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Romanze
Ursprünglich Bezeichnung für ein Erzähllied auf historische, biblische Stoffe oder über Heldentaten, Liebesthemen u. a. (vergleichbar mit der europäischen Volksballade), das seit dem Mittelalter bis in die Gegenwart bei verschiedenen Anlässen in allen hispanischen Regionen und allen iberoromanischen Sprachen (Spanisch, Katalanisch, Portugiesisch, Galizisch) tradiert wurde (span. und frz. romance, von lat. romanice). Als Grundlage wurde hier die literarische Form der Aneinanderreihung einer variablen Zahl von Doppelzeilen mit 8 + 8 oder 6 + 6 Silben mit Gleichklang zwischen zwei oder mehreren Endungen an den Versenden verwendet, die oft durch Refrains erweitert wurde. Die Romance wurde entweder solistisch (mit Instrumenten wie Drehleier, Geige, Zupfinstrumenten, oder ohne Instrumente) oder als Gruppengesang (mit Schellentrommel und Kastagnetten u. a.) vorgetragen. Während der Regierungszeit von Isabella I. und Ferdinand II. (1469–1516) entwickelte sich der ursprünglich einstimmige Erzählgesang in den aristokratischen Kreisen zu einer viel beachteten bis zu vierstimmigen Form und blieb unter der Bezeichnung Romances viejos oder Romances nuevos bis zum Beginn der Barockzeit eine der wichtigsten Gattungen der spanischen Renaissance.

In Frankreich wurde der Begriff R. zunächst für eine literarische Form gebraucht; als Liedtitel erscheint diese Bezeichnung zum ersten Mal in der Opera buffa Devin du village (1752) von Jean-Jacques Rousseau. Um 1760 wurde die R. als Einlage zur Stimmungs- oder Gefühlsvermittlung in die Oper eingeführt und in dieser Funktion während der 1. Hälfte des 19. Jh.s verwendet (z. B. Robert le Diable von G. Meyerbeer). Darüber hinaus wurde seit 1780 in Frankreich unter dieser Bezeichnung auch ein strophisches Sololied mit Begleitung von Klavier, Gitarre, Harfe oder Lyra aus dem Bereich der Salonmusik gepflegt. Vor und um 1800 wurde der Begriff R. für volkstümliche Erzählgesänge stellvertretend für die heutige Bezeichnung Volksballade (Ballade) verwendet. Seit ca. 1820 kam es zur Erweiterung dieses Begriffs als Sammelbezeichnung auf sämtliche Sololieder wie auch auf durchkomponierte Lieder (z. B. Fr. Schuberts Ein Fräulein klagt im finstern Turm [D 114] oder die R. des Richard Löwenherz [D 907]). Um 1850 wurde diese Bezeichnung durch den Ausdruck Ballade ersetzt.

Die französische vokale Romance verbreitete sich rasch in ganz Europa wie Skandinavien, England, Italien und insbesondere in Deutschland und später auch Russland. In Deutschland ist diese Form zunächst als Bestandteil der Opéra comique anzutreffen, danach als selbständige Komposition mit erzählender Funktion oder als Einlage mit historisierenden oder exotischen Themen im deutschen Singspiel (Die Entführung aus dem Serail von W. A. Mozart). Den Höhepunkt erlebte die R. als geeignete Form zur Vermittlung „romantischer“, exotischer oder überhaupt fremdartiger Inhalte und Stimmungen in der aufkommenden romantischen Oper (Undine von E. T. A. Hoffmann, Freischütz und Euryanthe von C. M. v. Weber u. a.).

Als Pendant zur vokalen Romance und aus der Praxis des späten 18. Jh.s hervorgehend entstanden praktisch zur selben Zeit in Frankreich, Österreich u. a. Instrumentalwerke, die entweder als selbständige, einsätzige Komposition oder als Mittelsatz eines zyklischen Werkes wie der Symphonie (Sinfonie op. 5, Nr. 2 von François-Joseph Gossec, 1761), des Konzertes [II] oder der Serenade (vgl. die zweiten Sätze des Hornkonzertes KV 447 [1783], des Klavierkonzertes KV 466 [1785] oder der Kleinen Nachtmusik KV 525 [1787] von W. A. Mozart) konzipiert waren. Hauptmerkmale dieser instrumentalen R.n waren das langsame Tempo, ein ausgeprägt homophoner Satz und eine kantabel geführte Oberstimme als Kontrast zu der zurückhaltenden und eher eintönigen Begleitung. Diese Tradition fand im 19. Jh. ihre Fortsetzung, als der Adagio-Satz eines Instrumentalkonzertes durch eine – in Rondoform oder der dreiteiligen Liedform ABA komponierte – R. ersetzt wurde (z. B. F. Chopin: 2. Satz des Klavierkonzerts e-Moll op. 11, J. Brahms: 2. Satz des Streichquartetts op. 51, Nr. 1).

Eine beachtliche Rolle erhielt die R. in der Soloviolin- und Violoncelloliteratur. Nach den Vorbildern der französischen Violinschule (Pierre Gaviniès) entstanden im 19. Jh. neben den Sätzen in Sonaten oder Konzerten auch eigenständige Kompositionen, wie die zwei Violinromanzen L. v. Beethovens (op. 40 und op. 50). Schon hier, wie auch in den später entstandenen Werken von A. Dvořák (R. für Violine und Orchester f-Moll op. 11, 1877), Max Bruch (R. a-Moll für Violine und Orchester op. 42, 1878) oder Max Reger (zwei R.n G, D, für Violine und Orchester, op. 50, 1900) vereinen sich die typische poetisierende Melodik mit zahlreichen hochvirtuosen Elementen, die diese Werke zu Prüfsteinen der Violinliteratur machen. Im Gegensatz dazu erfüllten die zahlreichen im 19. Jh. entstandenen autonomen Klavierstücke oder die für Klavier, Harfe oder Gitarre arrangierten vokalen R.n primär die Funktion der gefälligen Gebrauchsmusik. Im 20. Jh. verlor die R. weitgehend an Bedeutung; gelegentlich wird dieser Begriff in parodisierendem Kontext verwendet (z. B. P. Kont: R.n für Singende Säge und Klavier, 1983).


Literatur
MGG 11 (1963) u. 8 (1998); NGroveD 21 (2001); W. Wiora, Europäischer Volksgesang 1951; R. A. Pelinski, Die weltliche Vokalmusik Spaniens am Anfang des 17. Jh.s. Der Cancionero Claudio de la Sablonara 1971; R. Gstrein, Die vokale R. in der Zeit von 1750 bis 1850, 1989; H. Gülow, Studien zur instrumentalen R. in Deutschland vor 1810, 1987; Th. Binkley/M. Frenk (Hg.), Spanish Romances of the Sixteenth Century 1995; H. Schneider/N. Wild (Hg.), Die Opéra comique und ihr Einfluß auf das europäische Musiktheater im 19. Jh. 1997, 93–119.

Autor(en)
Dagmar Glüxam
Empfohlene Zitierweise
Dagmar Glüxam, Art. „Romanze‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]