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Rein
1129 von Markgraf Leopold I. (dem Starken) gegründetes Zisterzienserkloster in der Nähe von Graz; als solches das älteste heute noch bestehende, wurde von Ebrach (bei Würzburg/D) aus besiedelt. Wie alle jungen Zisterzienserklöster wurde R. vom Mutterstift mit den wichtigsten liturgischen Büchern ausgestattet, die in späterer Folge im hauseigenen Skriptorium durch Abschreiben neu hergestellt wurden. Die Gründung R.s fällt etwa in die Zeit der von Bernhard von Clairvaux initiierten Choralreform des gesamten Zisterzienserordens (1134–47). Wenn auch Choraldokumente aus den ersten Jh.en nach der Klostergründung in R. völlig fehlen, kann doch dank der vom Generalkapitel und von den visitierenden Vateräbten streng überwachten Uniformität des ordenseigenen Choralgesanges durch Vergleich mit anderen Zisterzienserklöstern ein gutes Bild der mittelalterlichen liturgischen Praxis gezeichnet werden. Mit Ausnahme einiger Fragmente von Pergamenthandschriften des 13.–16. Jh.s, die in späteren Jh.en als Bindematerial für Bücher verwendet wurden und deren R.er Provenienz nur in wenigen Fällen möglich (aber nicht nachweisbar) ist, stellen zwei prächtig illuminierte liturgische Handschriften vom Ende des 15. Jh.s die ältesten erhaltenen Choralbücher der Stiftsbibliothek R. dar. Es handelt sich hier um den Sommerteil eines Antiphonale Cisterciense (Ms. 100) und um das berühmte Wolfgang-Missale (Ms. 206; geschrieben 1492/93), das den Namen seines Auftraggebers Abt Wolfgang Schrötl trägt. Zuletzt konnte das reich illuminierte Chorantiphonar Cod. 1799** der Österreichischen Nationalbibliothek Wien dem Stift R. zugewiesen werden. Das vollständig mit einer frühen Liniennotation ausgestattete Stundenbuch ist um 1250 entstanden.R.er Provenienz ist auch die 1770 als Geschenk von Baron Simone de Crosina nach Trient gelangte Handschrift 308 der Biblioteca San Bernardino in Trient, ein Missale, das ebenfalls 1493 unter Abt W. Schrötl angelegt wurde und offensichtlich von denselben Schreibern und Illuminatoren stammt wie das Wolfgang-Missale, allerdings insgesamt in deutlich sparsamerer Ausführung, und sehr wahrscheinlich ursprünglich für die Abtmessen in der dem Stift R. zugehörigen Wallfahrtskirche Straßengel/St bestimmt gewesen war.

Obwohl die Beschlüsse der Generalkapitel die Verwendung von Orgeln und die Ausführung mehrstimmiger Musik lange Zeit untersagten, sind in R. diesbezügliche Hinweise verhältnismäßig früh vorhanden. In einem Ausgabenbuch für die heute noch bestehende Heiligen-Kreuz-Kapelle im Abthaus wird 1406 die Bemalung einer dort aufgestellten Orgel (pictura organorum) erwähnt. Und in einer Stiftung für die auf einem Hügel vor den Toren des Stiftes gelegene, 1453 von Aeneas Sylvius Piccolomini, dem späteren Papst Pius II. in Anwesenheit K. Friedrichs III. geweihte Ulrichskapelle werden für den Ostersonntag vesperae figuratae erwähnt. Das Kirchweihfest sollte besonders feierlich gestaltet werden: „Quae cuncta ante Mon[aste]rii portam solemni pompa et ceremoniis exsequuntur inter pulsum tympani, inflationem tibia [...] et choros musicorum, ac saltum.“ Offensichtlich war man bemüht, durch den Hinweis, dass dies ja „ante portam“, also nicht im eigentlichen Klosterbereich geschehe, den Verdacht der Übertretung von Generalkapitel-Verordnungen von sich zu weisen.

