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Videoclip
Ein in der Regel ein via Fernsehen (Rundfunk und Fernsehen) verbreiteter 3–5-minütiger Videofilm, in dem ein Popmusikstück präsentiert wird. Die Kernfunktion liegt in der Bewerbung von Musikern und Tonträgern, was sich dramatisch auf die Form des Produkts auswirkt: Um werbewirksam zu sein, muss ein möglichst breites, heterogenes Publikum angesprochen werden, müssen unterschiedliche Gebrauchswerte angeboten werden. V.s sind daher durch unterdeterminierte, offene, mehrdeutige Strukturen gekennzeichnet. Erkenntnisse der Marktforschung, wonach das Vorhandensein eines V.s immens wichtig, dessen Qualität für den Tonträgerabsatz jedoch beinahe irrelevant ist, etablierten einen Trend zu einfachen Billigproduktionen. Die Mehrheit der Musikvideos ist heute künstlerisch wenig anspruchsvoll.

Im Wesentlichen gibt es vier Idealtypen von V.s, die alle im Normalfall die Länge eines durchschnittlichen Popsongs aufweisen, also als Kurzfilme zu betrachten sind: a) Performance-Clip: zu sehen ist der musikalische Auftritt der Musiker auf der Bühne oder vor Kulissen; b) Seminarrativer Clip: Darstellung der Musizierenden, ergänzt durch zusätzliche Elemente oft mit Bezug zum Songtext; c) Narrativer Clip: Vermittlung einer Geschichte zum Song oder zu den Musikern, oft mit denselben als Darstellern; d) Freies Konzeptvideo: Schwerpunkt auf Formalästhetik, oft ohne erkennbare Handlung, assoziativ-illustrative Verknüpfung von Bild und Musik. Gemeinsam ist allen Formen der Versuch, durch den Einsatz visueller Codes der Alltags- und Popkultur die Rezipienten auf einer unbewussten Ebene anzusprechen und einen ästhetischen Eindruck zu erzeugen.

Auch wenn der V. heute primär als Werbefilm zu betrachten ist, steht er am Ende einer langen, nicht nur in der Werbung wurzelnden Geschichte und hat viele historische Vorformen. Grundgedanke ist seit jeher der Wunsch nach Visualisierung von Musik. Von den Pionieren des 16. und 17. Jh.s geht die Entwicklung über diverse Tasteninstrumente zur visuellen Musikbegleitung bis zu den Avantgardefilmern des 20. Jh.s, die experimentell Kopier- und Verfremdungsverfahren entwickelten, ohne deren Einsatz heute eine Musikvideo-Produktion nicht mehr denkbar ist. Der Einsatz von Computer und Videosynthesizer erleichterte ab den 1960er Jahren die Anwendung technischer Tricks wie Kombination und rhythmischen Einsatz von Farbe und Figur, Bild im Bild, Zeitlupe, Close-Up usw. Die heute (2006) möglichen Computer-Effekte unterstützen die Visualisierung von Tempo & Rhythmus durch Bildschnitt und Lichtdramaturgie mit dem Metrum (oder knapp daneben). Anspruchsvolle Produktionen arbeiten mit Split-Screen-Verfahren, Morphing, Computerspiel-Ästhetik, Motion-Capturing und/oder Chromo-Key-Verfahren. Was heutige Musikvideos gegenüber ihren Vorläufern auszeichnet, ist einerseits ihre funktionelle Verengung auf Werbung für Personen und Tonträger, andererseits die Synthese aus massenmedialer Breitenwirksamkeit und avantgardistischer Formensprache. Eine Entwicklung ist primär hinsichtlich Herstellung und Produktionsverfahren zu beobachten, weniger hinsichtlich der Bildersprache bzw. der vermittelten Inhalte. Popstars erscheinen heute nicht anders auf dem Bildschirm als zu Beginn der V.-Ära. Als idealtypische Vertreterin des Video-Pop kann seit 20 Jahren die Sängerin Madonna gelten.

