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Toccata
Gattung der Instrumentalmusik (von ital. toccare = schlagen, [ein Instrument] berühren, d. h. spielen). Ausgangspunkt der Entwicklung der T. war die Praxis, auf Tasteninstrumenten oder der Laute Sätze mit Präludial- bzw. Intonationsfunktion zu improvisieren. In Orgel- und Lautentabulaturen des 16. Jh.s (Tabulatur) begegnen solche Stücke, die aus gehaltenen Klängen und Läufen, also den Grundelementen des Spiels auf Akkordinstrumenten, gefügt sind und dann verschriftlicht wurden, wobei neben anderen Bezeichnungen auch der Terminus T. auftritt. Um 1600 vollzog sich in Italien die Wandlung zu einem oftmals ausgedehnten tasteninstrumentalen Vortragsstück virtuosen Zuschnitts, das teilweise durch Polyphonisierung des Satzes bzw. Einbau von motivisch gebundenen oder imitativen Abschnitten artifizialisiert, nunmehr in eigenen Drucken vorgelegt, einheitlich als T. bezeichnet und im Musikschrifttum konzeptionell von anderen Genres (wie insbesondere dem Ricercar) unterschieden wurde. Die führende Rolle bei diesem in die Konstituierung der T. als eigenständiger Gattung mündenden Vorgang spielten am Markusdom in Venedig beschäftigte Organisten wie A. und G. Gabrieli, C. Merulo und A. Padovano. Durch die engen Beziehungen zu Venedig, insbesondere die Tätigkeit A. Padovanos in Graz und Studienaufenthalte von J. und H. L. Hassler bei G. Gabrieli, griff diese Entwicklung rasch nach Österreich über. Insbesondere von H. L. Hassler wurde das venezianische Modell nicht zuletzt unter Einfluss der englischen Virginalisten formal wie im motivischen Vokabular weiterentwickelt.

Auch das epochemachende T.-Schaffen Girolamo Frescobaldis wurde sehr bald von im österreichischen Raum wirkenden Komponisten rezipiert, darunter J. C. Kerll v. a. J. J. Froberger, der freilich im Ergebnis zu einem durchaus eigenständigen T.-Konzept vorstieß. Dieses beruht auf dem Wechsel von rhapsodischen, aus virtuosem Passagen- und Figurenwerk bestehenden Abschnitten (die jeweils am Anfang, Schluss, und im Falle einer fünfteiligen Anlage, in der Mitte stehen) mit Partien, die motivisch durchgearbeitet, oft fugiert, strengstimmig und in einer einheitlichen (häufig tanzmusikartigen) rhythmischen Bewegung gehalten sind. Frobergers T.-Typus übte europaweit erheblichen Einfluss aus. Für die von den Wiener Hoforganisten getragenen Claviermusiktradition blieb er bis in die 1. Hälfte des 18. Jh.s verbindlich (A. Poglietti, F. M. Techelmann, F. T. Richter, G. Reutter d. Ä. und Go. Muffat).

Im italienischen und süddeutsch-österreichischen T.en-Repertoire wurde nicht prinzipiell zwischen der Bestimmung für Cembalo und Orgel unterschieden, sieht man vom liturgisch gebundenen Spezialtypus der Elevations-T. (Elevationsmusik) und den seltenen Fällen ab, in denen der obligate, stets aber auf Liegetöne beschränkte Einsatz des Pedals vorgesehen ist. Neben der T. als selbständigem Werk entstanden in Stil und Faktur verwandte, allenfalls etwas kürzere, manchmal als Toccatina bezeichnete Stücke, die als Eröffnungssatz von Versettenzyklen oder auch Suiten dienten (W. Ebner, Poglietti, Techelmann, Richter, Reutter, Go. Muffat 1726). Eine Besonderheit der österreichischen Produktion sind Pogliettis T.en mit programmatischen Titeln sowie an die Clavier-T. angelehnte, aus raschen Passagen und Figurationen (oft über Orgelpunkten) bestehende und gelegentlich ausdrücklich als T. bezeichnete Abschnitte in Violinsonaten (G. A. Pandolfi Mealli und G. B. Viviani).

Den Höhepunkt der barocken T.-Entwicklung im südlichen deutschen Sprachraum stellt Ge. Muffats Apparatus musico-organisticus (1690) dar, dessen großformatige, mehrsätzige und äußerst vielgestaltige T.en nicht nur aus der gesamten italienisch-süddeutsch-österreichischen Claviermusiktradition des 17. Jh.s schöpfen, sondern mit dem ausdrücklich erklärten Ziel der Stilmischung (Stil) Elemente der modernen italienischen und französischen Ensemblemusik aufgreifen. Zu den letzten Vertretern der Gattung im Barock zählen Go. Muffat, der die T. mit einem Capriccio zu einer zweiteiligen Großform eigener Art verband, und J. E. Eberlin, der in den bereits vom galanten Stil beeinflussten 9 Toccate e fughe (1747) den Übergang von der Versettenfolge zum breiter angelegten Zyklus aus Präludium und Fuge vollzog.

