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St. Pölten
Landeshauptstadt von Niederösterreich, begünstigt durch die Lage an der Traisen. Die Ursprünge reichen bis ins 3. Jahrtausend v. Chr. zurück. Der 121 gegründeten römischen Zivilstadt Aelium Cetium folgte das um 760 von Tegernsee/D aus besiedelte Benediktinerkloster St. Hippolyt, das 1089 in ein Augustiner-Chorherrenstift umgewandelt wurde. Nachdem das römische Stadtrecht auf Mautern/NÖ übergegangen war, scheint die Siedlung während der Völkerwanderung weitgehend untergegangen zu sein und wurde erst durch die Klostergründung neu belebt. Die erste Nennung des Orts als Treisma stammt aus dem Jahr 799, von Bischof Konrad v. Passau das Stadtrecht von 1159. In der Neuzeit wurden die kirchlichen Obrigkeiten durch Landesfürsten und Adel zurückgedrängt, im 18. Jh. erlebte die Stadt eine Blütezeit, die noch heute das Aussehen der Innenstadt prägt. Die Klosteraufhebungen Josephs II. überstanden nur die Englischen Fräulein (1706) und die Franziskaner (1455). Im 19. Jh. entwickelte sich St. P. zu einer Industriestadt und einem Verkehrsknoten (Bahnanschluss 1858), 1900 zählte man 14.000 Einwohner; 1922 autonome Stadt mit eigenem Statut. Die durch mehrere Eingemeindungen (1922, 1939, 1969/72) größte Stadt Niederösterreichs (108,52 km2 und 2005 ca. 50.000 Einwohner) wurde 1986 zur Landeshauptstadt erhoben. Dies brachte die erwarteten kulturellen Impulse mit sich, im neu entstandenen modernen Verwaltungsviertel sind auch einige großzügige Kulturbauten integriert.

Im Kloster St. Hippolyt war der Gregorianische Choral stets wesentlicher Bestandteil des Gottesdienstes, seine Pflege hing eng mit der viel gerühmten Stiftsschule zusammen. Quellen berichten auch über die Singmeister („Cantoren“ bzw. „Rectoren“) und ihre Schüler (Singknaben), die für die entsprechende Musik bei Prozessionen, Versehgängen oder auch Bischofsempfängen zu sorgen hatten. Während der Reformationszeit verlor die Stiftsschule ihre Bedeutung und wurde 1644 durch Propst Johannes Fünfleuthner (1636–61) aufgelöst, die Singschule dagegen blieb bis zur Aufhebung der St. P.er Kanonie erhalten (besucht u. a. von Ch. Widmann). An schriftlichen Zeugnissen haben sich ein Missale aus dem 13. Jh., ein Rituale aus dem 14. Jh. und zwei Antiphonare aus dem 15. Jh. erhalten (s. Abb.; eines enthält auch ein Osterspiel). Die Entstehung des Graduale-Tropar-Sequentiars A-Wn 1821 (12. Jh.) in St. P. wurde lange Zeit postuliert, ist aber neuesten Forschungen zufolge sehr unwahrscheinlich. Aus dem 12. Jh. sind einige Graduale-Fragmente bekannt; ein aus St. P. stammendes Antiphonar-Fragment liegt in Kremsmünster, weitere Liturgika St. P.er Provenienz im Bestand Mondsee in A-Wn. Weltliche Einflüsse durch Vaganten trugen zwar zur Verbreitung musikalischer Innovationen (Mehrstimmigkeit und Instrumentalmusik) bei, doch gerieten sie auch im St. P.er Stift alsbald in Verruf. 1284 und 1294 ist das Eingreifen der kirchlichen Behörden zur Abwehr der „fahrenden Musiker“ belegt.

Für alle Sparten der Musik wichtig war die Einrichtung des St. P.er Thurner-Amts zur Jahreswende 1560/61. Dem Türmer und seinen Gesellen oblagen v. a. Bewachung und Alarmierung der Stadt im Notfall, dazu kamen musikalische Auftritte aller Art und in Verträgen geregelte Aufgaben in der „Stifts-Cantorey“. Die Besoldung erfolgte durch Stadt und Stift, wobei es ab 1583 zwei Turnermeister gab, einen städtischen und klösterlichen. Bereits am Ende des 16. Jh.s. wurden die beiden Ämter jedoch wieder vereint, vermutlich weil die Konkurrenz des „bürgerlichen Geigers“ zur groß war. Erster Turnermeister wurde 1560 Gallus Leitner, der mit seinen fünf Gesellen auch die Instrumentalmusik im Rahmen der Stiftsgottesdienste zu besorgen hatte. Ein aus dem Jahr 1598 stammendes Inventar zeugt von einer reichen instrumentalen Musizierpraxis, wenn u. a. fünf Trompeten, sieben Krummhörner, vier Posaunen, zehn Schalmeien, drei Zinken, ein Tenor-Dulcian (Fagott) und verschiedene Pfeifen genannt werden. Von Leitners Nachfolgern sind bekannt: Simon Gebhart (bis 1597), Johann Gaugler (vor 1726), Gotthardt Gaugler (um 1739), Anton Ringmuth (um 1774; unterhält vier Gesellen und einen Lehrling), Anton Kintscher (ab 1787; wird 1799 als Musikdirektor bezeichnet und sorgte auch für die Musik bei Hochzeiten, Bällen und Theateraufführungen), A. Schubert (1819–24), Stephan Maiserhofer (bis 1840), Johann Bartstieber (ab 1840–65) und Georg Badstieber (1865–86, letzter Turnermeister).

