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Stimmton
Tonhöhe, auf welche die Stimmung eines Instruments bezogen wird. Als ChorThon bezeichnet Michael Praetorius jenen St., der eine große Sekunde tiefer liegt als der Cornettenthon bzw. CammerThon und nennt Prag als Beispiel für seine bevorzugte St.-Terminologie. Dies entsprach dem italienischen System, in welchem der Organist ausgehend von einem hohen Instrumental-St. (Mezzo punto) einen Ganzton nach unten (Tuono chorista) transponieren musste, wenn er Sänger zu begleiten hatte. Weil der habsburgische Hof in musikalischen Belangen sehr stark von Venedig beeinflusst war, wurde im österreichischen Raum weitgehend das italienische System bzw. die von Praetorius für Prag beschriebene Terminologie benützt. Dieses zweistufige St.-System ist in Österreich bereits sehr früh nachweisbar. Aus einem Orgelkontrakt von 1513 für eine zusätzliche kleine Orgel für die Pfarrkirche St. Jacob in Innsbruck geht hervor, dass das neue Instrument einen Ganzton tiefer als das bereits vorhandene gestimmt wurde, um Schwierigkeiten bei der Transposition zu vermeiden. In einem Kontrakt von 1621 für Brixen wird eine Orgel im ChorThon erwähnt, die mit einer Tastatur, die„auf Cornetthon zu rucken ist“, ausgestattet war. Die wahrscheinlich von Ch. Egedacher 1689 erbaute ehemalige Orgel von Mariazell, die sich seit dem 18. Jh. in der Pfarrkirche St. Veit am Vogau/St befindet, ist mit einer Transponiervorrichtung für das Register Prinzipal 8’ im Hauptwerk ausgestattet. Als gegen Ende des 17. Jh.s aus Frankreich und Italien die neuen Typen von Holzblasinstrumenten eingeführt wurden, bezeichnete man weiterhin deren tiefe Grundstimmung als Chorton (Ge. Muffat 1698) oder als französisch Ton bzw. Tono Gallico. Die Terminologie, nicht aber die musikalische Praxis stand in genauem Gegensatz zu der in Norddeutschland üblichen, wo als Chorton die höhere, als Cammerton die tiefere Stimmung bezeichnet wurde. Dieses System wurde allmählich im Laufe des 18. Jh.s auch im österreichischen, böhmischen und süddeutschen Raum verwendet.

Von einer angeblich aus dem Besitz des Augsburger Klavierbauers J. A. Stein stammenden Stimmgabel, die auf a’ = 422 Hz gestimmt war, berichtet Alexander J. Ellis 1880. Weil die Familie Mozart Stein’sche Instrumente besonders schätzte, wird dieser St. immer wieder als wahrscheinliche Orchesterstimmung zur Zeit Mozarts genannt. Ob die Situation in Augsburg/D bzw. auch anderswo in Deutschland (z. B. Dresden) aber mit der von Salzburg oder Wien gleichzusetzen ist, erscheint aufgrund von St.-Untersuchungen an erhaltenen Blasinstrumenten aus dieser Zeit eher fraglich. Der instrumentale St., nun Kammerton genannt, dürfte bei ungefähr a’ = 430 Hz gelegen sein und stieg in der 2. Hälfte des 18. Jh.s in Österreich bis ca. 435 Hz für a’ an. 1789 schrieb der Wiener Holzblasinstrumentenmacher M. Lempp von einem sog. Wienerton, der bei a’ = 438 Hz lag, der Kammerton ungefähr bei a’ = 430–433 Hz. Der Unterschied zwischen diesen beiden ist allerdings so gering, dass dieser ohne Schwierigkeiten durch Umstimmen von Saiten bei den Streichern bzw. durch alternative Stimmzüge oder Bögen bei Bläsern ausgeglichen werden konnte. Schneller als anderswo erreichte man in Wien bereits in den ersten Jahrzehnten des 19. Jh.s eine Standardstimmung von a’ = 440 Hz und fallweise auch etwas höher. Die Stimmung vieler Orgeln, die ursprünglich hoch (a’ = ca. 450–470 Hz) bzw. sehr hoch (bis z. T. über 490 Hz für a’) standen, wurden auf den sich durchsetzenden Kammerton gesenkt. 1834 werden für Wien fünf verschiedene St.e erwähnt: 434, 437, 439, 441 und 445 Hz für a’. Ellis berichtet 1880 von einer Stimmgabel, die er 1859 von der Werkstatt des Klavierbauers J. B. Streicher erhalten hatte und auf a’ = 456 Hz steht. Dieser St. gehört zu den höchsten, die in dieser Zeit in Wien nachgewiesen werden können. Obwohl 1860 an der Wiener Oper der französische Opernton (a’ = 434 Hz) eingeführt und 1862 per kaiserliches Dekret der St. der Wiener Hofmusikkapelle und der Hoftheater auf a’ = 435 Hz festgelegt wurde (bis 1869 gültig), stieg dieser in den 1870er Jahren wieder bis a’ = 447 Hz an. 1885 wurde in Wien die erste internationale St.-Konferenz abgehalten, die sich wieder auf a’ = 435 Hz festlegte. In der Praxis allerdings wurde dieser offizielle St. sehr oft wiederum deutlich überschritten. V. a. auf Betreiben von Radio Berlin wurde im Mai 1939 bei einer Konferenz der International Standardizing Organisation (ISO) in London der Versuch unternommen, den St. wieder zu vereinheitlichen. Der tatsächlichen Praxis folgend und nach dem Vorbild Amerikas – die American Federation of Musicians hatte a’ = 440 Hz bereits 1917 eingeführt – wurde eine Anhebung des offiziellen St.es um 5 Hz vorgeschlagen. Die Kriegsereignisse aber verhinderten eine endgültige Beschlussfassung. Der bekannte Wiener Oboist A. Wunderer wehrte sich gegen eine Anhebung des Kammertones – „bald würde das Orchester scharf und durchdringend klingen, wie etwa eine Salonkapelle oder eine Militärmusik. Das muß aus künstlerischen Gründen vermieden werden.“ 1953 kam es bei einer weiteren Konferenz der ISO in London zu einer offiziellen Bestätigung des auch heute (2005) noch verbindlichen St.es von a’ = 440 Hz. In der Praxis wird diese St.-Höhe aber z. T. wieder wesentlich überschritten, gerade in Wien werden Höhen bis gegen 450 Hz erreicht.


Literatur
A. J. Ellis in Journal of the Society of Arts 5.3.1880, ND 1968; A. Mendel in Acta mus. 50 (1978); G. Stradner in E. Badura-Skoda (Hg.), [Kgr.-Ber.] Joseph Haydn. Wien 1982, 1986; C. Karp in H. Mayer Brown/St. Sadie (Hg.), Performance practise. Music after 1600, 1989; R. Weber in Tibia 4 (1992); K. Hubmann in M. Nagy (Hg.), [Fs.] J. Mertin 1994; B. Haynes, A history of performing pitch. The Story of „A“ 2002.

Autor(en)
Klaus Hubmann
Empfohlene Zitierweise
Klaus Hubmann, Art. „Stimmton‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]