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Schallarchive
Sammlungen von Schall- (Ton-)trägern mit einer umrissenen Sammlungs- und Zugangspolitik sowie dem Bestreben zur langfristigen Bewahrung der Bestände. Nicht nur im deutschsprachigen Bereich werden auch die Bezeichnungen Phonothek (frz. phonothèque, ital. fonoteca, discoteca) bzw. Mediathek angetroffen, die zumeist auf eine der Öffentlichkeit zugängliche Sammlung hinweisen. Im Englischen ist neben recorded sound collection auch sound archive als Gattungsbegriff üblich, wobei allerdings auch oft zwischen sound archives als einer Sammlung von unikalen (Original-)Aufnahmen und record libraries als einer von publizierten Tondokumenten (LPs, CDs) unterschieden wird. Vom Aufgabenbereich sowie der Benützergruppe her unterscheidet man zwischen nationalen Sch.n (Phono-/Mediatheken), Forschungsarchiven und Rundfunk-Sch.n.

Die frühesten Sch. waren Gründungen der Wissenschaft, das älteste das Wiener Phonogrammarchiv 1899 (Phonographie, Phonogrammarchiv). Nationale Sammlungen wurden erst ab den 1920er Jahren gegründet (an der Music Division der Library of Congress, Washington, DC/USA, 1926; Discoteca di Stato, Rom, 1928; Phonothèque nationale, Paris, 1938). In den seit 1922 entstandenen Rundfunkanstalten wurden ebenfalls zunächst Schallplattensammlungen angelegt. Ein großer Aufschwung aller Formen von Sch.n stellte sich nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Die magnetische Schallaufzeichnung begünstigte gleichermaßen Rundfunk- und wissenschaftliche Archive, letztere insbesondere durch die Verfügbarkeit batteriebetriebener Tonbandgeräte seit Mitte der 1950er Jahre, die überall auf der Welt phonographische Feldforschung in neuen Dimensionen ermöglichten und so indirekt zu einer enormen Förderung der Ethnomusikologie beitrugen. Die Sammlungen von publizierten Dokumenten wurden durch die florierende Schallplattenindustrie ebenso gefördert wie durch die Pflichtablieferung massenvervielfältigter Tonträger, in Frankreich gesetzlich analog der Pflichtablieferung von Druckschriften bereits 1925 eingeführt (in Österreich besteht eine derartige Pflichtablieferung bis heute [2005] nicht).

Mit dem breiten Aufkommen videographischer Dokumente für den Heim-, Unterrichts- und Forschungsgebrauch seit den 1980er Jahren, begünstigt auch durch die technische Konvergenz von Audio- und Videoaufzeichnungen, schließen viele Sch. letztere in ihre Sammeltätigkeiten mit ein und werden so zu audiovisuellen Archiven (wie z. B. Phonogrammarchiv und Österreichische Mediathek [Phonothek]). Filmarchive bleiben vielfach, jedenfalls in Österreich, eigenständig.

Unterschiedlich ist die Bedeutung von Sch.n für die Teildisziplinen der Musikwissenschaft: Schall- und mittlerweile auch Videoaufnahmen sind die Primärquellen schlechthin für die Ethnomusikologie, die zu einer engen Verknüpfung der Entstehungsgeschichte der Disziplin mit der der Archive führte. Obwohl über 90 % des aktuellen Musikkonsums über die Schallaufnahme laufen, und obwohl die Musikinterpretation im Zentrum des Musikfeuilletons steht, ist mangels einer breiten, systematischen Interpretationsforschung die Schallaufnahme als Quelle für weite Teile der historischen Musikwissenschaft noch ohne adäquate Bedeutung. Sieht man von der Jazzforschung ab, die sie als erste entwickelte, bleibt Diskographie bis heute im Wesentlichen die Domäne von Sammlern; eine Diskologie als systematische Quellenkunde hat sich noch nicht wirklich entwickelt. Sch.n (bzw. audiovisuellen Archiven) kommt aber insofern auch für die klassischen Bereiche der Musikwissenschaft steigende Bedeutung zu, als ihre Bestände regen Einsatz im universitären und schulischen Musikunterricht finden.

