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Tradition, musikalische
Überlieferungszusammenhang zwischen musikalischen Erscheinungsformen. Das nachweislich erstmals im römisch-antiken Recht (Besitzerwerb durch bloße Weitergabe) verwendete, später in den verschiedensten Lebensbereichen heimisch gewordene Substantiv traditio (lat. Überlieferung, Weitergabe) findet seit dem Historismus des 19. Jh. verstärkt Verwendung im Sprechen und Schreiben über Musik. Terminologiegeschichtlich noch ungenügend erschlossen, harrt der Terminus 2006 noch einer einvernehmlichen Definition. Inwieweit das Adjektiv traditionell von verwandten, nicht selten synonym gebrauchten Worten wie bekannt, gewohnt, konservativ, konventionell u. ä. abgrenzbar ist, bleibt zu entscheiden. Ähnliches gilt für die Frage, inwieweit die häufig anzutreffenden Begriffspaare m. T. – musikalischer Fortschritt bzw. m. T. – musikalische Innovation komplementär verwendet werden (sollten).

Aussagen über m. T. suggerieren auffällig oft die Existenz unverrückbarer Tatsachen, anstatt ihren Status als – nicht selten schwer oder gar nicht falsifizierbare – Thesen einzugestehen: Dies zeigt sich z. B., wenn im Sinne einer „Problemgeschichte des Komponierens“ eine kontinuierliche, einem Staffellauf vergleichbare, gegenseitiger Kenntnis- und Bezugnahme der einer T. zugeordneten Komponisten angenommen wird, anstatt die nachträgliche Stiftung von Zusammenhängen durch Betonung gleicher oder ähnlicher Charakteristika anzuzeigen. Nicht selten wird ein und dieselbe Musik, Institution usw. von den einen als traditionell, von anderen dagegen als fortschrittlich bezeichnet. Als verantwortlich entpuppen sich meist Unterschiede im Erkenntnisinteresse, wie z. B. der Ambition, bestimmte Musikformen zu legitimieren. In vielen Fällen liegt der Rede von m.r T. die in der Regel von Vereinfachungen geprägte Annahme eines Überlieferungszusammenhanges zwischen verschiedenen historischen Ereignissen zugrunde (z. B. die einseitige Titulierung von J. Brahms als Sympathisanten einer gegenüber der neudeutschen „Fortschrittspartei“ [Franz Brendel] eingestellten, konservativen Opposition oder von Brahms als dem „Fortschrittlichen“ [A. Schönberg]).

Unternehmungen, eine Musikgeschichte Österreichs zu schreiben, sind in besonderer Weise auf die reflektierte Rede von m.r T. angewiesen: zum einen, weil der kanonische Rang zahlreicher Komponisten bzw. Werke (besonders der Wiener Klassik und der Musik des 19. Jh.s) zur Annahme von m.r T. verleitet (etwa im Blick auf die lange Liste von Aufführungen und komponierten Bearbeitungen Mozartscher Musik); zum anderen, weil die wirkungsmächtige Inszenierung Österreichs als „Musikland“ wohl nur eingeschränkt funktionieren würde ohne werbewirksame, zudem nationale Identität suggerierende Hinweise auf „typisch österreichische“ m. T.en im Sinne einer in der Gegenwart auf besondere Weise lebendigen, „großen“ Vergangenheit (wie das am 31.12.1939 in einer Frühform veranstaltete und seit 1.1.1941 jährlich ausgerichtete, mittlerweile als globale mediale Visitenkarte Österreichs etablierte Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker). Der Schritt von der (in beschränktem Umfang für Veränderungen offenen) T.s-Pflege zum Traditionalismus (= Versuch, etablierte Formen des Umgangs mit Musik möglichst unverändert zu pflegen) ist mitunter ein kleiner; vgl. z. B. die Jahrzehnte währende, zwischen 1955/79 unveränderte Leitung der Neujahrskonzerte durch W. Boskovsky oder die ritualartige, (nahezu) immer gleiche Beschließung des Neujahrskonzerts mit denselben Zugaben: dem Walzer An der schönen blauen Donau von Joh. Strauß Sohn sowie dem Radetzky-Marsch von Joh. Strauß Vater. Zur Kehrseite solcher Kontinuität betonenden Elemente österreichischer Musikgeschichte rechnen die nach 1900 zunehmend häufiger zu bemerkenden Versuche, mit m.r T. zu brechen, z. B. mit an Österreich-Klischees rüttelnden Positionen (etwa der Wiener Gruppe in den 1950er Jahren) zu skandalisieren (Skandal) oder die öffentliche Auseinandersetzung zu verweigern. Gegen bestehende m. T. gerichtete Initiativen münden mitunter in neue m. T. (vgl. etwa das 2000 in den Wiener Sophiensälen als alternative Gegenveranstaltung zum Neujahrskonzert eingeführte, seither jährlich stattfinde New Years Concert in Jazz durch das Vienna Art Orchestra).

Die besonders im Musikfeuilleton, u. a. aber auch von A. Schönberg (im 1932 entstandenen Text Max Liebermann) gepflogene Praxis, sich immer wieder auf das G. Mahler zugeschriebene Bonmot „T. ist Schlamperei“ zu berufen, kann selber als Beispiel einer schlechten bzw. „schlampigen T.“ gelten, zumal Mahlers tatsächliche, gegen fahrlässige Routinen des Theaterbetriebes gerichtete Bemerkung („Was Ihr Theaterleute Eure T. nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei.“) in der Regel unvollständig und also entstellt zitiert wird.


Literatur
Z. Lissa in AfMw 27/3 (1970); Z. Lissa in C. Dahlhaus (Hg.), [Kgr.-Ber.] Internationaler Musikwissenschaftlicher Kongress. Bonn 1970, 1971; J. Kuckertz in Ch.-H. Mahling/S. Wiesmann (Hg.), [Kgr.-Ber.] Internationaler musikwissenschaftlichen Kongress. Bayreuth 1981, 1984; H. H. Eggebrecht/M. Lütolf (Hg.), [Fs.] K. Fischer 1973: R. Kapp in J. Nautz (Hg.), Die Wr. Jh.wende 1993; B. Föllmi, T. als hermeneutische Kategorie bei Arnold Schönberg 1996; W. Gratzer in G. Gruber (Hg.), Die Kammermusik von Johannes Brahms. T. u. Innovation 2001; R. Flotzinger in I. Fuchs (Hg.), [Kgr.-Ber.] G. v. Einem. Wien 1998, 2003.

Autor(en)
Wolfgang Gratzer
Empfohlene Zitierweise
Wolfgang Gratzer, Art. „Tradition, musikalische‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]