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St. Florian
Augustiner-Chorherrenstift östlich von Linz. Es hatte sich aus einem spätantiken Wallfahrtszentrum rund um das Grab des heiligen Florian entwickelt, der am 4.5.304 wegen seines christlichen Glaubens in der Enns ertränkt worden und im Zuge der Geschichte seiner Verehrung wegen seines Märtyrertodes im Wasser zum Patron in Feuers- und Wassergefahren geworden ist. Die Reliquien des Heiligen, der seit 1971 Hauptpatron der Diözese Linz ist, liegen heute in Krakau (Kraków/PL). Hingegen befindet sich in der Stiftskirche das Grab der seligen Einsiedlerin Wilbirg (ca. 1230–89). Das im 8. Jh. bezeugte Kloster wurde 1071 vom seligen Bischof Altmann von Passau reformiert und in ein Augustiner-Chorherrenstift umgewandelt, gemäß den damals aktuellen spirituellen und politischen Strömungen der gregorianischen Reform. Nachdem die romanische Kirche durch Brand 1235 zerstört worden war, wurde die gotische Kirche 1291 eingeweiht. 1686 erfolgte die Grundsteinlegung für die barocke Basilika, 1751 wurde die gesamte Klosteranlage (Carlo Antonio Carlone und Jakob Prandtauer) vollendet.

Zeugnis vom kulturellen Leben des Stiftes gibt dessen Bibliothek, die ca. 800 Handschriften, 952 Inkunabeln und 150.000 Bücher verwahrt, aus denen zahlreiche Dokumente des musikalischen Lebens herausragen. Das älteste musikalische Zeugnis der Stiftsbibliothek sind neumierte Lamentationes in der Bibelhandschrift Cod. III 222a. Die Handschrift wurde im ersten Viertel des 9. Jhs. in Mondsee hergestellt, die Notation erst zu Beginn des 11. Jhs. nachgetragen. Wo diese Neumierung durchgeführt wurde, ist unbekannt. Bald nach der Reformierung des Stiftes 1071 setzte auch eine intensive Choralpflege ein, die sich u. a. in bedeutenden Handschriften des 12. Jh.s manifestiert, darunter die Missalien Cod. III 208 und Cod. XI 463. Bekanntere Musikhandschriften sind auch die Codices XI 410 (Psalterium und Hymnar) und XI 384 (notiertes Brevier). Bis ins 14. Jh. hinein wurden die liturgischen Bücher mit linienlosen deutschen Neumen notiert. Die spätmittelalterliche liturgische Ordnung des Stiftes, eine hauseigene Tradition auf der Basis der Passauer Diözesanliturgie, repräsentiert der Liber Ordinarius Cod. XI 398 aus dem Jahr 1512, welcher aufgrund seiner Liturgieerklärung mit dem Incipit „Secundum sex aetates“ ein Nahverhältnis zum Kreis der Ordinarien rund um den Salzburger Dom besitzt, ohne dessen Liturgie zu übernehmen. Der Ruf des Klosters als ein Zentrum liturgischer Neuschöpfung manifestiert sich nicht zuletzt in der Sequenzenproduktion. Wenigstens 14 Texte können eindeutig einem Autor aus St. F. zugeschrieben werden, darunter die Augustinussequenz Corda sursum eleventur, die Floriansequenz Salve martyr gloriose und die Barbarasequenz Ierarchia caelica sowie einige Mariensequenzen. Auch Versoffizien (Reimoffizium), wie jene für den Patron des Hauses, sind hier entstanden. Eine eingehendere Darstellung der mittelalterlichen Liturgie und Musik des Klosters, zu der auch eigene Varianten der Visitatio sepulchri (mit dem Osterlied Christ ist erstanden) gehören, steht (2013) noch aus. Mehrstimmige Musik ist seit der 2. Hälfte des 15. Jh.s nachgewiesen (Fragment in Cod. XI 128 mit Mensuralnotation, um 1470), 1475 wird der erste Organist, ein Kleriker, erwähnt. Ihm standen eine große und eine kleine Orgel zur Verfügung. In Rechnungsbüchern darauffolgender Zeiten findet man Organisten, Kantoren und Lehrer, die kirchenmusikalische Dienste zu verrichten hatten. Im 15. Jh. kann man von einer florierenden Kantorei ausgehen, deren Mitglieder auch über die Grenzen des Stiftes hinaus musikalisch tätig waren. Im 16. Jh. ist Instrumentalmusik in Kirche und Kammer nachweisbar. 1603 wurden sieben Violen und ein Diskant gekauft, 1612 war im Speisesaal des Kaisertraktes ein Regal mit Pedal vorhanden. Im um 1720 abgetragenen sog. Bläserturm befand sich auch ein Hornwerk, das in der 2. H. des 17. Jh.s immer vor der festlichen Prälatentafel ertönen musste.