Neben Phonogrammarchiv und Österreichischer Mediathek sind als größte Sch. hierzulande zunächst die des Österreichischen Rundfunks im Funkhaus Wien sowie in den Bundesländerstudios zu nennen. Ihre Benützbarkeit für Außenstehende ist jedoch aus rechtlichen und organisatorischen Gründen nur bedingt möglich. Neben dem Phonogrammarchiv verfügt auch das Archiv des Österreichischen Volksliedwerkes , seit 1994 Abteilung der Österreichischen Nationalbibliothek (Archive und Bibliotheken), über einen geordneten Bestand an wissenschaftlichen audiovisuellen Primärquellen. Als Dachverband der Volksliedwerke der Bundesländer verbindet es deren Sammlungen, die nach einheitlichen Richtlinien die regional-spezifischen Dokumente verwalten. Hiezu gesellen sich in Institutionen der Forschung und Kultur kleinere Bestände an Archivmaterialien im engeren Sinn, also unikale Originalaufnahmen: audiovisuelle Sammlungen von Theatern, Konzertveranstaltern, Jazzklubs, Orchestern, z. B. der Wiener Philharmoniker und Wiener Symphoniker , Kulturvereinen, die jedoch nicht alle öffentlich zugänglich sind. Über ansehnliche Sammlungsbestände an publizierten audiovisuellen Dokumenten verfügen die Musikabteilungen der öffentlichen Bibliotheken, insbesondere der Nationalbibliothek, die Bibliotheken der Musikuniversitäten (Universität für Musik und darstellende Kunst) sowie die musikwissenschaftlichen Universitätsinstitute.

Die wichtigsten audiovisuellen Archive Österreichs sind als Media Archives Austria (maa), vormals Arbeitsgemeinschaft audiovisueller Archive Österreichs (AGAVA), gegründet 1975 als Arbeitsgemeinschaft österreichischer Schallarchive (AGÖS), auf vereinsrechtlicher Basis zusammengeschlossen.

Arbeiten die größeren Archive Österreichs zügig an der langfristigen Sicherung ihrer Audio- und Videobestände, die nur in digitaler Form möglich ist, so zeichnet sich (2005) mittelfristig für die kleineren Sammlungsbestände an wissenschaftlichen und kulturellen Institutionen ein erhebliches Problem ab. Es ist nicht nur die inhärente Instabilität der herkömmlichen Datenträger, zumeist Magnetbänder, die zum Verlust der Inhalte durch den Zerfall der Originalträger führen wird. Schwerer noch wiegt der Umstand, dass bereits kurzfristig die Verfügbarkeit einwandfrei funktionierender Wiedergabegeräte für die meisten traditionellen Aufnahmeformate nicht mehr gegeben sein wird und dass sogar die technisch einwandfreie Justage und Bedienung der Geräte rapide in Vergessenheit geraten wird. Damit werden auch physisch tadellos erhaltene Bestände unspielbar. Das Problem kann nur durch arbeitsteilige Kooperation auf der Basis einer nationalen Strategie und einer hinreichenden Finanzierung gelöst werden.


Literatur
Das Schallarchiv. Informationsbl. der Arbeitsgemeinschaft Österr.er Schallarchive 1–22 (1977–87), fortgesetzt als Das audiovisuelle Archiv, hg. v. der Arbeitsgemeinschaft audiovisueller Archive Österreichs 23/24–46 (1988–2002) [eingestellt]; R. Holzbauer et al., Hb. audiovisueller Medien in Österreich 1989; www.medienarchive.at (5/2005) [Media Archives Austria].

Autor(en)
Dietrich Schüller
Empfohlene Zitierweise
Dietrich Schüller, Art. „Schallarchive‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 12/07/2007]