Nach der Mitte des 18. Jh.s kam die T. als selbständige Gattung zum Erliegen. Von Ausläufern in der böhmischen Orgelschule (B. Czernohorsky, Josef Seger [1716–82]) abgesehen, begegnet die T. in einigen wenigen Fällen noch als virtuoses Brillierstück (ein bekanntes Beispiel ist die T. op. 11 von M. Clementi, die dieser 1781 im Rahmen des Wettbewerbs mit W. A. Mozart vor Joseph II. vortrug). Im Allgemeinen wurden jedoch die Funktionen der T. nun von anderen Gattungen übernommen; in der Orgelmusik vom Präludium/Präambulum, das in Österreich aber zu spieltechnischer wie kompositorischer Anspruchslosigkeit tendierte; in der Klaviermusik insbesondere von Fantasie und Etüde – in diesem Zusammenhang wird gelegentlich noch zu Beginn des 19. Jh.s auf den Terminus T. zurückgegriffen (z. B. bei C. Czerny, Toccate ou Exercise op. 92).

Erst gegen Ende des 19. Jh.s etablierte sich zunächst in Frankreich und Deutschland die T. wieder als geläufiges Genre der Klavier- und der Orgelliteratur. Dieser Trend griff – auch durch das neoklassizistische Interesse (Klassizismus) an alten Formen verstärkt – in der 1. Hälfte des 20. Jh.s auf Österreich über, wobei die Komposition von Orgel-T.en (Fr. Schmidt, J. N. David, I. Stögbauer, W. Pach, H. Grabner) jene von Klavier-T.en (Fr. Schmidt, E. Krenek, J. Dichler) quantitativ und in der Bedeutung für das jeweilige Repertoire übertrifft. Auch nach 1945 entstanden in Österreich mit einer gewissen Regelmäßigkeit T.en für Orgel (C. Bresgen, R. Schollum, K. Schiske, P. Kont, A. Heiller, E. Tittel, A. F. Kropfreiter, P. Planyavsky) und gelegentlich solche für Klavier (J. Takács, E. Ch. Scholz, H. Jelinek, Heiller). Vereinzelt finden sich T.en als Sätze von Ensemblewerken.

Generell kennzeichnet die T. des 20. Jh.s ein virtuoser Zug, näherhin lassen sich einige Grundtypen unterscheiden. In der Klaviermusik dominieren betont brilliante, meist in einer durchlaufenden raschen Bewegung gehaltene Stücke. In der Orgelmusik tritt ein an das barocke Vorbild angelehnter Typus hinzu, bei dem auf eine je nachdem mehr rhapsodische oder formal verfestigte Weise verschieden gestaltete Abschnitte verbunden werden. Häufig wird die T. mit einer Fuge zu einem zweiteiligen Zyklus kombiniert. Neu entwickelt wurde im 20. Jh. schließlich die – einen Choral oder eine Liedmelodie verarbeitende – c. f.-T.


Literatur
MGG 9 (1998); NGroveD 25 (2001); HmT 2001; W. Apel, Gesch. der Orgel- u. Klaviermusik bis 1700, 1967; W. Salmen (Hg.), Die süddt.-österr. Orgelmusik im 17. u. 18. Jh. 1980; F. W. Riedel, Quellenkundliche Beiträge zur Gesch. der Musik f. Tasteninstrumente in der 2. Hälfte des 17. Jh. 21990; V. J. Panetta, Hans Leo Hassler and the Keyboard T.: Antecedents, Sources, Style, Diss. Harvard Univ. 1991; P. Mitlöhner, Die Entwicklung der Orgel-T. im Zeitalter romantischer Musik. Deutschland, Österreich, Frankreich 1994; A. Silbiger (Hg.), Keyboard Music before 1700, 1995; A. Edler, Gattungen der Musik f. Tasteninstrumente. Tl. 1: Von den Anfängen bis 1750, 1997.

Autor(en)
Markus Grassl
Empfohlene Zitierweise
Markus Grassl, Art. „Toccata‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 15.5.2006]
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MEDIEN
HÖRBEISPIELE

Georg Muffat, Toccata undecima für Orgel aus dem Apparatus musico-organisticus, gedruckt Salzburg 1690
© 2012 Studio Weinberg, 4292 Kefermarkt