Wie es dem Brauch der meisten Augustiner-Chorherrenstifte entspricht, wurden auch in St. F. in der Klosterschule junge Sänger herangebildet. Von den zukünftigen Novizen forderte man vor Eintritt ins Kloster u. a. auch Gesangskenntnisse. Nach der Reform der Lateinschule 1619 wurden zwölf Sängerknaben auf die höheren Studien in Linz vorbereitet, welche nach erfolgtem Stimmbruch beginnen konnten. Das Sängerknabeninstitut wurde unter den Beschränkungen des kirchlichen Lebens durch K. Joseph II. aufgelassen. Drei Sängerknaben wurden – wie an vielen anderen Orten auch – gegen Bezahlung durch das Stift beim Schulmeister und seinem Gehilfen aufgezogen und ausgebildet. Propst Michael Arneth reorganisierte 1824 das Sängerknabeninstitut, in welches A. Bruckner 1837 eingetreten ist. Seit 1960 sind die St. F.er Sängerknaben auch vermehrt als Konzertchor tätig. Der Chor steht seit 1983 unter der Leitung von Franz Farnberger (* 1952 Schrems/NÖ).

Den großen kulturellen Aufschwung nahm das Stift nach Bannung der Türkengefahr 1683. Figurale Kirchenmusik und Theaterproduktionen erblühten, Basis der täglichen Kirchenmusik bildete dennoch der gregorianische Choral, für den man im 18. Jh. Venezianer Drucke ankaufte, die z. T. (Psalterien) bis um 1965 verwendet worden sind. 1713 konnte die Kantorei von St. F. K. Karl VI. in Linz eine größere musikalische Aufwartung machen. Es sind im 18. Jh. auch etliche Namen von Hauskomponisten überliefert, die sowohl Chorherren als auch Stiftsangestellte waren. Josef Haug widmete um 1685 dem Propst David zwei Messen. Der Organist Johann Kaspar Merkl komponierte 1714 das Bühnenspiel Bacqueville Normandiae Comes, Kirchenmusik hinterließen K. Langthaler und Stefan Vogel († 1758). Der bedeutendste Barockkomponist des Stiftes war der Chorherr F. J. Aumann, Regens chori von 1755 bis zu seinem Tod. Sein Werk umfasst zahlreiche Gattungen der Kirchenmusik (37 Messen, 12 Requiem, Musik zur Vesper), aber auch Singspiele und eine Faschingsmesse (Parodie, auch W. A. Mozart zugeschrieben) sowie Instrumentalmusik. In seiner Amtszeit stellte F. X. Chrismann 1774 die große Orgel fertig, die später „Bruckner-Orgel“ genannt wurde. Das unter Einflüssen des italienischen Orgelbaus stehende damalige Rieseninstrument enthielt 59 Register auf drei Manualen. 1871–75 wurde die Orgel von M. Mauracher umgebaut und auf 78 Register erweitert, wobei einiges an altem Pfeifenmaterial verloren gegangen ist. 1930–32 wurde die Orgel nochmals von den Firmen Mauracher sowie Dreher & Flamm (M. Dreher) umgebaut und auf 92 Register aufgestockt. Wilhelm Zika gestaltete 1943–51 den letzten großen Umbau (103 Register auf 4 Manualen), bei dem der Charakter der Chrismann-Orgel wiederhergestellt und das Instrument um ein modernes Zusatzwerk ergänzt worden ist. Unter dem Stiftsorganisten A. F. Kropfreiter erfolgte 1992–96 durch die Firma Kögler (Oberösterreichische Orgelbauanstalt) der bislang letzte Umbau, der freilich nicht in die klangliche Substanz eingegriffen hat, sondern nur den technischen Zustand sanierte, auch in Hinblick auf Kropfreiter, dessen musikalisches Profil nur in enger Symbiose mit diesem Instrument zu verstehen ist.

