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Taglioni, Taglioni, true Familie
Italienische Tänzerfamilie, Stammvater war Carlo T. (* ca. 1755 Turin/I, † ca. 1835 Neapel/I), der 1805–07 als Choreograph an der Wiener Hofoper engagiert war. Seine Söhne

Filippo: * 1.11.1777 Mailand/I, † 11.2.1871 Como/I. Tänzer, Ballettmeister, Choreograph und Lehrer. Zunächst in Italien als „danseur de demi-caractère“ tätig, tanzte seit 1799 an der Pariser Oper. 1803/04 in Stockholm (hier schon als Ballettmeister), 1805–09 in Wien tätig, wo er u. a. Erfolgsballette wie La Dansomanie (1805 nach Pierre Gabriel Gardel) einstudierte. Folgende Engagements waren: 1809–12 Kassel/D, 1813–17 Italien, 1817 München/D, 1818 Stockholm, 1818/19 Berlin. 1819–24 war er 1. Tänzer und Choreograph in Wien. Hier bereitete F. T. nicht nur seine Tochter Marie für ihr Tänzerdebüt vor, hier entwickelte er auch jenes später als „romantisch“ bezeichnetes Instrumentarium, das er 1832 exemplarisch in La Sylphide (M: Jean-Madelaine Schneitzhoeffer) zu bündeln wusste. Zu den wichtigen Wiener Werken gehören Das Schweizer Milchmädchen (1821, M: A. Gyrowetz), Lodoïska (1821, M: M. Umlauf/A. Gyrowetz) und Die schöne Arsena oder Die neue Amazone (1822 Wien, M: verschiedene Komponisten). Zum bedeutendsten Werk von T.s Tätigkeit in Deutschland (München, Stuttgart) wurde Danina oder Joko, der brasilianische Affe (1826 Stuttgart, M: P. v. Lindpaintner). 1828 ging T. mit seiner Tochter nach Paris, wo er in den folgenden vier Jahren, nunmehr immer zusammen mit Marie, an dem Werden der Grand opéra und des damit in Zusammenhang stehenden romantischen Ballettkosmos wesentlich beteiligt war. Das Choreographieren von Tänzen in den Opern (La Muette de Portici [1828, Paris, M: Daniel François Auber], Le Dieu et la bayadère Robert le Diable [1831 Paris, M: G. Meyerbeer], dessen 3. Akt zum Nukleus von La Sylphide wurde) war dabei ein wesentliches Betätigungsfeld. Die wichtigsten der in der Folge kreierten Ballette, allesamt für Marie, deren auratische Ausstrahlung und neuer Tanzstil sie zu einem auch heute noch gültigen Star aufsteigen ließen, sind: La Fille du Danube (1836 Paris, M: Adolphe Adam), La Gitana, ili Ispanskaja zyganka (1838 St. Petersburg, M: Johannes Schmidt, D. F. Auber), L’ Ombre (1839 St. Petersburg, M: Louis Wilhelm Maurer) und L’Ecumeur de mer (1840 St. Petersburg/RUS, M: A. Adam). T. zog sich 1852 von der Bühne zurück.

Salvatore: * ?.7.1789 Palermo/I, † 4.10.1868 Neapel. Tänzer und Ballettmeister. Schüler des Vaters und von Jean-François Coulon in Paris (1800). War 1817–23 in Neapel, 1826/27 in Wien, 1837 in Mailand und ab 1841 wiederum in Neapel engagiert. Seine Frau Adélaide (geb. Perault/Perraud; ?–?) tanzte ebenfalls 1826/27 an der Wiener Hofoper, deren gemeinsame Tochter Louise (Luigia; 1823–93) als Gast 1847/48. Sein Sohn Fernando (1810–74) war Komponist.