Die ältesten Nekrologe, Urkunden und Rechnungsbücher überliefern manche Namen von Singmeistern, Untersingmeistern und Organisten der ersten Jh.e. Der erste namentlich bekannte Kantor des Stiftes ist P. Nicolaus († 1252). Die Namen der ersten Organisten, des Magisters Friedrich und dessen Gehilfen Heinrich begegnen uns ebenfalls im Ausgabenbuch für die Heiligen-Kreuz-Kapelle von 1406. Möglicherweise waren sie nicht Konventualen, sondern Schulmeister an der stiftseigenen Klosterschule, die zwar für diese Zeit nicht eindeutig nachzuweisen ist, deren Existenz man allerdings durchaus, und dies bereits wesentlich früher, annehmen darf. Mit einiger Sicherheit darf man an einer solchen schola interna, die ausschließlich der Bildung der Ordensjugend diente, auch eine im Quadrivium verankerte musiktheoretische Unterweisung vermuten. Ob eine aus dem Stift stammende Sammelhandschrift des 13. Jh.s, die sich seit dem 16. Jh. in Wien befindet (heute Codex 2499 der Handschriftenabteilung der ÖNB) und einen grammatikalischen Traktat enthält, dessen erstes Blatt als ganzseitige, kolorierte Federzeichnung eine Schulszene darstellt, als direkter Hinweis auf die Existenz einer R.er Klosterschule gewertet werden kann, ist allerdings fraglich. Sehr zweifelhaft ist weiters auch die R.er Provenienz einer aus dem 12. Jh. stammenden Pergamenthandschrift (Ms. 21), die u. a. mehrere musiktheoretische Traktate (Johannes Affligemensis, De arte musica; Dialogus in musicam; Guido von Arezzo, Micrologus in musicam etc.) enthält. Sie ist in den ältesten Katalogen des Stiftes nicht nachzuweisen und enthält auf fol. 42v und 43r Neumen, die eher auf eine nicht zisterziensische Schreiberwerkstatt hinweisen dürften. Mit großer Wahrscheinlichkeit kam Ms. 21 erst lange nach seiner Entstehung in den Besitz des Stiftes R.

Das Ausgabenbuch für die Heiligen-Kreuz-Kapelle von 1406 enthält auch die ersten bekannten Hinweise auf Glocken des Stiftes R. Im weiteren Verlauf des 15. Jh.s wurden die Ulrichskapelle sowie die Georgikapelle vor den Toren des Stiftes, die für die Gottesdienste der Laien bestimmt waren, mit Glocken ausgestattet (1453 bzw. 1455). Abt Hermann Molitor ließ 1460 eine Glocke für die Stiftskirche anfertigen, die 1854 unter Abt Ludwig Crophius vom Grazer Glockengießer Johann Feltl umgegossen wurde. Unter Abt W. Schrötl erhielt die Stiftskirche 1509 eine weitere große Glocke.

Seit der Sanierung des Stiftes unter Abt W. Schrötl nach dem Einfall der Türken 1480 dürfte in R. ein Hornwerk vorhanden gewesen sein, das, in späterer Zeit mehrmals umgebaut, bis zum Ersten Weltkrieg in Verwendung stand. Heute erinnert daran nur mehr eine Prospektattrappe (s. Abb. 1). Erhaltenen Verträgen mit dem Kärntner Orgelbauer Georg Oberburger für die Renovierung und Erweiterung einer Orgel in Straßengel von 1586 nach zu schließen, dürfte dort spätestens seit dem 15. Jh. eine Orgel vorhanden gewesen sein.

