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Satzlehre
Theoretisch fundierte und schriftlich niedergelegte Lehre vom musikalischen Satz; gemeinhin Sammelbezeichnung für Kontrapunkt, Generalbass und Harmonielehre, Lehrfächer der mehrstimmigen Komposition. Als Teilbereiche der Kompositionslehre existierten die genannten Fächer im 19. Jh. ungestört nebeneinander. Sie akzentuieren jeweils unterschiedliche Aspekte des Satzes. Ihre historischen Wurzeln reichen unterschiedlich weit zurück. Der Kontrapunkt etablierte sich im 14. Jh. im Grenzbereich von Komposition und vokaler Improvisation. Die ältere Kontrapunktlehre entsprach im Wesentlichen einer Lehre der (zweistimmigen) Intervallprogression. Im Zeitalter der harmonischen Tonalität wurde die Kombination relativ selbständig geführter Stimmen zum Gegenstand des Faches Kontrapunkt. Der Generalbass war eine Errungenschaft der instrumentalen Aufführungspraxis im 17. Jh. In ihm wurden Notation und improvisatorische Ausführung der Continuo-Stimmen kodifiziert. Der musikalische Satz wird als Folge von Griffen betrachtet. Die Generalbasslehre fasst kumulativ verschiedene Möglichkeiten des Akkordaufbaus zusammen. Die Harmonielehre, deren Prototyp Jean-Philippe Rameaus Traité de l’harmonie (1722) darstellt, basiert auf Ideen der Aufklärung. Sie zielt auf eine rationale Durchdringung des musikalischen Satzes mithilfe einiger weniger Prinzipien. Auf Basis der Idee von Akkordumkehrungen schafft die Harmonielehre ein System der Akkorde und ihrer Fortschreitung.

In der Zwölftonkomposition der Zweiten Wiener Schule wurden die Gegenstandsbereiche von Kontrapunkt und Harmonielehre als die beiden Dimensionen des Satzes, Horizontale und Vertikale, zusammengeführt. Die Anordnung der Töne in beiden Dimensionen wird von der Reihe und ihren Transformationen bestimmt, was eine getrennte Betrachtungsweise (atonaler Kontrapunkt, atonale Harmonik) überflüssig macht.

Kennzeichnend für österreichische Traditionen der S. sind das anfängliche Aufgreifen auswärtiger Impulse aus Frankreich (Kontrapunkt, Harmonielehre) und Italien (Generalbass) und das relativ späte Einsetzen einer schriftlichen Verbreitung durch Lehrbücher lokaler Autoren; ein langes Festhalten an der Generalbasslehre bis ins 19. Jh.; die Wirkung der Fundamentalbasstheorie auf die harmonischen Konzepte von H. Schenker, A. Schönberg und E. Kurth; schließlich die starke Ausprägung der linearen Satzkomponenten in der österreichischen Tradition (J. J. Fux, Schenker, Kurth). Abgesehen von Schenker und Kurth, deren Studien zu Kontrapunkt und Harmonik primär analytisch, d. h. nicht wie S. gemeinhin auf unmittelbare kompositorische Umsetzung ausgerichtet sind, entfalteten die Kontrapunktlehre von J. J. Fux und Schönbergs Methode der Komposition mit zwölf Tönen die größte internationale Wirkung.


Literatur
K.-J. Sachs in F. Zaminer (Hg.), Die mittelalterliche Lehre von der Mehrstimmigkeit 1984; R. Wason, Viennese Harmonic Theory from Albrechtsberger to Schenker and Schoenberg 21995.

Autor(en)
Martin Eybl
Empfohlene Zitierweise
Martin Eybl, Art. „Satzlehre‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]