Die Reformation erfasste auch das St. P.er Chorherrenstift, 1612 zählte das Stift nur vier Mitglieder. Mit dem Passauer Offizial und späteren Wiener Erzb. Melchior Klesl und dem späteren Göttweiger Abt D. G. Corner lebten zwei bedeutsame Vertreter der Rekatholisierung (Gegenreformation) in der Stadt. Corner hat zweifellos auch hier das Kirchenlied entsprechend eingesetzt. Der Erneuerer des Stifts, Propst Fünfleuthner, förderte ebenso die Kirchenmusik wie Propst Christoph Müller v. Prankenheim (1688–1715). Mehrere Konventualen der Zeit traten auch als Musiker hervor, als erster namentlich bekannter Regens chori gilt G. Copisi (ca. 1718–37). Das Repertoire der Kirchenmusik stammte v. a. von lokalen Komponisten und zielte durchwegs auf möglichste Prachtentfaltung bei Berücksichtigung des Niveaus der Ausführenden. Wie stark die Veränderungen nicht nur vom neuen Lebensgefühl nach den Türkenkriegen (Kaiserstil), sondern nicht zuletzt durch die führenden Persönlichkeiten geprägt war, lässt die Zeit unter Propst Johann Michael Führer (1715–39, † 1745) erkennen. Er profilierte sich selbst als Sänger, spielte Harfe und Flöte, sorgte für den Orgelneubau und engagierte mit Jakob Prandtauer und Josef Munggenast nicht nur fähige Baumeister für die Barockisierung des Stifts, sondern mit J. A. Scheibl auch einen ebenso talentierten Musiker und Komponisten. Scheibl, der vermutlich ab 1737 als Organist im Stift tätig war, folgte wahrscheinlich 1751 Matthias Attender (1737–51) als Regens chori nach. Seine Nachfolger waren ab 1773 Karl Waizing (* 30.12.1720 Arnsdorf/NÖ, † ?) und danach bis 1784 Malachias Spitzel. Während dieser Zeit kämpfte man auch in St. P. bereits „gegen das Eindringen weltlich-theatralischer Effekte in die Kirchenmusik“ (Graf).

