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St. Michael (Wien)
Dem Erzengel Michael geweihte Kirche im ersten Wiener Gemeindebezirk, in unmittelbarer Nähe zur Hofburg gelegen; neben St. Augustin zweite Hofpfarrkirche der Habsburger. Die Errichtung der dreischiffigen spätromanischen Pfeilerbasilika erfolgte vor 1252. 1276 wird sie neben St. Stephan als einzige Wiener Pfarrkirche und 1288 als der Wiener Bürgerschaft gehörig bezeichnet. 1626 übernahmen die Barnabiten die Kirche und gestalteten sie großzügig um. 1923 übergaben diese die Kirche an die Salvatorianer, 1926 erfolgte die Auflösung der Pfarre, die jedoch 1939 wieder errichtet wurde.

Bereits aus dem Jahr 1382 ist ein Choralist namens Thomas an St. M. überliefert. Stiftungen des 15. Jh.s geben punktuelle Hinweise auf die kirchenmusikalische Praxis an St. M. Der Schulmeister der Pfarrschule (bestand seit mindestens 1352, 1620 geschlossen) fungierte als Kantor und hatte Sängerknaben auszubilden, als Helfer standen ihm u. a. ein Subkantor (erstmals 1444 als „Chorschuler“ genannt) zur Seite. Als Kantoren sind namentlich überliefert: Thomas List 1461 (nachmals an St. Stephan), Koloman Grillenhofer (Gollenhofer?) 1558, Martin Pengl 1569–85, Martin Eritius 1586 (Beziehung zu E. Heritius?), Wolfgang Khöberl 1587–1600 (danach an St. Stephan), Georg Glenkhamer (Glenckhaner) 1601–13, Caspar Lupus 1613–20 (letzter Schulmeister), Ch. Strauß 1620 (provisorisch), Philipp Villeman (Vielmann, Phillemann) 1621–26. Ab dem frühen 15. Jh. sind geistliche Spiele am Karfreitag und an Marienfeiertagen im Umfeld der Kirche belegt; 1753 kam es zur Aufführung eines Karfreitagsoratoriums von I. M. Conti in St. M. Spätestens ab dem 16. Jh. unterstützte der städtische Thurnermeister mit seinen Gehilfen die Kirchenmusik an St. M. Die Übernahme der Kirche durch die Barnabiten stellte auch für die Musikpflege eine bedeutende Zäsur dar: Als Regularkleriker pflegten sie zunächst im Stundengebet (Offizium) den Choral. Andererseits förderten sie als Orden der Gegenreformation die figurale Kirchenmusik, um durch eine entsprechende Gestaltung der Gottesdienste zum Besuch anzuregen. Erster Chorregent wurde nun 1626–31 G. Valentini, der die kirchenmusikalischen Strömungen seiner italienischen Heimat einbrachte. In der Nachfolge Valentinis wirkten folgende Chorregenten: M. Colndorfer 1631–33, M. de Rossi 1633–?, G. Posch spätestens 1655–71, Ch. Prant 1671–73, J. Deibler 1673–80, J. Ring 1680–86, J. G. Sigel 1686–1700, J. K. Coranda 1700/01, J. M. Spazierer 1701–29, Johann Gabriel Gerstner 1729, Clemens Fischer 1729, F. Zangl 1730–75, J. M. Spangler 1775–94, G. Spangler 1794–1802, Karl Strasser 1802–23 (gleichzeitig auch Chorregent an der Deutschordenskirche, der Kapuzinerkirche und der Mariahilferkirche), Johann Michael Weinkopf 1823–62 (1813–23 bereits Substitut Strassers), F. Krenn 1862–97, A. Weirich 1897–1902, Josef Čerin 1902–06, Hans Daubrawa 1906–48, Felizian Lipphard 1948–64.