Seit Anfang der 1980er Jahre sind V.s Bestandteil der Alltagskultur. Wichtigste Funktion ist, ein bestimmtes Bild/Image von den darstellenden Musikern zu transportieren und/oder eine Stimmung zu erzeugen, die eine Verbundenheit der Zuseher mit den Musikern illusioniert. Motivierend für die Musikindustrie, in die Produktion von Musikvideos zu investieren, waren zunehmende Absatzschwierigkeiten und Resistenz des Publikums gegen Radiowerbung in den 1980er Jahren. „Heavy Rotation“ (oftmalige Wiederholung) eines Videos im Fernsehen kann die Tonträgerverkaufszahlen beträchtlich steigern. Das Programm des ersten Musikfernsehsenders MTV beschränkte sich ursprünglich auf V.s (die nichts anderes als Werbung sind), Eigenwerbung und Werbung von Fremdfirmen, welche zusehends die Bildsprache der V.s imitierte. Die Grenzen verschwammen, es entstand der Eindruck einer Dauerwerbesendung in Clip-Ästhetik. Mit Ende der 1990er Jahre fanden dann zusehends auch musikfremde Elemente Aufnahme in das Programm.

Im V. werden in der Regel nicht Inhalte oder Botschaften verhandelt; das Hauptziel ist, eine Stimmung zu vermitteln. Dazu wird auf ein Set von Grund-Situationen/Szenarien/Themen zurückgegriffen: Liebe, Freiheit, Freundschaft, Tanz, Traum, Gewalt, Mobilität, Reichtum usw. Auf der Grundlage dieser Szenarien werden Stereotypen und Zitate abgerufen, die Kulturgut sind. Die angewandten visuellen Codes stellen einen Bezug zum Publikum her, indem sie ein bestimmtes Lebensgefühl symbolisieren und somit Integration ermöglichen. Die Lesbarkeit dieser Codes ist umso höher, je stärker sie auf in der Popmusik etablierten Ton/Bild-Assoziationen von Aufführungs-Stereotypen (z. B. Gitarrensolo), akustischen Ähnlichkeiten (Donner) oder Kausalitäten (DJ-Scratching) beruhen. Diese Erwartungen sind wichtige, immer wieder bediente Quellen für die Ikonographie von Musikvideos. Anspruchsvolle Produktionen spielen bisweilen bewusst mit diesen Regeln: Musik, Text und Bilder des Clips sind dann different oder widersprechen einander. Nicht nur wenn vom Videoproduzenten bewusst mehrdeutige Codes einsetzt werden, ist mit unterschiedlicher Interpretation durch die Rezipienten zu rechnen. Untersuchungen zeigten starke Einflüsse der sozialen Rahmenbedingungen auf die Lesart von Musikvideos.

Die Präsentation via Videoformat hat sich nachhaltig auf die Entwicklung der Musikform ausgewirkt: Der „ideale“ Popsong hat eine klare Struktur, ist nicht zu lang und nicht zu kompliziert gestrickt, aber auch von kleinen Brüchen durchzogen, an denen sich der Bildschnitt orientieren kann. Auch Auswirkungen auf die Geschlechterverhältnisse in der Popmusik sind zu beobachten: Oft werden Frauen in V.s auf Körper reduziert, um Aufmerksamkeit zu bekommen und Tonträgerverkäufe zu steigern. Andererseits bietet das Musikvideo der Musikerin stärker als der Song alleine die Möglichkeit zur selbstbestimmten Vermittlung einer Botschaft oder eines Images, was etwa von Madonna oder Missy Elliott virtuos genutzt wird. Für österreichische Musiker war es mangels entsprechender Angebote im heimischen Fernsehen lange Zeit beinahe unmöglich, via V. ein breites Publikum zu erreichen. Mit dem Launch des Musiksenders goTV hat sich diese Situation entscheidend verbessert.


Literatur
V. Bódy/P. Weibel (Hg.), Clip, Klapp, Bum. Von der visuellen Musik zum Musikvideo 1987; S. Frith et al. (Hg.), Sound and Vision. The Music Video Reader 1993; J. Kloppenburg (Hg.), Musik multimedial. Filmmusik, V., Fernsehen 2000; K. Neumann-Braun (Hg.), Viva MTV! Popmusik im Fernsehen 1999; T. Quandt, Musikvideos im Alltag Jugendlicher. Umfeldanalyse u. qualitative Rezeptionsstudie 1997; R. Roberts, Ladies First. Women in Music Videos 1996.

Autor(en)
Michael Huber
Empfohlene Zitierweise
Michael Huber, Art. „Videoclip‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]