1784 wurde das Stift durch Joseph II. aufgelöst und St. P. zum Sitz des die westliche Hälfte Niederösterreichs umfassenden und von Passau abgetrennten Bistums in der Nachfolge von Wiener Neustadt. Unter dem am 8.5.1785 inthronisierten ersten St. P.er Bischof Johann Heinrich Kerens (1785–92) wurde die ehemalige Stiftsmusik durch die Dommusik ersetzt, dem klösterlichen Kirchenmusikpersonal folgten drei vom Religionsfonds systemisierte Sängerknaben und sechs Domchoralisten. Aus ihren Reihen kamen bis nach dem Ersten Weltkrieg sämtliche Domchorregenten. Als erster wirkte ab 1785 Johann Hubner (Huebner/Hübner; * 1748 [Ort?], † 1831 St. P.), ihm zur Seite standen als Organisten Ignaz Strommer (bis 1797) sowie die Lehrer J. Altbart (1797/98) und Anton Mader (1798–1839). Die Instrumentalbegleitung im Dom Mariä Himmelfahrt besorgten nach wie vor der Turnermeister und seine Gesellen gemeinsam mit ehrenamtlich tätigen Musikern aus der Stadt; ausdrücklich untersagt wurde jedoch die Mitwirkung von „Theaterleuten“ am Chor. Ob Turnermeister und Gesellen auch an der bischöflichen Kammermusik mitzuwirken hatten, ist unbekannt, jedenfalls lässt diese bereits unter Bischof Kerens einen beachtlichen Umfang erkennen (u. a. Symphonien der Brüder Haydn sowie von J. B. Vanhal, G. v. Swieten, C. Ditters v. Dittersdorf, I. Pleyel und F. A. Hofmeister; ferner Klavierkonzerte, Divertimenti, Quartette und Quintette). J. Hubners Nachfolger P. Resch (1831–49) ist als der bedeutendste Domchorregent anzusehen, ihn unterstützte an der Domorgel der Musiklehrer Josef Egkhart (1840–91). An Sonn- und Feiertagen gelangten grundsätzlich Orchestermessen von Komponisten des 18. und beginnenden 19. Jh.s zur Aufführung (z. B. J. J. Fux, A. Caldara, J. G. Reutter d. J., J. E. Eberlin, J. G. Albrechtsberger, J. u. M. Haydn, W. A. Mozart, L. v. Beethoven, J. Eybler), erkennen lässt sich aber auch eine Pflege von Musikern v. a. regionaler Bedeutung (G. Donberger, F. Schneider, R. Kimmerling, Jos. Krottendorfer, J. N. Spoth, J. G. Zechner, M. Stadler). Nach dem Tod von Reschs Nachfolger, J. N. Radl (1849–78), hielt mit Michael Daurer (* 1823 Etmannsdorf/NÖ, † 1894 St. P.) als Regens chori (1878–94) der Cäcilianismus österreichischer Prägung in St. P. Einzug. 1886 erfolgte die Gründung des Cäcilienvereins der Diözese St. P., sein bevorzugter Wirkungsort war die Herz-Jesu-Kirche, in der Gesangschule des Vereins wurden immerhin 15 Knaben im Choralgesang unterwiesen. Der a cappella-Gesang des neu gegründeten Cäcilienvereinschors hing also – zumal auch mit der städtischen Musikkapelle keine Verbindung glückte – nicht zuletzt mit realen Gegebenheiten zusammen. 1905 schloss sich der Diözesancäcilienverein dem Allgemeinen Cäcilienverein an, 1911 gab er seine Tätigkeit jedoch auf. Unter Domchorregent Karl Gruber (1894–1924; * 1851 Hohenfurth [Vyšší Brod/CZ], † nach 1924 [Ort?]), der bereits seit 1885 als Choralist am Dom in Verwendung gestanden war, kam es zum endgültigen Niedergang der Dommusik. 1891–1909 bekleidete Josef Preßl (* 29.11.1845 Ferschnitz/NÖ, † 2.7.1909 St. P.), der eine hervorragende Stellung im Musikleben der Stadt innehatte, die Domorganistenstelle. Ihm folgte bis 1922 sein Sohn Josef Preßl jun. (* 23.11.1874 Hollabrunn/NÖ, † ?), der seinen Vater bereits zuvor als Substitut an der Orgel in der Franziskanerkirche sowie am Dom vertreten hatte und auch Chorregentenämter in Langenlois/NÖ und Krems bekleidete.

Während des Ersten Weltkriegs wurde das Sängerknabeninstitut aufgelöst und die Domchoralisten quittierten am Ende des Krieges ihren Dienst. Ein Neuanfang und Wiederaufbau setzte mit J. Pretzenberger ein, der 1924 das nunmehr vereinigte Dom-Regens chori- und Domorganistenamt übernahm. Es wurde ein ehrenamtlicher Domchor gegründet (1927 über 100 Mitglieder), das neu formierte Domorchester setzte sich aus Musikliebhabern zusammen. Zur Finanzierung der Auslagen wurde der Dommusikverein St. P. gegründet. An Pretzenbergers Seite, der bei Aufführungen stets den Orgelpart übernahm, wirkten als Domchordirigenten Stephan Matzinger (1924–36), P. Altmann Just (1941–46) und W. Hofmann (1946–61), der 1936–41 das Organistenamt versah, da der 1936 zum Domkapellmeister ernannte Pretzenberger selbst den Chor dirigierte. V. a. Pretzenbergers Persönlichkeit war es zu verdanken, dass St. P. zu einem Zentrum der liturgischen Bewegung wurde, 1926 kam es auch zur Wiedereinführung des traditionellen Gregorianischen Chorals. 1961 übernahm W. Graf das Amt des Domchordirigenten und erhielt 1967 den Titel eines Domkapellmeisters. In seiner Ära wurde 1962 das noch heute (2005) bestehende Jugendensemble des Domchores, 1965 der Schülerchor der Dompfarre, zu Beginn der 1970er Jahre der Kammerchor des Domchores und 1982 eine Volksliedgruppe ins Leben gerufen. Als Domorganisten wirkten in der Nachfolge Pretzenbergers (bis 1967) und W. Hofmanns (1961–73) Alfred Halbartschlager (1973–84), Michael Kitzinger (1984–99) und Franz Danksagmüller (seit 1999). 1992 folgte O. Kargl W. Graf als Domkapellmeister nach, an die Stelle des Kammerchores trat nun die neu gegründete Domkantorei. Unter Kargl erfolgte eine Forcierung der Musik des 20. und 21. Jh.s, wobei die Zusammenarbeit mit der cappella nova graz und dem Pressburger Orchester Solamente naturali als sehr fruchtbar zu bezeichnen ist.