Für den Zeitraum 1655–74 liegt ein Kirchen-Musicanten-Buch vor, das sämtliche an der Kirche tätigen Musiker namentlich verzeichnet. In der Praxis standen damals regelmäßig etwa zwölf Musiker (Instrumentalisten und Choralisten) zur Verfügung, zu bestimmten Anlässen erfolgte eine Verstärkung. Berichte aus dem 18. Jh. zeichnen ein lebhaftes Bild der reichen kirchenmusikalischen Praxis an St. M., wo zu besonderen Festtagen auch Musiker von auswärts zur Mitwirkung eingeladen wurden (z. B. 1740 J. Bonno, 1761 M. Martinez, K. Martinides, 1772 V. Adamberger). Bis 1783 bezogen die (damals 17) Kirchenmusiker an St. M. ein Fixgehalt von der Pfarre sowie Einkünfte von insgesamt vier Bruderschaften; der jährliche Aufwand für die Kirchenmusik betrug mehr als 2.500 fl. Am 10.12.1791 wurden im Rahmen der Seelenmesse für W. A. Mozart an St. M. vermutlich einige Teile seines Requiems erstmals zur Aufführung gebracht. In der zweiten Hälfte des 19. Jh.s war St. M. bis 1876 neben der Domkirche die einzige Kirche Wiens, in der sonntags neben dem Hochamt auch eine Vesper und/oder eine Litanei figural musiziert wurden. Grund für die Einstellung der Kirchenmusik bei den Vespern an gewöhnlichen Sonntagen 1876 war die mangelnde Bereitschaft der Sängerknaben, weiterhin daran mitzuwirken. Der während dieser Zeit tätige F. Krenn war dem Cäcilianismus gegenüber aufgeschlossen, die Pflege der klassischen Vokalpolyphonie des 16. und 17. Jh.s an St. M. eine Folge davon. Jedoch konnte weder er noch sein dem strengen Cäcilianismus verpflichteter Nachfolger A. Weirich die klassische Kirchenmusik vollständig ersetzen. Eine letzte echte Hochblüte erlebte die Kirchenmusik an St. M. unter Chorregent H. Daubrawa, der als Absolvent des Konservatoriums und Adjunkt im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien seine Kontakte zu nützen wusste (u. a. Mitwirkung von K. Geiringer) und auch entsprechende Eigenkompositionen beisteuerte.

Nach Lipphards Tod 1964 behalf man sich v. a. mit Gastensembles (z. B. Sängerknaben vom Wienerwald 1966, Chor der Pfarre Mariahilf [Wien VI] 1966, Wiener Sängerknaben 1967, Chor von St. Peter 1967, Schütz-Kantorei unter A. Kubizek ab 1973). Nach einer längeren Zeit, in der die Kirche ohne ständigen Organisten und ohne wirkliche Kirchenmusikpflege auskommen musste (nur sporadisch gelangten durch ein Gastensemble unter der Leitung von Joseph Heinz Messen der Wiener Klassik zur Aufführung), wurde 1977 W. Sauseng Organist und Leiter der Kirchenmusik. Mit ihm setzte wieder eine reiche kirchenmusikalische Pflege an St. M. ein. Im Herbst 1977 gab es auf Grundlage der Trienter Codices einen Renaissancemusik-Zyklus. Die aus Vokalisten und Instrumentalisten bestandene Capella Archangeli, 1982 von Sauseng gegründet, wurde zum zentralen Ensemble der Kirche; sie brachte z. B. 1991 jeden Sonntag zumindest ein Werk von W. A. Mozart zur Aufführung. Mitte der 1980er Jahre wurde auch der Versuch unternommen, einen Knabenchor ins Leben zu rufen, gleichzeitig entstand eine Schola zur Pflege des Gregorianischen Chorals. 1979–88 gestaltete die Schola Cantorum unter Wolfgang Bruneder regelmäßig Hochämter in größerer Besetzung und Konzerte an St. M. Auch zahlreiche weitere Gastensembles traten in der Kirche auf, die ab 1979 Veranstaltungsort des Aschermittwochs der Künstler war. 2008 folgte Manuel Schuen Sauseng als Organist und Leiter der Kirchenmusik nach, er gründete mit dem Chorus Michaelis einen neuen Kirchenchor.

