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Polyphonie
Kunstvolle Mehrstimmigkeit im engeren Sinn, aus griech. πολύς (viel) und φωνή (Ton, Stimme). P. wird v. a. bei europäischer Kunstmusik als Gegenbegriff zu „einstimmigen“, homophonen und heterophonen Strukturen verwendet, mit dem entscheidenden Kriterium der melodisch-rhythmischen Eigenständigkeit der einzelnen Stimmen. Die gegenseitige Unabhängigkeit realisiert sich in der Satztechnik bzw. im Prinzip des Kontrapunkts. Der Höhepunkt p.er Musik ist nach dem gängigen Geschichtsbild mit der Vokal- P. der „Niederländer“ erreicht (auf die sich A. v. Webern in seinen Vorträgen explizit berief). J. S. Bach, von dem sich behaupten ließe, er habe diesen Anspruch durch die Verwendung von sog. Schein- P. (Wahrnehmung mehrerer Linien in einstimmigem Kontext, dazu E. Kurth) noch gesteigert, wurde in satztechnischer Hinsicht neben J. J. Fux zum zweiten wichtigen Vorbild für die „Wiener Klassik“ (v. a. in der zentralen Gattung des Streichquartetts). An diese Tradition konnte im 19. Jh. etwa J. Brahms und im 20. Jh. in mehrfachem Rückbezug A. Schönberg anknüpfen. Während zahlreiche zeitgenössische Komponisten auch in Österreich p.e Strukturen im traditionell-handwerklichen Sinn einsetzen, wurde v. a. von G. Ligeti ein neues Paradigma von P. geschaffen, das durch die Transformation von rhythmischen und intervallischen Qualitäten in Klangfarbe die obige Definition ad absurdum führt.
Literatur
Riemann 1967; NGroveD 20 (2001); E. Kurth, Grundlagen des linearen Kontrapunkts. Bach's melodische P. 1917; MGÖ 1–3 (1995).

Autor(en)
Alexander Rausch
Empfohlene Zitierweise
Alexander Rausch, Art. „Polyphonie‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]