Wann die erste Orgel in der Stiftskirche errichtet wurde, ist unbekannt, jedenfalls ist mit einem gewissen Ulreich 1426 erstmals ein organista belegt. Unter Propst Johannes Marquard (1515–30) erhielt die Kirche eine neue Orgel, unter Propst J. Fünfleuthner wurde ein Positiv angekauft. 1722 erfolgte die Anschaffung einer neuen Orgel (II/22), als Erbauer kommen J. I. Egedacher, J. Moysé oder G. Sonnholz in Betracht. 1903 errichtete die Firma Rieger ein pneumatisches Werk (III/42), das als größtes in der Diözese St. P. galt, jedoch von Anfang an große Schwächen zeigte. Trotz mehreren Umbau- und Renovierungsversuchen (1938/39 Umbau durch die Firma Mauracher [III/62, Aufstellung eines zweiten Spieltischs im Presbyterium], 1949 durch dieselbe Firma [III/72]) erhielt der Dom schließlich 1973 eine von der Schweizer Firma Metzler-Söhne gefertigte neue Orgel (III/36), die in das historische Gehäuse von 1722 eingebaut wurde. Erwähnenswert sind auch einige St. P.er Orgelbauer: So beteiligte sich der St. P.er Meister Peter Gareis (Gereis/Generis) 1433/34 am Neubau der Münsterorgel in Straßburg (Strasbourg/F), er starb dort am 20.2.1480 als Münsterorganist. Auch Jacob Irrlacher (* 12.7.1672 St. P., † 7.7.1762 Worms/D) konnte sich im 18. Jh. im Ausland profilieren (1704 in Kreuznach/D, ab 1715 in Worms). In den 1770er Jahren ließ sich der Orgelbauer Karl Seywald/Seybold (* 1743 Enns/OÖ, † 14.4.1809 St. P.) in St. P. nieder, 1813–55 wirkte hier J. Gatto (II). Ende des 18. Jh.s siedelte sich der aus Deutschland stammende Geigenbauer E. Stoss in St. P. an, ihm folgte die Geigenbauerfamilie Stöhr, aus der auch der Komponist Ludwig Stöhr stammt.

Über die Kirchenmusik an der zweiten alten St. P.er Pfarrkirche (seit 1785), der Franziskanerkirche zur Allerheiligsten Dreifaltigkeit, liegen kaum Nachrichten vor. Bis 1853 war hier zeitweise F. Zant als Organist tätig, als Chorregenten fungierten meist Lehrer. Namentlich bekannt sind der spätere Domchorregent K. Gruber, der ab 1872 das Organisten- und ab 1878 das Regens chori-Amt an der Kirche versah, A. Gruber, der 40 Jahre als Regens chori wirkte, und J. Preßl, der im ausgehenden 19. Jh. Organist (und Chorregent?) an der Kirche war. Auch in den meisten anderen St. P.er Pfarren gibt es Chöre bzw. musizierende Ensembles. In der 1960/61 gegründeten Pfarre Maria Lourdes besteht neben dem Kirchenchor (Leiter: Paula Reiter 1961–92, Martin Sengstschmied 1992–97, Regina Steinwendtner 1997–2001, Louis Geni seit 2001) ein Kinderchor, der Good News Chor, eine Jugendband und eine Gitarrengruppe. Der Chor der 1930 gegründeten Pfarre St. Josef ist das Ensemble Flexibel, in der Pfarrkirche St. Johannes Kapistran (1971 errichtet) spielt die Längerband. Auch in den ehemaligen St. P.er Vorortpfarren Spratzern - St. Theresia vom Kinde Jesu (gegr. 1934) und Wagram - St. Michael (gegr. 1939) gibt es Kirchenchöre, wobei v. a. letzterer unter der Leitung von Franz Wajwoda mit Werken von O. di Lasso und Giovanni Pierluigi da Palestrina bis hin zur Wiener Klassik und Fr. Schubert ein beachtliches Niveau erreicht.

In der 1892 errichteten evangelischen Kirche von St. P. befindet sich eine 1959 von J. Pirchner gebaute Orgel, die 2014 von Walter Vonbank restauriert und erweitert wurde (II/14). Pirchner übernahm dabei Pfeifenmaterial aus den Vorgängerorgeln (1892 Capek [I/6], 1931 J. Kauffmann [II/16]).