Die Orgelgeschichte von St. M. ist komplex; eine Orgel (Orgelbau) dürfte schon im 14. Jh. vorhanden gewesen sein, in das Jahr 1433 fällt die erstmalige Erwähnung eines Organisten. In der Folge gab es jedenfalls zwei Orgeln in der Kirche, die größere könnte sich vielleicht an der linken Seitenwand des Chores befunden haben. An diesem Instrument arbeitete Orgelmeister Andrä 1450 mehr als ein halbes Jahr (Stimmung, Anfertigung neuer Pfeifen), 1460 wurde die Orgel von Meister Wolfgang (Rudorfer?) grundlegend verändert und vom Blockwerk zu einer registrierbaren Orgel umgebaut. Weitere kleinere und größere Reparaturen und Arbeiten sind bis zum Ende des 15. Jh.s belegt. Die kleine Orgel – ursprünglich sicher an der nördlichen Langhausseite – wurde ebenfalls mehrmals instand gesetzt, sie dürfte um 1452/53 bereits eine Registriervorrichtung gehabt haben. 1460 arbeitete Meister Wolfgang auch an ihr. Die an St. M. – neben vielen anderen Bruderschaften – bestandene St. Nicolai- oder Spielgrafen-Bruderschaft besaß außerdem bereits in den 1450er Jahren ein Portativ. 1566 wurde mit Hermann Raphael Rottenstain (Rodensteen), der gleichzeitig an St. Stephan arbeitete, ein Vertrag zur „verneuerung“ der Orgel abgeschlossen, die sich ab nun auf der Empore über dem Haupteingang befand. Dieses Instrument wurde nun als Organo maior bezeichnet. Welches in weiterer Folge das Organo minor war, ist nicht eindeutig geklärt. 1574 und 1576 arbeitete Isaak Kaltenbrunner an der großen Orgel, 1580 dann Hans Eisenhofer aus Wiener Neustadt. 1605–10 lässt sich ein neuerlicher Orgelbau – welches Instrument ersetzte er? – durch Leopold Sunderspieß belegen. Zu Beginn des 17. Jh.s verrichteten dann Hans Thenner und Anton Hörmann verschiedene Instandsetzungsarbeiten. Beim Abbruch des Lettners wurde 1632 eine Orgel abgetragen und an einem unbekannten Ort in der Kirche wieder aufgestellt. Für beide Orgeln sind in weiterer Folge bis zum Beginn des 18. Jh.s regelmäßige Reparaturen belegt, u. a. durch J. Wöckherl und die Brüder Römer. 1711–14 errichtete dann J. D. Sieber, der im Wettbewerb um den Bau einer neuen Domorgel F. J. Römer unterlegen war, die noch heute bestehende Orgel (III/40), deren Besonderheit ein freistehender Spieltisch mit einem eingebauten Continuo-Werk ist. 1742/43 wurde die Orgel von G. Sonnholz umfassend verändert, J. F. Ferstl arbeitete u. a. 1756/57 und 1764 an ihr, F. X. Christoph 1785, Johann Wiest 1802, J. Deutschmann 1845 und F. Molzer d. Ä. 1920. Ferstl (1764) und Deutschmann (1828) reparierten und stimmten auch ein Positiv (I/4) aus dem frühen 18. Jh., das 1974 durch Adolf H. Donabaum restauriert wurde und 1977–87 die „Hauptorgel“ der Kirche war. Die ab Beginn der 1960er Jahre nicht mehr spielbare große Orgel sollte bereits zu Beginn der 1970er Jahre wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt werden, Arnulf Klebel arbeitete 1972–77 an diesem Vorhaben, ohne es allerdings abzuschließen. Die vollständige Instandsetzung und Rekonstruktion erfolgte erst 1986/87 durch den ostfriesischen Orgelbaumeister Jürgen Ahrend. Organisten an St. M. waren: Kraft App 1451, Nikolaus 1485, Achaz 1491, Nikolaus 1494, Andre und Kaspar 1497–1502, Philipp Lindner 1502, Gall Zollner 1547, Mathes Kremblsetzer 1559, Martin Kistenfeger 1569, Hans Khobinger 1570–79, Andreas Rauner 1580–96, Thomas Pottensteiner 1596–1600, Ch. Strauß 1601–16, Adam Gluschitz 1617–26, J. G. Winsauer 1628–30, M. Platzer 1630/31, A. Simonelli 1632, Nicolao Victorio 1632, Don Hiacintho 1632, W. Hueber mindestens 1638–42, Ph. J. Holzinger vor 1655–63, Karl Gindter ca. 1663–76, F. M. Techelmann 1680?–84?, J. P. Mayr ca. 1694, J. A. Wöger 1704?–55, Jos. Wöger 1755–78, F. X. Flamm 1779–87, J. Preindl 1787–93, J. Heyda 1793–1806, Ignaz Herzig 1806–19, J. Schmidt 1819–28, F. Ružička 1828–65, J. Paur ca. 1909–13, Joseph Hofstätter bis 1941?, Rosa Hofstätter 1941?–61, Annemarie Loob.

Die historisch wertvollen Glocken der Kirche mussten im Ersten bzw. im Zweiten Weltkrieg abgeliefert werden. Erhalten hat sich nur eine alte Glocke, gegossen von László Raczko 1525, die zwar bei einem Erdbeben 1590 beschädigt, jedoch erst 1992 durch Sprung unbrauchbar wurde. Seit einer Reparatur 2006 ist sie wieder in Gebrauch.


Literatur
K. Schütz, Musikpflege an St. Michael in Wien 1980; K. Albrecht-Weinberger (Hg.), [Kat.] St. M. Stadtpfarrkirche u. Künstlerpfarre von Wien 1288–1988, 1988; [Fs.] Sieberorgel in der Michaelerkirche, Wien 1 [1987]; K. Schütz in Organa Austriaca 1 (1976); O. Biba in Jb. f. österr. Kulturgesch. I/2 (1971); G. Lade, Orgeln in Wien 1990; E. Th. Fritz-Hilscher/H. Kretschmer (Hg.), Wien Musikgesch. [2] (2011); SK 21 (1973/74), H. 1, 29 u. 4, 194 sowie 38 (1991), H. 1, 28; W. Worsch in Beiträge zur Wr. Diözesangesch. 32/3 (1991); Drittes internationales Orgelfest in der Michaelerkirche, Wien 1. 29.9. – 13.10.1990. Programm 1990; Knaus 1969; A. Weißenbäck/J. Pfundner, Tönendes Erz 1961; Czeike 4 (1995); www.michaelerkirche.at (6/2012); eigene Recherchen.

Autor(en)
Christian Fastl
Empfohlene Zitierweise
Christian Fastl, Art. „St. Michael (Wien)‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 07/09/2012]