von anderen Instrumenten begleitet, stehen aber auch allein für sich da. Nicht wenige Orgelsoli sind Bearbeitungen anderer Instrumentalsoli. Die Missa Sti. Ignatii von Reutter existiert z. B. auch als Messe mit Clarino-Solo, seine Missa Sti. Venantii als Messe mit Fagott-Solo. Die Bearbeitungen sind v. a. in Klosterbibliotheken überliefert, was darauf schließen lässt, dass sie vor Ort gemacht wurden, wenn der Komponist dies nicht selbst besorgt hatte. Klöster (z. B. Göttweig, Melk, Augustiner in Wien) und Wallfahrtskirchen (z. B. Mariazell) gelten als Hauptpflegestätten der Gattung. Die O. war auch im heutigen Ungarn vertreten (Benedek Istvánffy 1733–78, G. Druschetzky). Die Messen wurden auch noch bis in die 2. Hälfte des 19. Jh.s weitergepflegt, späte Komponisten sind z. B. J. G. Lickl (Dilectanten-Messe, Pécs nach 1806) und M. A. Heimerich (Missa ex C). Parallel zu den O.n sind auch die Orgelsoli in den Offertoriumsmotetten (Motette), marianischen Antiphonen (J. Haydn), Litaneien (M. Haydn) und Vesperpsalmen (Vesper, Psalm) zu erwähnen. Verwandt mit der O.sind auch jene (Rural-)Messen (Landmesse), bei denen die Orgel gleichzeitig Continuo- und Soloinstrument ist, wie z. B. beim deutschen Hochamt „Hier liegt vor deiner Majestät“ (MH 602) von M. Haydn in der Fassung für 2 Singstimmen, Hörner und Orgel.
Werke
W (NA.en): J. G. Zechner, Große O. in C, Carus CV 40.682/00; F. X. Widerhoffer, Missa solemnis in C „Mariazellermesse“, MAM 55–58; Editionen im Rahmen von Dipl.arb.en am Kirchenmusikinstitut der MUniv. Graz: J. G. Lickl, Dilectanten-Messe; G. Reutter, Missa Sti Ignatii, Missa Sancti Venantii; F. X. Widerhoffer, Missa Sti. Francisci Xaverii; M. A. Heimerich, Missa ex C.
Literatur
B. Mac Intyre, The Viennese Concerted Mass of the Early Classic Period 1986; F. W. Riedel (Hg.), Kirchenmusik mit obligater Orgel. Untersuchungen zum süddt.-österr. Repertoire im 18. und 19. Jh. 1999; P. u. V. Schellert, Die Messe in der Musik. Komponisten – Werke – Literatur. Ein Lex. 1999; Z. Farkas in F. W. Riedel (Hg.), Anton Bruckner. Traditionen und Fortschritt in der Kirchenmusik des 19. Jh.s 2001.

Autor(en)
Franz Karl Praßl
Empfohlene Zitierweise
Franz Karl Praßl, Art. „Orgelsolomesse‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]