Die Ursprünge einer bürgerlichen Musikbetätigung reichen in St. P. bis in die Jahre 1815/16 zurück. Damals kam es erstmals zur Gründung eines Musikvereins , der einige musikalische Akademien veranstaltete, jedoch bald wieder seine Tätigkeit einstellte. 1837 wurde schließlich der Musikverein St. P. gegründet, der 1852 aufgehoben wurde, bis 1856 noch im „Untergrund“ tätig war und 1859 als MGV St. P. neu gegründet wurde; 1871 erfolgte seine Umbenennung in Gesang- und Musikverein St. P. 1837. Als Musikdirektoren des Vereins fungierten zunächst Anton Scherer (1837–39), Johann Lechner (ca. 1839–41/42), H. Schnaubelt (ca. 1842–46; führt 1842 den Männergesang im Verein ein), J. N. Radl (ca. 1851/52), Josef Hiesberger (1852–56), Gustav Scholtz (1859–68), J. N. Radl (1868/69), L. Stöhr (1869–99; gründete einen Damenchor und ein Vereinsorchester), A. Gruber (1900–22), Anton Schwalb (1922/23; seit 1913 Stellvertreter), Paul Stolz (1923–26), Eugen Carsen (1927–32) und W. Hofmann (1932–38). Höhepunkte im Vereinsleben waren die ersten Aufführungen der Oratorien von J. Haydn (Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze [1866], Die Schöpfung [1874], Die Jahreszeiten [1876]), Felix Mendelssohn Bartholdy (Elias [1882], Paulus 1893]), R. Schumann (Der Rose Pilgerfahrt [1896]), G. F. Händel (Der Messias [1924]) und F. Liszt (Die Legende von der Heiligen Elisabeth [1926]). Unter L. Stöhr und A. Gruber brachte man auch Symphonien und andere Orchesterwerke der Wiener Klassiker sowie von Fr. Schubert, F. Mendelssohn Bartholdy, J. Brahms, Rich. Wagner und Edvard Grieg (Klavierkonzert 1904) zu Gehör. 1929 erfolgte die erste Rundfunkübertragung durch die RAVAG (J. Haydns Nelson-Messe), zu Beginn der 1930er Jahre bildeten sich innerhalb des Vereins auch ein Salon- und ein Bläserorchester. 1939 kam es zur Zwangsfusionierung mit dem 1882 durch eine Abspaltung von 25 Sängern des Gesang- und Musikvereins entstandenen MGV St. P., der neue Deutsche Chorverein stand nun unter der Leitung von Ch. Artl. Als Chormeister des MGV.s St. P. hatten zuvor u. a. J. Preßl (1882–86), Johann Klimsch (1887–92; gründete 1889 ein Vereinsorchester), Hermann Rippel (1893–1921) und Ch. Artl (ca. 1928/30) fungiert. Bemerkenswert ist, dass der MGV St. P. 1886 die Aufführung von Operetten in den Vereinsstatuten verankerte, Erfolge konnten z. B. mit Der Kirchtag zu Teufelsdorf (1892, T: Franz Keim, M: J. Klimsch) und Die Schloßfrau (1906, T: Emil Mario Vacano, M: J. Klimsch) gefeiert werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zur Neugründung des ca. 25 Sänger und Sängerinnen sowie 25 Orchestermitglieder umfassenden Gesang- und Musikvereins (der MGV St. P. gründete sich nicht neu), als musikalische Leiter fungierten zunächst Otto Kral (1946–49) und W. Hofmann (1949–60); Otto Kreuzeder wirkte 1954–60 als zusätzlicher Chorleiter, Gottfried Katzenschlager in gleicher Eigenschaft 1961. 1961–82 stand E. Lafite dem Verein als Musikdirektor vor, nachdem er bereits seit 1956 das Orchester geleitet hatte. Lafite verstand es, durch die Anwerbung neuer Sänger und Sängerinnen den Verein zu einem Spitzenensemble zu formen, die Zusammenarbeit mit Radio Wien sicherte die v. a. in den Bläserstimmen notwendige Verstärkung des Vereinsorchesters. Ab 1961 trat der Verein als Mitgestalter der St. P.er Kultur- und Festwochen auf, 1987 zählte er 55 Sänger und Sängerinnen sowie 35 Orchestermitglieder. Nach E. Lafites Abgang übernahmen Peter Schöndorfer (1982–87), Erich Schwab (1988/89), F. Wajwoda (1989–2001) und Maria Dollfuß (2001–04) die Chor- sowie Franz Stepanek (1983–2000, 2002) und Heidrun Lengersdorff (2000/01) die Orchesterleitung. Seit 2005 ist Uwe Cernajsek, der bereits 2003 die Orchesterleitung übernahm, musikalischer Leiter des Vereins. Die Arbeiter-Musikbewegung fand im 1902–38 bestehenden Arbeitersängerbund Liederfreiheit ihr Sprachrohr; der Verein wurde 1945 neu gegründet und 1967 in Volkschor umbenannt.