Stift R. hatte in der 1. Hälfte des 16. Jh.s unter den Folgen der Reformation stark zu leiden. Der Konvent schmolz auf wenige Mönche zusammen. Aus diesem Grund kann mit Recht angenommen werden, dass die Praxis des liturgischen Gesanges in dieser Zeit nahezu zum Erliegen gekommen war. Erst aus der Zeit des Abtes Bartholomäus Grudenegg (1559–77), der einen neuerlichen Aufschwung des Klosters herbeiführte, mehren sich wieder die Anzeichen einer feierlichen Ausgestaltung der Liturgie. Das Stift trat sehr bald in den Einflussbereich der 1564 errichteten habsburgischen Hofhaltung Erzhzg. Karls II. von Innerösterreich in Graz. Dies manifestiert sich auf musikalischem Sektor einerseits in zwei für das Stift angefertigten Musikhandschriften, einem Choral-Passionale (Hs. 102), dessen Matthäuspassion vierstimmig gesetzte Turba-Stellen enthält, und einem großen Chorbuch (Liber cantionum ecclesiasticarum 4, 5, et 6 vocum = Codex Grudenegg, Hs. 101), welches u. a. eine Reihe von geistlichen Werken des ersten Grazer Hofkapellmeisters J. de Cleve überliefert – beide Bücher entstanden mit Sicherheit im engsten Umkreis der Grazer Hofkapelle –, sowie in der Führung eines Sängerknabeninstitutes an der spätestens 1559 (wieder-)errichteten R.er Klosterschule. Eine Studienordnung für die Klosterschüler aus dem Jahre 1567 gibt an, dass täglich außer Samstag um 12 Uhr die Musikübung stattfinden soll.

1594 wurde, vermutlich für die Stiftskirche, eine Orgel angeschafft, die der Grazer Hofkalkant Georg Abstaller lieferte.

Die wirtschaftliche Sanierung des Klosters in den letzten Jahrzehnten des 16. Jh.s war die Basis für ein umfassendes Wirken der Äbte der Barockzeit. Von der 2. Hälfte des 17. bis um die Mitte des 18. Jh.s wurde die Stiftskirche reich mit Glocken ausgestattet. 1756 erwarb Abt Marian Pittreich zahlreiche Handschriften und Drucke aus dem Bestand der ehemaligen Grazer Hofbibliothek, unter welchen sich auch, allerdings nur fragmentarisch erhalten, einige Musikalien befinden. Musikhistorisch bedeutsam ist das einzige erhaltene Exemplar eines 1643 gedruckten Textbuches des ersten nachweisbaren Wiener Sepolcro von G. Valentini.

In R. wurde im 17. Jh. noch der mittelalterliche Zisterzienserchoral gesungen, wie dies aus zahlreichen um 1650 entstandenen Prozessionalien ersichtlich ist (s. Abb.). Gegen Ende des Jh.s wurden vermutlich bereits gedruckte Ausgaben liturgischer Bücher verwendet, die den verstümmelten Choral der vermeintlichen Reform unter Generalabt Claudius Vaussin (1645–70) enthielten. Mit Ausnahme des 1698 in Paris gedruckten Psalteriums, welches, in mehreren Exemplaren vorhanden, bis 1979 in Gebrauch stand, sind keine gedruckten Choralbücher des 17. oder 18. Jh.s erhalten geblieben. Nachdem sich 1731 das R.er Zisterzienservikariat (R., Sittich [Sticna], Viktring und Landstraß [Konstanje vica/SLO]) den Hausstatuten der österreichischen Ordensprovinz angeschlossen hatte – die Kapitel 2–5 dieser Statuten fordern eine feierliche und würdige Form des Gottesdienstes –, wurden Hymnarien und Antiphonare angelegt, die den reformierten Choral enthalten. Die um die Mitte des 18. Jh.s geführten Stiftstagebücher von P. Alanus Lehr geben einen guten Einblick in die liturgische Praxis wie auch die profane Musikausübung im Stift. An sieben Festen des Kirchenjahres, nämlich am Ostersonntag, am Pfingstsonntag, zu Mariä Himmelfahrt, am Fest des großen Ordensheiligen Bernhard von Clairvaux, zu Mariä Geburt, zu Allerheiligen und am Christtag wurde das gesamte Offizium gesungen, aber auch an kleineren Festen, an Sonntagen und auch an normalen Wochentagen wurde dem Choralgesang eine bedeutende Rolle zugewiesen. Allerdings wurde der ohnehin schon durch die Reformen des 17. Jh.s verstümmelte Choral des Öfteren auch mit der Orgel begleitet, was naturgemäß eine Überdehnung der Silben zufolge hatte. In der Ausführung also unterschied er sich wesentlich vom ursprünglichen, mittelalterlichen Ideal.

