Logo IKM
OeML Schriftzug
Logo OeML
Logo Verlag

Popper, Popper, true Karl Raimund
* 1902 -07-2828.7.1902 Wien, 1994 -09-1717.9.1994 Croydon bei London. Philosoph. Sohn einer zum Protestantismus konvertierten, liberal-großbürgerlichen Familie jüdischer Herkunft, Vater Rechtsanwalt. Abbruch der Gymnasialausbildung 1918, Gelegenheitsarbeiter, kurzzeitige Hinwendung zum Kommunismus. Matura als Externist 1922, danach Studium der Philosophie, Psychologie und Musikgeschichte an der Univ. Wien, zugleich Tischlerlehre und Ausbildung zum Volksschul-, in weiterer Folge zum Realschullehrer (Mathematik und Physik). Tätigkeit als Sozialarbeiter, ab 1930 als Hauptschullehrer in Wien. 1930 Heirat mit Josefine Anna Henninger (1906–85). Persönliche Kontakte zu Mitgliedern der Philosophengruppe Wiener Kreis motivierten Popper zu seinem Buch Logik der Forschung (1934, Druckvermerk 1935), das heute als Klassiker der Wissenschafts- und Erkenntnistheorie gilt. 1937 Emigration (Exil), Dozentenstelle für Philosophie am Canterbury University College in Christchurch/NZ, ab 1946 Readership an der London School of Economics and Political Science, ab 1949 Professur für Logik und wissenschaftliche Methodenlehre ebendort, Emeritierung 1969. Wiederannahme der österreichischen Staatsbürgerschaft 1976.

P. entwickelte seine philosophischen Positionen, die er selbst als kritischen Rationalismus bezeichnete, in Auseinandersetzung mit dem logischen Empirismus des Wiener Kreises: Im Gegensatz zu diesem verwarf P. ein sprachanalytisch begründetes „Sinnkriterium“ und ersetzte es durch ein „Abgrenzungskriterium“: Wissenschaftliche Sätze unterscheiden sich nach P. von nicht-wissenschaftlichen Sätzen dadurch, dass sie im Prinzip empirisch widerlegbar (falsifizierbar) sein müssen. Wissenschaftliche Theorien sind kreative Hypothesen, die nicht auf induktivem Weg aus empirischen Daten ableitbar sind, für nicht-triviale Aussagen gilt, dass sie zwar wahr sein können, dass es aber keinen Beweis absoluter Wahrheit gibt. Jede Form menschlichen Wissens ist nach P. prinzipiell fehlbar (Fallibilismus). In seinen im neuseeländischen Exil verfassten Schriften The Poverty of Historicism (1944) und The Open Society and Its Enemies (2 Bde., 1945) wandte P. seine wissenschaftstheoretischen Prinzipien auf die Sozialphilosophie und politische Theorie an: In kritischer Auseinandersetzung besonders mit Platon, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Karl Marx wendet sich P. gegen die Idee eines handlungslegitimierenden deterministisch-sinnhaften historischen Prozesses und die Vorstellung einer groß angelegten politisch-gesellschaftlichen Sozialtechnologie, demgegenüber plädiert er für eine schrittweise, permanent auf Fehlentwicklungen reagierende Reformpolitik auf demokratischer Basis. Ab den späten 1960er Jahren wurden P.s sozialphilosophische Schriften auch außerhalb der Fachwelt weltweit stark rezipiert und z. T. zur Legitimierung politischer Programmatik im Sinne einer pluralistischen Demokratie und der Ablehnung autoritärer Ideologien genutzt. P. gilt als einer der bedeutendsten und einflussreichsten Philosophen des 20. Jh.s.

