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Seitenstetten
Benediktinerstift (und Marktgemeinde) nahe Amstetten, 1109 von den Hochadeligen Reginbert und Udalscalc als Kanonikerkloster gegründet; 1112 als Benediktinerkloster neu gegründet und von Göttweig aus besiedelt. Durch Erzb. Wichmann von Magdeburg/D erhielt S. 1184/85 bedeutende Güter. Aus dieser Zeit stammt auch der älteste Teil der Klosteranlage, die sog. Ritterkapelle. Das sog. S.er Graduale (Ms. CXXVII), das in den 1930er Jahren nach Amerika verkauft werden musste (Baltimore, Walters Art Gallery, W. 33), stammt ebenfalls aus der Zeit der Klostergründung und ist Melker Provenienz (zw. 1150/75). Eine weitere vom Kloster verkaufte Handschrift, ein Missale/Sakramentar aus der Zeit um 1270 (Cod. XIV), liegt heute in New York/USA (Pierpont Morgan Library, M. 855). S. selbst verfügte nur über ein bescheidenes Scriptorium, das auch nicht regelmäßig arbeitete, wenngleich unter Abt Dietmar II. (1337–48) fünf Musikhandschriften in Quadratnotation (Notation) hergestellt wurden. Diese Handschriften sind nicht mehr vollständig erhalten, 2011 aufgefundene Fragmente mit Quadratnotation könnten jedoch Teil dieser Codices gewesen sein. Ebenfalls von Beginn an scheint S. über eine Schule verfügt zu haben, in der neben dem Nachwuchs auch weltliche Zöglinge ausgebildet wurden; es ist anzunehmen, dass die Schüler auch Musikunterricht erhielten, doch ist ein Kantor, der eigens für die Sängerknaben zuständig war, erst für 1580 belegt. Die Knaben scheinen auch für mehrstimmiges Musizieren in der Kirche herangezogen worden zu sein, wie dies aus den Visitationsprotokollen der Melker Reformer (1419) bzw. des Bischofs von Passau/D (1431) hervorgeht, die diese Praxis in S. bemängeln und untersagen. In der zweiten Hälfte des 15. Jh.s wurde der Melker Reformchoral in S. eingeführt. Verschiedene Handschriften beinhalten eine durch Melk beeinflusste Liturgie (u. a. Missale Cod. CXIX, 1493; Antiphonarium Cod. CXX, um 1490; beide mit gotischer- bzw. Quadratnotation, einige nicht notierte Breviarien). Erwähnenswert ist ein großformatiges Chorgraduale (Cod. CCCVI, 2. H. 15. Jh.) mit aufwändiger Buchillumination, das eindeutig für S. bestimmt ist (u.a. Darstellung des Gründers Udilscalc mit Klosterwappen) und eine Zisterzienser liturgische Ordnung enthält. Unter Abt Johannes (1431) wurde die Kirche fertig gestellt, erste Nachrichten über einen Orgelbau stammen jedoch erst aus 1490. Ab 1520 sind die Namen der Organisten bekannt; 1584 fertigte ein einheimischer Orgelbauer ein Positiv für das Stift an, 1607 wurde die alte Orgel in der Kirche erweitert und den Anforderungen der Zeit angepasst. 1572 hatte nach einer Zeit des Niederganges mit Abt Christoph Held die Gegenreformation und eine Erneuerung des Klosterlebens eingesetzt, die durch seine Nachfolger Bernhard Schilling (1602–10) und Kaspar Plautz (1610–27) fortgesetzt wurde. Seit dem 16. Jh. scheint es auch einen Regens chori im Stift gegeben zu haben, doch kann dieses Amt erst mit dem Einsetzen der Rechnungsbücher 1613 genau belegt werden. Plautz, der S. in das Barock führte, war der Sohn eines Musikers und soll selbst ein guter Sänger gewesen sein. Der hoch gebildete und weitsichtig agierende Abt förderte die Musik und führte statt des monastischen den römischen Choral in S. ein (Ankauf eines Graduale Romanum und eines Psalterium Romanum 1619); 1615 wird erstmals in den Akten die Bezeichnung „Cantorey S.“ erwähnt. Die Musik war – ausgenommen vom Regens chori, der Mitglied des Konvents war – Laien anvertraut (je ein Tenor und Bass, ein Organist; die Oberstimmen wurden von den Sängerknaben bestritten); die Instrumentalstimmen wurden meist von den Thurnern von Waidhofen a. d. Ybbs, Enns bzw. Steyr gestellt; auch Spenden an „Singer“ aus den umliegenden Gemeinden und befreundeten Stiften sind zu finden (Lambach, Kremsmünster, Gleink, Strengberg/NÖ, Haag/NÖ, Amstetten); oft stehen diese Eintragungen in Verbindung mit Fanfarenblasen anlässlich größerer Festlichkeiten bzw. mit dem Ansingen zu Neujahr. Die Thurner besorgten oft für das Stift Musikalien und Instrumente bzw. deren Zubehör (Saiten, Mundstücke). 1661 und 1673 wurden Clavichorde angekauft, 1672 aus Salzburg Violen und ein großer Violone, 1672, 1685 und 1688 Trompeten, 1691 Fagotte und 1694 ein Baryton. Die Liste der Regentes chori wird mit M. Pruner 1630 eröffnet, dem P. Ä. Loth folgte. Sein Nachfolger, P. E. Vogt (ca. 1654–62) war auch als Komponist tätig. Ihm folgten P. A. Pieringer (1662–72), P. A. Kerner (1672–ca. 1687) und P. W. Pfleger (1697–1705). Die Komponisten P. A. Weissenhofer und P. H. Hueber waren an der Schule tätig, ebenso der auch als Organist bekannte P. Gabriel Fideli. Für 1629–38 wird G. Ziegler als Organist erwähnt; auch J. A. Scheibl, der ca. 1737 an das Augustiner-Chorherrenstift St. Pölten berufen wurde und als dessen bedeutendster Musiker gilt, war 1734–37 in S. tätig gewesen. In die Barockzeit fällt mit der baulichen Umgestaltung des Stiftes auch der Neubau der Orgel durch L. Freundt 1688, die bis 1876 bestand; bereits 1635 hatte A. Butz eine kleine Chororgel für S. gebaut. Von den Musikalien der Barockzeit ist kaum etwas erhalten geblieben, da der Regens chori P. M. Ober (1769–74) die Altbestände radikal entfernte und eine umfangreiche Sammlung mit zeitgenössischer Musik anlegte. Unter den Organisten dieser Zeit sind Ch. Widmann (ab 1749) und F. Raab zu erwähnen. Auch die im 15. Jh. errichtete und durch S. betreute Wallfahrtskirche auf dem Sonntagberg/NÖ wurde barockisiert und 1774 mit einer bis heute (2005) erhaltenen Orgel von F. X. Christoph ausgestattet; Regens chori war P. M. Rothmayr, Organist M. Manser.