Aus dem 17. Jh. sind so gut wie keine Hinweise auf liturgische Verwendung von Figuralmusik vorhanden. Aus der Tatsache, dass P. Eugen Kütting (1664–1724) als Kantor und Regens chori bezeichnet wird, kann immerhin abgeleitet werden, dass gegen Ende des 17. Jh.s möglicherweise (wieder) ein Figuralchor vorhanden war. Konkretere Hinweise enthalten erst wieder die Stiftstagebücher des 18. Jh.s. Demnach wurde in dieser Zeit fast an jedem Sonntag und an allen größeren Festen zumindest das Hochamt und die Vesper figuraliter ausgeführt. Für gewisse Repräsentationsmusiken wurden spätestens seit dem Ende des 17. Jh.s Trompeten und Pauken eingesetzt. Von den ersten nachweisbaren Komponisten aus den Reihen der Konventualen, P. Innocentius Mayr (1691–1748) und P. P. Elsasser, der Arien, Sinfonien (= Kirchensonaten?) und Partiten komponierte, sind leider keine Werke erhalten geblieben.

Im Jahr 1700 ließ Abt Jakob Zwigott eine Orgel (I/9) anfertigen, die wahrscheinlich von der Grazer Werkstätte A. Schwarz geliefert wurde. Vermutlich wurde diese Orgel bereits 1738 anlässlich der beginnenden Abtragung der romanischen Stiftskirche in die Pfarrkirche von Gratwein/St übertragen und dort 1916 durch ein Instrument aus der Werkstätte Alb. Mauracher (Salzburg) ersetzt. 1749 wurde der heutige Sommerchor fertig gestellt und gleichzeitig eine neue Chororgel (I/11) von J. G. Mitterreither errichtet, deren Spuren sich um 1950 verlieren. 1772 errichtete der Grazer Orgelbauer A. Römer die große Orgel der Stiftskirche (II/17), deren Gehäuse noch erhalten ist (s. Abb. 2). Infolge der Beschlagnahmung durch die Nationalsozialisten in den letzten Kriegsjahren entstand auch an der Orgel größerer Schaden. Nach langen Beratungen und oftmaligem Abwägen entschloss man sich letztlich, die alte Orgel abzubauen und durch ein elektropneumatisches Werk der Firma Dreher & Reinisch (Salzburg) zu ersetzen. Die neue Orgel wurde 1951–63 in mehreren Etappen gebaut. Sie verfügte zuletzt über 35 Register und zusätzlich zwei seitlich angeordnete neue Prospekte. Die Orgel wurde 2010 bis auf das Manualwerk im barocken Originalgehäuse abgetragen, ein Neubau ist in Planung. 1980 wurde ein vermutlich aus dem 18. Jh. stammendes Orgelpositiv mit drei Registern aus dem Besitz des Stiftes R. vom Landesmuseum Joanneum wieder zurückgegeben und im Presbyterium der Stiftskirche aufgestellt (s. Abb. 3). In der Marienkapelle befindet sich seit 2003 eine barocke Orgel aus der Kapelle des Schlosses Stadl an der Raab in Pichl an der Raab/St, die von Walter Vonbank instand gesetzt wurde.

Blieb dem Stift zwar die Aufhebung unter K. Joseph II. erspart, so erlitt die Liturgie und somit die Ausübung des Choralgesanges im Zuge der Reformen (Josephinismus) große Einbußen. Der Choralgesang kam fast völlig zum Erliegen.

Seit der Gründung der Pfarre R. und der Errichtung einer Pfarrschule 1786 standen auch begabte Kinder aus der Umgebung des Stiftes für die Kirchenmusik zur Verfügung. Aus dem letzten Drittel des 18. Jh.s stammen die ältesten der heute noch erhaltenen Abschriften von Kirchenkompositionen der Wiener Klassiker und ihrer Zeitgenossen. Der erste Lehrer der R.er Pfarrschule, Sebastian Rauchleitner (1763–1829), betätigte sich auch als Komponist. Von ihm sind einfache geistliche Lieder für zwei Singstimmen und Orgel, typisch josephinische „Normalgesänge“ und zwei Variationszyklen für Klavier erhalten geblieben. Von P. Edmund Grienanger (1756–1803) ist ein dreistimmiges Pange lingua überliefert, das die älteste erhaltene Komposition eines R.er Paters darstellt.