Die Geschichte der städtischen MSch. reicht weit zurück und ist eng mit dem Gesang- und Musikverein verbunden. Bereits um 1838/39 unterhielt dieser eine private MSch., die 1871 neu gegründet wurde und 1885 das Öffentlichkeitsrecht erhielt. Als ihre Leiter fungierten L. Stöhr (1871–1900), A. Gruber (1901–23), P. Stolz (1923–26), Franz Pandion (1927–31) und W. Hofmann (1932–72). 1960 wurde sie von der Stadtgemeinde übernommen. Daneben hatte bereits 1932 J. Pretzenberger eine private Kirchenmusikschule gegründet, die 1935 in die MSch. des Gesang- und Musikvereins integriert wurde, während des Zweiten Weltkriegs dem bischöflichen Ordinariat unterstellt war und 1947 offiziell zur Kirchen-MSch. der Diözese St. P. wurde (Leiter: J. Pretzenberger bis 1962, 1962–91 W. Graf). Mit Beginn des Schuljahres 1991/92 konnte man schließlich das Diözesankonservatorium für Kirchenmusik eröffnen, 1995 erhielt es das Öffentlichkeitsrecht auf Dauer (Leiter: W. Graf 1991–96, Michael Poglitsch seit 1996). 1992 erfolgte die Gründung des nunmehrigen Europa-Ballettkonservatoriums St. P. als Privatschule. Es steht unter der Patronanz von V. Malakhov, der ehemalige Tänzer der Wiener Staatsoper Michael Fichtenbau ist künstlerischer Leiter der in Europa hoch angesehenen Ausbildungsstätte und auch des ebenfalls 1992 gegründeten, international erfolgreichen Ballettensembles St. P. Bedeutend für die musikalische Ausbildung war auch die 1875 gegründete St. P.er Lehrerbildungsanstalt, die mit einem Männerchor, einem Orchester und verschiedenen Ensembles ein reges Musikleben entwickelte. Wichtige Musikpädagogen der Anstalt waren bis zu deren Auflassung 1967 Vinzenz Toifl, J. Preßl (zu seinen Schülern zählte A. Scharff), Theodor Till (* 31.5.1902 St. P., † 29.5.1975 St. P.; trat auch als fruchtbarer Komponist hervor), Otto Kral, Heinrich Dopplinger, Josef Lohn und F. Haselböck.

Während sich die Aufenthalte der Familie Mozart in St. P. nur auf einige Übernachtungen bei der Durchreise von Salzburg nach Wien (oder umgekehrt) beschränkten (L. Mozart mit seinen Kindern 14./15.9.1767, W. A. Mozart 15./16.3.1781, L. Mozart 25./26.4.1785), verbrachte Fr. Schubert gemeinsam mit Franz v. Schober im Herbst 1821 mehrere Wochen in St. P. Hierbei waren sie Gäste von Bischof Johann Nepomuk Ritter v. Dankesreiter (1816–23), einem Verwandten Schobers, und wohnten entweder in der bischöflichen Residenz oder aber (wahrscheinlicher) im Gasthaus Zu den drei Kronen (Herrenplatz 5/Domplatz 7). Schubert und Schober besuchten Bälle und Akad.n in St. P. und nahmen an einer der ersten Schubertiaden beim Ehepaar Josefine und Maria Christoph Ignaz Freiherr von Münk (Rathausgasse 2) teil. In St. P. entstanden der erste und ein Teil des zweiten Aktes von Schuberts Oper Alfonso und Estrella, als Dank für die erwiesene Gastfreundschaft widmete Schubert Bischof Dankesreither 1822 die zweite Fassung seiner drei Gesänge des Harfners aus Wilhelm Meister (T: Johann Wolfgang v. Goethe; D 478). Gedenktafeln am Haus Rathausgasse 2 (1912) und im Schloss Ochsenburg bei St. P. (enthüllt 1883 durch den MGV St. P.), das Schubert besucht hat, erinnern an den Komponisten. J. Bayer schuf neben anderen Werken auch sein Ballett Die Puppenfee bei einem seiner zahlreichen Sommeraufenthalte in dem nunmehr nach St. P. eingemeindeten Vorort Viehofen; er trat auch als Dirigent am St. P.er Theater in Erscheinung. Aus St. P. selbst stammen u. a. die Komponisten R. Baumgartner, W. Blaha, M. L. Fiala, W. Fink, E. u. F. Illmaier, F. Kickinger, F. Lahmer, W. Lechner, F. A. Maurer, F. Neuninger, Viktor Dostal (1893–1962), Alexander Goldinger (1875–1954) und Josef Nebois (1913–81), weiters die Sänger M. Jungwirth, P. Minich und Lolita sowie der Pianist J. Demus. L. Cerale betrieb zu Beginn des 20. Jh.s eine Tanzschule in St. P.

