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Pasticcio
Eine Praxis im Bereich der weltlichen oder geistlichen musikdramatischen Komposition (opera seria, opera buffa, Oratorium), einzelne Musikstücke verschiedener Komponisten auf ein überarbeitetes oder neu geschaffenes Libretto zu einem neuen Werk zusammenzufassen (frz. pastiche, eig. „die Pastete“). Gelegentlich wird als P. auch ein musikdramatisches Werk bezeichnet, das von Beginn an als Werk von mehreren Komponisten konzipiert wurde, wie etwa die Opern L’Atenaide (1714) von M. A. Ziani, Antonio Negri, A. Caldara und Intermezzi von F. Conti, Il Costantino (1716) von A. Lotti, J. J. Fux (Sinfonia), A. Caldara (Licenza, Intermezzi) und N. Matteis (Ballettmusik), La Forza dell’Amicizia in Oreste e Pilade (1728) von G. Reutter d. J. und A. Caldara, La Pazienza di Socrate (1731) von G. Reutter und A. Caldara, oder das geistliche Singspiel Die Schuldigkeit des ersten Gebotes (1767) von W. A. Mozart, M. Haydn und A. C. Adlgasser. (Nicht zuletzt steuerten auch die K. Leopold I. oder Joseph I. gelegentlich Arien zu den Opern anderer Komponisten bei.) Die Schwierigkeit der Anwendung des Begriffs P. auf derart konzipierte Werke liegt jedoch in der Nicht-Erfüllung eines gewichtigen Aspekts: dem „Ausleihen“ der einzelnen Nummern aus einem bereits vorhandenen Werk.

Die Entstehung der P.-Praxis ist auf das Streben des öffentlichen und profitorientierten Opernbetriebes in Venedig und Italien seit den 1640er Jahren zurückzuführen, dem zahlenden Publikum in komprimierter Form möglichst viele „berühmte“ Arien bekannter Komponisten zu bieten. Ein anderer, nicht minder wichtiger Aspekt ergab sich direkt aus der Musikpraxis, wenn entweder die Sänger ihre erfolgreichen Arien (Arie di baule) in bestehende Produktion einbauten oder aber manche für aktuelle Sänger/innen ungeeignete Arien ausgetauscht wurden. Großer Beliebtheit erfreute sich die P.-Praxis in Hamburg/D, London oder Braunschweig/D; eine wichtige Position nahm sie auch im Programm der fahrenden Operntruppen (z. B. A. und P. Mingotti) ein. In der Wiener Hofoper war die von Beginn an geplante Zusammenarbeit von mehreren Komponisten nicht durch finanzielle Beweggründe, sondern eher durch Zeitmangel motiviert.

Wurde der Begriff P. zunächst eher negativ besetzt, beteiligten sich – Hand in Hand mit der Übertragung dieses Verfahrens aus der Opera seria und dem Intermezzo in die Opera buffa, das Singspiel oder geistliche Werke – zunehmend auch anerkannte Komponisten wie A. Vivaldi, G. Bononcini, G. F. Händel, J. A. Hasse, Ch. W. Gluck, W. A. Mozart oder J. Haydn (La Circe, 1789) an der P.-Praxis. Trug dieses Verfahren im 18. Jh. erheblich zur Akzeptanz der italienischen Oper in England (nach 1705) oder auch Frankreich bei (vgl. z. B. Zophilette, 1765, mit Arien von J. Ch. Bach, Giovanni Ferrandini, B. Galuppi, Ch. W. Gluck, Niccolò Piccini, D. Sarti und T. Traetta), verlor es im 19. Jh. auf Grund der neuen Auffassung des musikalischen „Werkes“ mit Akzent auf Originalität zunehmend an Akzeptanz und Bedeutung.


Literatur
MGG 7 (1997); NGroveD 14 (1980) u. 19 (2001); K. Hortschansky in Analecta musicologica 3 (1966); K. Hortschansky in Mf 24 (1971); H. Becker in H. Hüschen (Hg.), [Fs.] K. G. Fellerer 1973; R. Strohm in Analecta musicologica 16 (1976); H. Schneider/R. Wiesend (Hg.), Die Oper im 18. Jh. 2001.

Autor(en)
Dagmar Glüxam
Empfohlene Zitierweise
Dagmar Glüxam, Art. „Pasticcio‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]