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Semmering
Passlandschaft südlich von Wien an der Grenze von Niederösterreich und Steiermark. Bis zum 19. Jh. „wilde Gegend“, die ab 1854 mit dem Betrieb der als Pionierleistung bemerkenswerten, von Karl Ritter von Ghega geplanten Bahnlinie (1998 als erste Zugstrecke UNESCO-Weltkulturerbe) zunehmende Beliebtheit als Kurort und Sommerfrische erlangte. Der S. wurde dabei zu einem Ort, dessen bis heute besonders auf die Nachfolgeländer der österreichisch-ungarischen Monarchie wirksame Ausstrahlung auch für die Langlebigkeit von Einstellungen des kulturellen Gedächtnisses steht. Die Entwicklung zum bevorzugten sommerlichen Aufenthaltsort der Ringstraßengesellschaft erlebte ihren Höhepunkt von den späten 1880er Jahren (Entstehung großer Hotels und zahlreicher Villen) bis zum Ersten Weltkrieg. Viele Schriftsteller und Maler der Wiener Jh.wende haben Zeugnisse ihres Aufenthalts überliefert (u. a. Heimito v. Doderer, Arthur Schnitzler, Peter Altenberg, Egon Friedell, Oskar Kokoschka, Adolf Loos). Der Transfer des städtischen bürgerlichen Lebens in diese Landschaft profitierte von der Nähe zu Wien, die es erlaubte, Kontakte in geschäftlicher wie in kultureller Hinsicht beizubehalten. Dementsprechend ist diese Landschaft musikhistorisch nicht nur als Herkunftsort von Musikern (z. B. F. I. Hinterleitner, R. Kolisch), sondern auch in mehrerer Hinsicht als „Ableger“ der sich als Musikstadt etablierenden Metropole relevant: Pavillons und Hotelbars waren Schauplatz des für Kur- und Badeorte (Aufstieg von Reichenau an der Rax/NÖ zum Kurbad in den 1840ern) typischen Musiklebens (u. a. W. Jurmann als Barpianist). Der in den Villen gelebte bürgerliche Alltag beinhaltete künstlerische, d. h. auch musikalische Betätigung gemeinsam mit und zur Unterhaltung von Gästen, zu denen wie in der Stadt auch Künstler aller Sparten gehörten. Infolgedessen wurde der S. auch zum Ort von Inspiration – u. a. für F. v. Flotow (dessen dritte Frau ein Grundstück besaß), J. Brahms (der 1884/85 in Mürzzuschlag Teile der 4. Symphonie und mehrere Liederzyklen komponiert hat), G. Mahler (der als Operndirektor seine Sommerfrische vom Salzkammergut bzw. Wörthersee nach Breitenstein/NÖ verlegte, wo Alma 1913 ein Haus erwarb). Der als Erholung gewünschte Kontakt mit dem „ländlichen Leben“ führte auch hier zum Interesse für die örtliche Infrastruktur und die kulturellen Traditionen (u. a. hat G. Kotek eine Sammlung von Volksliedern publiziert).

Die Qualität als „mitteleuropäische Schlüssellandschaft“(Kos 1984) prägt die gegenwärtige touristische Vermarktung dieses Gebiets („Zauberberg“), in der sportliche Möglichkeiten und sog. Wellness-Angebote durch nostalgisch verbrämte literarische Veranstaltungen und Musikfestivals aufgewertet werden (Aufführungen und Lesungen in historischen Hotels, Sommerakademie Wien-Prag-Budapest, Brahmsmuseum und -konzerte in Mürzzuschlag).


Literatur
morgen. Kultur-Zs. aus Niederösterreich 16/82 (April 1992); W. Kos, Über den S. Kulturgesch. einer künstlichen Landschaft 1984; W. Kos (Hg.), [Kat.] Die Eroberung der Landschaft: S. – Rax – Schneeberg. Niederösterr. Landesausstellung, Schloß Gloggnitz 1992, 1992; S. Gatterer, Gesch. des Fremdenverkehrs am S., Dip.arb. Wien 1993; W. Rosner (Hg.), [Kgr.-Ber.] Sommerfrische. Aspekte eines Phänomens 1994.

Autor(en)
Cornelia Szabó-Knotik
Empfohlene Zitierweise
Cornelia Szabó-Knotik, Art. „Semmering‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]



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