Auf Wunsch seiner Eltern trat am 14.3.1812 der 18-jährige A. Hüttenbrenner in das Stift R. ein, das er allerdings noch im Noviziat, jedenfalls vor Ende Oktober des folgenden Jahres wieder verließ. Hüttenbrenner, der später in Wien bei A. Salieri Komposition studierte und dort mit seinem Kollegen Fr. Schubert in freundschaftlichen Kontakt kam, avancierte zum wohl bedeutendsten steirischen Komponisten der 1. Hälfte des 19. Jh.s. Er blieb dem Stift auch weiterhin verbunden.

Unter Abt Ludwig Crophius Edlen von Kaiserssieg (1823–61) konnte sich das Stift nach den josephinischen Restriktionen wieder in vielerlei Hinsicht festigen. Der geistige und kulturelle Aufschwung brachte um 1840 einen zwar kurzen, aber markanten Höhepunkt der Musikausübung in R. J. E. Schmölzer war 1838–44 Steuereinnehmer im Stift. In seiner Autobiographie schildert er recht ausführlich das musikalische Leben von R. Seinem Bericht und anderen Quellen zufolge bestand ein Ensemble, gebildet aus musizierenden Konventualen, den Schulmeistern, musizierenden Stiftsbeamten, Frauen und Töchtern sowie begabten Schulkindern (Musikverein), das hauptsächlich für die musikalische Gestaltung der Gottesdienste verantwortlich war, aber auch auf profanem Sektor (z. B. kleine Opernaufführungen) hervortrat.

In diese Zeit fallen auch die Anschaffung zahlreicher Instrumente und Notenmaterialien sowie die Erstellung eines umfangreichen Musikalienkataloges. Stift R. genoss in Musikerkreisen einen guten Ruf und wurde zu einem nicht unbedeutenden Anziehungspunkt. Infolge heftiger Auseinandersetzungen um die richtige Ordensdisziplin, die bis ins frühe 20. Jh. andauerten und der immer häufigeren Abwesenheit des Abtes sanken das Niveau und die Häufigkeit der musikalischen Aufführungen wiederum beträchtlich. Erst wieder zur Zeit des Ende 1857 berufenen Schullehrers Josef Bauer (1816–79), der sich auch kompositorisch betätigte, erlebte das musikalische Leben einen weiteren Aufschwung. Etwa zur selben Zeit macht sich wieder eine verstärkte Wertschätzung des gregorianischen Chorals bemerkbar, auch wenn dieser noch bis zum Ende des 19. Jh.s aus Büchern gesungen wurde, die den verstümmelten Reformchoral des 17. Jh.s wiedergeben. Erst die um die Jh.wende von den Trappisten von Westmalle/B nach dem Vorbild der Mönche von Solesmes/F aufgrund umfangreicher Quellenstudien erarbeiteten Ausgaben des ursprünglichen Zisterzienserchorals (Choralreform) boten auch in R. bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil die Grundlage für die Pflege des mittelalterlichen liturgischen Gesanges. In erster Linie auf Betreiben der Regentes chori P. Franz Sales Bauer, der dem Stift 1900–09 als Abt vorstand, und P. Heinrich Schopper erhielt die R.er Kirchenmusik seit etwa 1870 ein ausgesprochen cäcilianisches Gepräge.