Filippos Kinder

Marie: * 23.4.1804 Stockholm, † 22.4.1884 Marseille/F. Tänzerin, Choreographin und Tanzlehrerin. Nach dem 1822 in Wien erfolgten Debüt stieg M. T. zu einer der gefeiertsten Ballerinen der Kulturgeschichte auf. Ihre Ausstrahlung und ihr Tanzstil – v. a. gekennzeichnet durch eine von Fußspitzentanz und Sprüngen erzielte schwebende Leichtigkeit – fanden in dem in der Kunst der Zeit bevorzugten Genre des Phantastischen und dem darin beheimateten bis dahin nur fiktiven Wesen der Sylphide nicht nur idealtypische Verkörperung, sondern in dem in Paris uraufgeführten Werk La Sylphide eine auch in Zeit und Ort verankerte Manifestation. In der Folge verstand es ihr Vater, in dessen Choreographien die Tochter fast ausschließlich tanzte, das einmal gefundene Image immer wieder zu variieren. Dies geschah in den Balletten La Fille du Danube und L’ombre. Mit La Gitana, ili Ispanskaja zyganka, in der sie eine Charakterpartie tanzte, antwortete F. T. auf jene Rivalität, die der damalige Direktor der Opéra, Louis Véron, als geschickter Propagandastratege aufgebaut hatte: einem Diktum von Théophile Gautier nach wurde die „reine“, „weiße“ und „christliche“ M. T. gegen die „sündige“, „heidnische“, in der Farbe der Charaktertänze verankerte F. Elßler gestellt. Nachdem sich M. T. als aktive Tänzerin von der Bühne zurückgezogen hatte, widmete sie sich dem Unterricht. 1860 brachte sie für die Pariser Oper das Ballett Le Papillon (M: J. Offenbach) heraus.

Paul Nikola: * 12.1.1808 Wien, † 6.1.1884 Berlin. Tänzer, Choreograph. Nach einer herausragenden internationalen Karriere als Tänzer (teilweise auch an der Seite seiner Schwester) debütierte P. T. schon Anfang der 1830er Jahre in Berlin als Choreograph und fand bald zu einem unverwechselbaren Stil. Dieser bestand in dem Bestreben, die rein tänzerischen Mittel sowohl im solistischen Tanz wie in der Gruppe zu weiten. Satanella, oder Metamorphosen (Berlin 1852, M: Peter Ludwig Hertel) und Flick und Flocks Abenteuer (Berlin 1858, M: P. L. Hertel), Ballette, die auch seine Tochter Marie d. J. (* 27.10.1833 Berlin, † 27.8.1891 Neu-Aigen bei Tulln/NÖ; verh. 1866 mit Joseph Prinz zu Windisch-Grätz) in den Mittelpunkt des Geschehens stellten, machten P. T. zu einer zentralen Choreographenpersönlichkeit des mittleren 19. Jh.s. Wiederholt in London aber auch in Italien tätig, war es aber neben Berlin Wien, wo er zwischen 1853/74 immer wieder bedeutende Funktionen innehatte. T.s Ballett Sardanapal (Berlin 1865, M: P. L. Hertel), ein Werk, in dem sich der damalige Bildungsanspruch des Theaters manifestiert, eröffnete das neue Haus am Ring, seine Überlegungen für die tänzerische Ausbildung halfen die Ballettschule an der Wiener Hofoper zu institutionalisieren. Verheiratet mit der Primaballerina Amalia, geb. Galster (1804–81).


Literatur
Lit (chron.): A. Levinson, M. T. 1931; L. Vaillat, La T., ou La vie d’ une danseuse 1942; I. Guest, The Romantic Ballet in Paris 1966; R. Matzinger, Die Geschichte des Balletts der Wiener Hofoper 1869–1918, Diss. Wien 1982; P. u. P. Mlakar, Unsterblicher Theatertanz. 300 Jahre Ballettgesch. der Oper in München 1 (1992); Raab 1994; G. Oberzaucher-Schüller (Hg.), Souvenirs de T. 1 (2007).

Autor(en)
Gunhild Oberzaucher-Schüller
Christian Fastl
Empfohlene Zitierweise
Gunhild Oberzaucher-Schüller/Christian Fastl, Art. „Taglioni, Familie‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]