Erste Spuren eines Theaterwesens in St. P. findet man am Ende des 17. Jh.s, da Theater- und Volksschauspielaufführungen durch Schulmeister und Burschengruppen nachweisbar sind. 1723 werden erstmals wandernde Komödianten in der Stadt erwähnt, 1818 und 1819 verlangen die Prinzipalen Tobias Kornhäusl und Elias Bösenbock vom Magistrat die Einstellung der für sie störenden Musikaufführungen während der Theaterspielzeit, die im 300 Personen fassenden Saal des „Trumpf’schen Hauses“ (Wiener Straße 20) stattfanden. 1820 kam es zur Gründung der Gesellschaft des Theaterbaus, die bereits im Herbst dieses Jahres den Bau eines Theaters eröffnen konnte. Auf dem Spielplan standen schon in den 1820er Jahren neben Sprechstücken auch Werke wie Weibertreue (Singspiel nach W. A. Mozarts Oper Così fan tutte), Der Dorfbarbier von J. B. Schenk und Die Schweizerfamilie von J. Weigl. Nach dem Brand des Wiener Ring-Theaters war das Theater 1882–85 aus Sicherheitsgründen gesperrt, 1893 erfolgte ein großzügiger Umbau. Spätestens ab der Direktion von Emil Bauer (1907–14) wurden verstärkt Operetten gespielt, zu Beginn der Spielsaison 1925/26 kam es zu einem Gastspiel der Volksoper Wien und der Staatsoper (zur Aufführung von Opern L. v. Beethovens, R. Leoncavallos, P. Mascagnis, G. Puccinis und Rich. Wagners). Während des Zweiten Weltkriegs von der in Baden sesshaften Gaubühne bespielt, erfolgten 1948 und v. a. 1966–69 umfassende Renovierungen des Gebäudes. Bis 1975 wurde das Theater stets verpachtet (als bedeutende Pächter sind Hans Knappl [1933–36 u. 1948–66] sowie Hans Fretzer [1969–75] zu nennen), seit 1975 wird es von der Stadtgemeinde selbst betrieben, als Intendanten wirkten seither Herwig Lenau (1975–91) und Peter Wolsdorff (1991–2002) sowie Reinhard Hauser als künstlerischer Leiter (seit 2002). Seit den 1970er Jahren werden regelmäßig Musicals und Operetten gespielt, Opern hingegen finden sich nur vereinzelt im Spielplan (zw. 1975/91 wurde jährlich eine Oper aufgeführt). Als Kapellmeister bzw. musikalische Leiter des Stadttheaters fungierten u. a. Ch. Artl, N. Dostal (Dgt. 1919/20), J. E. Syrowatka (Kpm. 1931–34), W. Pietschnigg, W. Breitner (musikalischer Leiter 1969–72 und 1975–86), A. Fischer (Dgt. 1972/73) und G. Mancusi (Kpm. 1989–91). Seit 2002 leitet Josef Stolz das Theaterorchester Sinfonia Piccola.