Die josephinischen Reformen bedeuteten das Ende einer weitläufigen Kirchenmusiktradition, erst in der Mitte des 19. Jh.s waren diese Kahlschläge endgültig überwunden. Unter dem Chorherren I. Traumihler hielt der Cäcilianismus Einzug in das Stift. Zeitlebens mit den Chorherren verbunden war A. Bruckner. Als Junglehrer arbeitete er in St. F.er Stiftspfarren (Windhaag, Kronstorf) und wurde 1848 Stiftsorganist. Nach seinem Weggang 1856 nach Linz und während seiner ganzen Wiener Zeit blieb Bruckner dem Kloster treu verbunden, er ist auch in der Krypta unter der großen Orgel begraben. Eine bedeutende Musikergestalt war auch der Chorherr F. X. Müller. 1906 wurde er Stiftskapellmeister, 1924 Domkapellmeister in Linz. Zu seinen größeren Werken zählen sieben Messen und das Augustinus-Oratorium, Orchesterwerke, Kammer- und Chormusik.

Adolf Hitler wollte St. F. einem „Bayreuth Bruckners“ umbauen, zu einem Kultur- und Konferenzzentrum mit der Stiftskirche als Konzertsaal. Dem dienten auch Orgelumbaupläne, die nach 1945 von den nach ihrer Vertreibung wiedergekehrten Chorherren weiterverfolgt worden sind.

Im letzten Drittel des 20. Jh.s prägte als Komponist, Konzertorganist, Improvisator, Dirigent und Konzertmanager der Chorherr A. F. Kropfreiter das Musikleben des Stiftes. Nach einer von Paul Hindemith und J. N. David geprägten Phase des Komponierens fand er zu einem von Polytonalität und Klangfarbenreichtum geprägten Individualstil. Neben zahlreichen Orgelwerken, Messen, Oratorien, Kammermusik und dem Orgel-Orchesterkonzert schrieb Kropfreiter drei Symphonien.


Literatur
Lit (chron.): A. Czerny, Die Hss. der Stiftsbibliothek St. F. 1871; A. Czerny, Kunst u. Kunstgewerbe im Stifte St. F. v. der ältesten Zeit bis zur Gegenwart 1886; MGG 4 (1955); K. Rehberger in Der hl. Altmann, Bischof von Passau. Sein Leben und Werk. Fs. zur 900-Jahr Feier 1965, 1965; O. Wutzel, Das Chorherrenstift St. F. 1971; M. Ank in MuK 52 (1982); C. Wagner, Das Augustinerchorherrenstift St. F. 1986; P. Dormann, Franz Joseph Aumann (1728–1797), 1985; F. K. Praßl, Psallat ecclesia mater, Diss. Graz 1987; BrucknerH 1996; W. Kreuzhuber in SK 43 (1996); F. K. Praßl in F. W. Riedel (Hg.), Anton Bruckner. Tradition und Fortschritt in der Kirchenmusik des 19. Jh.s 2001; Chia-Hsin Ho, Codex San-Florianensis XI 480 der Stiftsbibliothek St. F. 2001; G. Lade in Das Orgelforum 5 (2002); Mitt. R. Klugseder.

Autor(en)
Franz Karl Praßl
Empfohlene Zitierweise
Franz Karl Praßl, Art. „St. Florian‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]