In der 1. Hälfte des 20. Jh.s bzw. bis zur Beschlagnahmung des Stiftes durch die Nationalsozialisten im Jahre 1941 regierten Äbte, die musikalischen Belangen sehr aufgeschlossen waren. Nahmen zu Beginn dieses Jh.s geistliche Werke cäcilianischer Komponisten noch einen Großteil des Kirchenchorrepertoires ein, so macht sich unter den Regentes chori P. Hugo Holzer und P. Siegmund Mayrhofer (1904–66) ab den späten 1920er-Jahren eine verstärkte Pflege der Werke der großen Wiener Klassiker bemerkbar, die auch für die folgenden Jahrzehnte tonangebend bleiben sollten. Wenn auch Beispiele für das Musizieren im profanen Bereich nicht fehlen – Abt Ernst Kortschak stammte aus einer Grazer Musikerfamilie (Kortschak) und betrieb selbst Kammermusik –, so konnte das hohe Niveau der Musikausübung und -pflege der Jahre um 1840 allerdings nicht wieder erreicht werden. Zu den größeren Leistungen auf musikalischem Sektor gehört weiters die Gründung eines stiftseigenen Knabenchores, dessen Anfänge in das Jahr 1936 zurückreichen. 1947 wurde auf Initiative P. S. Mayrhofers ein Konvikt gegründet, das zunächst als Sängerknabeninstitut geführt und später in ein Gymnasium umgewandelt wurde.

Der nach dem Zweiten Weltkrieg von P. S. Mayrhofer aufgebaute Kirchenchor wurde nach seinem Tod von Franz Tettmann (bis 1972) und Wolfgang Popp weitergeführt. 1985 wurde der Chor aufgelöst und ein Jahr später als Kirchenchor von Gratwein neu konstituiert. Auf Anregung von Abt Robert Beigl (1954–96) gründete W. Popp 1996 ein klein besetztes Kirchenmusikensemble unter dem Namen Musica Runensis, welches hauptsächlich steirische Kirchenmusik aus Barock und Klassik zur Aufführung bringt. Infolge der einschneidenden Änderungen der Liturgie nach den Bestimmungen des Zweiten Vatikanischen Konzils wurden die Choral-Ausgaben von Westmalle nur mehr bedingt brauchbar. Bis heute (2005) sind die Zisterzienser auf Behelfsmittel angewiesen. In den Jahren 1976–79 wurde in Heiligenkreuz für das Chorgebet ein eigenes Offizium erarbeitet, das auch in R. verwendet wird. 1994 wurde in R. ein neues Choralbuch mit dem Titel Liber Cantus ad usum proprium Abbatiae Runensis aus verschiedenen jüngeren Choralausgaben zusammengestellt.

1972 wurde der R.er Kreis gegründet, ein Kulturverein, der sich die Aufgabe gestellt hat, R. zu einem Zentrum von Bildungsarbeit, Ausstellungen, Dichterlesungen, Konzerten etc. auszubauen. Zu den bedeutendsten Aktivitäten auf musikalischem Sektor zählen neben der Veranstaltung von zahlreichen Konzerten mit namhaften Künstlern die Initiative zur Restaurierung der beiden historischen Klaviere aus dem Besitz des Stiftes sowie 2003 die Anschaffung eines Orgelpositives von 1725 (?) mit sechs Registern für die Winterkirche des Stiftes.


Literatur
Chronologisch: S. Mayrhofer in SK 11 (1964); K. Mitterschiffthaler in Studien und Mitt. des Benediktiner-Ordens und seiner Zweige 89 (1979); R. Beigl in P. Rappold et al. (Hg.), [Fs.] Stift R. 1129–1979. 850 Jahre Kultur und Glaube 1979; H. Sieveking, Der Meister des Wolfgang-Missale von R. Zur österr. Buchmalerei zwischen Spätgotik und Renaissance 1986; K. Hubmann, Materialien zur Gesch. der Musikpflege im Zisterzienserstift R. und in seinen Pfarren, Diss. Graz 1991; G. Allmer in N. Müller et al. (Hg.), [Kat.] 900 Jahre Zisterzienser – Musikschaffen im Stift R. 1998; MGG 9 (1998) [Zisterzienser]; I. Eberl, Die Zisterzienser. Gesch. eines europäischen Ordens 2002, 180–192; W. Popp in Segmente 9, Rein 2002; G. Allmer in Principal 14 [2011]; G. Lade in Das Orgelforum Nr. 5 (2002); www.stift-rein.at (3/2005).

Autor(en)
Klaus Hubmann
Empfohlene Zitierweise
Klaus Hubmann, Art. „Rein‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 12/11/2018]