1879–1921 bestand die seitens der Stadtgemeinde finanzierte Stadtkapelle, die auch als Orchester des Stadttheaters fungierte. Ihre Kapellmeister waren Jakob Jarosch (1879–82), J. Klimsch (1882–94), W. Bednarz (1894–96), Karl Hrubetz (1896–1905) und Ch. Artl (1905–1921), die allesamt auch kompositorisch tätig waren (Märsche, Operetten). Aus ehemaligen Mitgliedern der Kapelle formte schließlich Artl sein Symphonieorchester, das 1924–30 bestand und auch im Rundfunk zu hören war. Im selben Zeitraum blühte das Musikleben der Stadt, wofür neben den einschlägigen Vereinen auch auswärtige Musiker durch ihre Solistenkonzerte beitrugen (z. B. dirigierte F. Mahler hier). Ab 1934 veranstaltete das Wiener Tonkünstlerorchester (Wiener Symphoniker) Nachmittagskonzerte für die Jugend, die 1938–45 ihre Fortsetzung in den Aufführungen des Gausymphonieorchesters fanden. Seit 1950 bereichert das Niederösterreichische Tonkünstlerorchester das kulturelle Leben der Stadt mit eigenen Konzertzyklen. An Konzertsälen stehen u. a. die ehemalige Synagoge (Dr.-Karl-Renner-Promenade 22), die Stadtsäle (Völklplatz 1), die Bühne im Hof (Linzer Straße 18), das Veranstaltungszentrum St. P. (Kelsengasse 9) und v. a. das 1997 neu errichtete Festspielhaus (Kulturbezirk 2) zur Verfügung. In dem vom Architekten Klaus Kada errichteten, mit vier Veranstaltungssälen ausgestatteten Festspielhaus finden Sprech- und Musiktheater, Ballett und Konzertveranstaltungen historischer wie aktueller Musik aller Sparten sowie Ballveranstaltungen ihren adäquaten Rahmen. Intendant des neuen Festspielhauses ist (2005) seit 2002 M. Birkmeyer, der hier 2002 mit Nicolas Musin das choreographische Zentrum abcdance company ins Leben rief. In den Stadtsälen finden die von der Stadt St. P. veranstalteten Meisterkonzerte in der Landeshauptstadt St. P. statt, künstlerischer Leiter der vom Liederabend bis zu Orchesterdarbietungen reichenden Konzertreihe ist R. Lehrbaumer. Für Performances, die auf eine Wechselwirkung von Musik und Raum setzen und eine Vernetzung von Musik, Licht und Videokunst anstreben (Multimedia), steht der von Ernst Hoffmann geplante Klangturm – er wird als begehbares und zusammenhängendes Musikinstrument definiert – im neuen Regierungsviertel zur Verfügung. Blühend präsentiert sich das St. P.er Musikleben der Gegenwart auch durch die zahlreichen Chöre, von denen stellvertretend der Stadtchor St. P. (gegr. 1902) und der Niederösterreichische Alpenlandchor zu nennen sind. Dachorganisation für das Blasmusikwesen in (Musikverein der Gewerkschaft der Eisenbahner, Blasmusik der MSch. der Landeshauptstadt St. P., Musikverein J. M. Voith AG St. P.) und um St. P. ist die 1960 gegründete Bezirksarbeitsgemeinschaft St. P.


Literatur
W. Graf (Hg.), Fs. anläßlich der Weihe der Domorgel zu St. P. 1973; E. Linhart, Der „Musikverein St. Pölten 1837“. Seine Gesch. von 1837–1900, Schriftliche Arbeit, Wien 2003; Fs. 130 Jahre Musikverein St. P. 1837–1967, 1967; Fs. 150 Jahre Musikverein St. P. 1837, 1987; A. Haider, Die Gesch. des Stadttheaters St. P. von 1820–1975, Diss. Wien 1978; A. Dier, Die Gesch. des Stadttheaters von St. P. von 1975 bis 1991, Dipl.arb. Wien 1993; B. Perschl, Der MGV St. P., Dipl.arb. Wien 1998; W. Lukaseder in Unsere Heimat 75/3 (2004); Fs. 1991–2001: 10 Jahre Konservatorium f. Kirchenmusik der Diözese St. P. 2001; G. Allmer in Das Orgelforum 21 (Dezember 2017); S. Schobel-Kamitz, Betrachtungen über das Musikleben in der Provinz am Beispiel des Musikvereins St. P. 1837, Dipl.arb. Wien 1991; M. Schöberl, Die musikalische Ausbildung in der Lehrerbildungsanstalt St. P. v. 1945 bis 1967 u. ihre Auswirkungen auf das Kulturleben, Dipl.arb. 1991; E. Jovanovic, Klangturm St. P., Dipl.arb. Wien 2001; G. Gutleder, Jugendchöre in der Diözese St. P., Dipl.arb. Wien 1993; E. Novak in Th. Aigner/R. Andraschek-Holzer (Hg.), Abgekommene Stifte u. Klöster in Niederösterreich 2001; W. Graf in SK 13/4 (1965/66), 21/1 (1973/74) u. 25/3 (1977/78); W. Graf/F. Reithner in SK 50/3 (2003); O. Biba in SK 21/1 (1973/74); Erhart 1998; R. Klein, Schubertstätten 1972; SchubertL 1997; W. A. Bauer/O. E. Deutsch (Hg.), Mozart. Briefe u. Aufzeichnungen, 7 Bde. 1962ff; H. Heiling in SK 21/1 (1973/74); H. Haselböck in SK 13/4 (1965/66); D. Hotz, Festspiele in Niederösterreich 1945–2009, 2010; M. Czernin in Jb. des Oö. Musealvereines 142 (1997); W. Lukaseder in SK 59/2 (2012); Slg. Moißl; www.st-poelten.gv.at (4/2005); www.dsp.at (4/2005); www.cantusplanus.at (5/2011); Mitt. R. Klugseder; eigene Recherchen.

Autor(en)
Christian Fastl
Empfohlene Zitierweise
Christian Fastl, Art. „St. Pölten‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 10/01/2018]

MEDIEN
Antiphonar aus dem 15. Jahrhundert (Diözesanarchiv St. Pölten)
Antiphonar aus dem 15. Jahrhundert (Diözesanarchiv St. Pölten)


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