Frühe musikalische Prägung im Elternhaus v. a. durch die Mutter – die Großeltern mütterlicherseits, Max und Lina Schiff, gehörten zu den Mitbegründern der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien und waren mit dem Dirigenten B. Walter verwandt – führten zur lebenslangen Auseinandersetzung P.s mit Musik: Im Elternhaus Violinstunden, später auch Klavier- und Orgelausbildung, 1919–21 Mitglied im Verein für musikalische Privataufführungen A. Schönbergs, von dessen Musikauffassung er sich später scharf distanzierte, Studium an der Abteilung für Kirchenmusik der Wiener MAkad. 1920–22 (in diesem Zusammenhang Komposition einer Fuge für Orgel in fis-moll), Studium der Musikgeschichte an der Univ. 1922–28 (2. Rigorosenfach), zeitweilig Tätigkeit als Chorsänger. Wiewohl P. den Wunsch, Berufsmusiker zu werden, bald aufgab, bezeichnet er in seiner Autobiographie Musik als „eines der dominierenden Themen meines Lebens“ und bekennt, zeitlebens „immer ein wenig komponiert und dabei Stücke von Bach als [...] Modell benützt“ zu haben. Die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Musikauffassungen Bachs und L. v. Beethovens habe ihm wesentliche Anregungen für seine Auffassung von der ontologisch-objektiven Natur geistiger Gebilde (sog. Drei-Welten-Theorie) geliefert und seine philosophischen Positionen stark beeinflusst. Wiewohl P. sich an zahlreichen Stellen seines Werkes und in Interviews häufig zu musikalischen Themen äußerte (am ausführlichsten in seiner Autobiographie und in der Beethoven-Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 1979) und die Musik als höchste aller Künste auffasste, hat er keine systematische Studie dazu vorgelegt. Aus zahlreichen isolierten Aussagen lässt sich jedoch eine an die ästhetischen Ideen E. Hanslicks angelehnte Position ermitteln: Ablehnung einer Gefühls- und Ausdrucksästhetik sowie einer deterministischen Fortschrittsideologie (Kritik an Rich. Wagner), Bekenntnis zu einem mehr oder weniger formalen Kunstverständnis mit dem Maßstab der künstlerischen „Vollkommenheit des Werks“. Mit dieser Auffassung, ebenso wie mit seinem konservativen Bekenntnis zu einem traditionellen Kanon – von J. S. Bach bis Fr. Schubert, der P. als letzter großer Komponist galt – kann P. als typischer Nachfahre des liberalen Wiener Bildungsbürgertums aus der Zeit um 1900, in dem er sozialisiert wurde, aufgefasst werden, ein eigenständiger Beitrag zur Musikphilosophie ist darin jedoch nicht zu erblicken.


Gedenkstätten
Benennung der ersten Spezialschule für hochbegabte Schüler (Wien IV) als Sir-K.-P.-Schule 1998; Ehrengrab auf dem Lainzer Friedhof (Wien XIII).
Ehrungen
Erhebung in den Adelsstand (Sir) durch die britische Krone 1965; Companion of Honour 1982. – Zahlreiche Ehrendoktorate und internationale Auszeichnungen.
Schriften
Logik der Forschung 1934; The Poverty of Historicism 1944/45 (dt. Das Elend des Historismus); The Open Society and Its Enemies, 2 Bde. 1945 (dt. Die offene Gesellschaft und ihre Feinde); Objective Knowledge 1972 (dt. Objektive Erkenntnis); Unended Quest 1976 (dt. Ausgangspunkte 1979).
Literatur
B. Magee, K. P. 1986; E. Döring, K. R. P. 1987; J. R. Alt, K. R. P. 1992; M. Geier, K. P. 1994; W. Baum/K. E. Gonzales, K. R. P. 1994; A. O’Hear (Hg.), K. P. 1995; L. Schäfer, K. R. P. 1996; H. Keuth, Die Philosophie K. P.s 2000; M. Morgenstern/R. Zimmer, K. P. 2002; K. Blaukopf in F. Stadler/M. Seiler (Hg.), Heinrich Gomperz, K. P. und die „österr. Philosophie“ 1994; Briefwechsel Sir K. R. P. – K. Blaukopf (1992–1994) in M. Seiler/F. Stadler, Kunst, Kunsttheorie und Kunstforschung im wissenschaftlichen Diskurs. In memoriam Kurt Blaukopf (1914–1999), 2000; K. Blaukopf in Musik &. Jb. der MHsch. Wien 1 (1992); Ch. Landerer in MusAu 20 (2001).

Autor(en)
Peter Stachel
Empfohlene Zitierweise
Peter Stachel, Art. „Popper, Karl Raimund‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]