Sind für das 17. Jh. nur zwei Schuldramen bekannt, die in S. ufgeführt wurden (1628 Tiara und 1693 Drama de Christo patiente), förderte Abt D. Gußmann (reg. 1747–77) das Schultheater und wandelte es im Sinne der Aufklärung in eine „Sittenschule“ für die Bevölkerung um; in enger Zusammenarbeit mit Lambach (P. M. Lindemayr) errichteten die Patres N. Pambichler und Roman Digl (1727–95) ein Singspiel in S., das nicht nur Konventualen und Schülern, sondern auch den Bauern der Umgebung zur Erbauung und Bildung dienen sollte (mit Musik der Organisten Scheibl, Widmann und F. Sartori).

Die für die Musik bemerkenswerteste Persönlichkeit des 19. Jh.s in S. war zweifellos P. L. Puschl (1834–47 und 1854–71 Regens chori), der eine bedeutende Schubert-Sammlung anlegte. Mit P. M. Wenger (Regens chori 1871–1900) und P. I. Mayrhofer (1900–22) übernahmen zwei Anhänger des Cäcilianismus (wenngleich der gemäßigten Richtung J. E. Haberts) die Musik in S. Unter ihre Verantwortung fällt der Abbruch der Freundt-Orgel 1876, die durch ein Instrument J. Unterbergers ersetzt wurde; bereits 1883 musste diese Orgel grundlegend durch die Firma J. Lachmayr überarbeitet und 1912 erweitert werden (1989 wurde dieses Instrument durch ein Werk der Firma Pirchner [Reinisch] ersetzt). In der Kirche verbannte man das klassische Repertoire, doch hielt dieses in der weltlichen Form durch das Schulorchester und als Kammermusik wieder Eingang in das Stift.

Die Schule wurde 1814 in ein öffentliches Gymnasium umgewandelt, an dem Musik eine wichtige Rolle spielte: bis heute gibt es ein Schülerorchester (Streicher-Bläser-Ensemble), unter dem Bruckner-Freund P. Otto Fehringer wurde eine Blasmusikkapelle gegründet; und auch die seit dem 17. Jh. bestehende Tradition des Schuldramas wird in neuer Form bis heute (2005) weitergeführt.

S. legt heute großen Wert auf die Weiterführung seiner kulturellen Wurzeln und ist Veranstaltungsort für Konzerte (z. B. im Rahmen von Musica sacra bzw. der Internationalen Kirchenmusiktage) und Musikseminare (u. a. der Vokalpolyphonie Niederösterreich).


Literatur
Th. Antonicek/E. Hilscher in [Kat.] S. Kunst u. Mönchtum an der Wiege Österreichs 1988; MGÖ 1 u. 2 (1995); J. Haider, Die Gesch. des Theaterwesens im Benediktinerstift S. in Barock u. Aufklärung 1973; I. Weinmann in F. Grasberger/O. Wessely (Hg.), Schubert-Studien 1978; Hb. hist. Stätten/Donauländer u. Burgenland 1985; E. Kimmeswenger, Musikpflege im Benediktinerstift S. am Beispiel der S.er Sängerknaben, Dipl.arb. Wien 2000; www.stift-seitenstetten.at (12/2005); www.oeaw.ac.at/kmf/cvp (6/2012).

Autor(en)
Elisabeth Th. Hilscher
Robert Klugseder
Empfohlene Zitierweise
Elisabeth Th. Hilscher/Robert Klugseder, Art. „Seitenstetten‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]