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Weltausstellung
W.en gingen Mitte des 19. Jh.s aus nationalen Gewerbe- und Industrieausstellungen hervor und waren Ausdruck eines neuen durch Industrialisierung und anbrechenden Kolonialismus geprägten globaleren Weltverständnisses. Im Verlauf ihrer Geschichte unterlagen Inhalt, Intentionen sowie die Art der Präsentation und ihre Bedeutung großen Veränderungen. Wurde die erste W. (London, 1851) als reine Waren- und Industrieausstellung konzipiert, erweiterte sich das Spektrum rasch um eine Vielzahl kultureller und Unterhaltungselemente, wodurch W. im ausgehenden 19. Jh. zu einem zentralen Schauplatz bürgerlicher Gesellschaft wurden, der in erster Linie der nationalen Selbstrepräsentation diente. 1873 fand in Wien die 5. W. statt, die für die Stadtentwicklung wesentliche Impulse setzte, auf Grund von Börsenkrach und Choleraepidemie die hochgesteckten Erwartungen jedoch nicht erfüllen konnte und ein großes Defizit hinterließ. Musik war von Anfang an auf allen W.en präsent und stellt ein vielschichtiges – in der Forschung bislang (2006) jedoch nur punktuell untersuchtes – Feld dar, das unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet werden kann.

Als Ausstellungsobjekt im eigentlichen Sinn spielt Musik im Vergleich etwa zu den Bildenden Künsten im 19. Jh. nur eine untergeordnete Rolle. Neben Musikinstrumenten, die als Bestandteil der technologischen Innovation ausgestellt werden, findet sie Eingang in pädagogische Schauen oder Darstellungen zur Geschichte des Theaters. Im 20. Jh. kommt es, bedingt durch die Abkehr von reinen Produktpräsentationen, die erweiterten technischen Möglichkeiten und die Zunahme multimedialer Präsentationsformen, in denen die auditive Ebene zu einem integrativen Bestandteil wird, zu erweiterten Einsatzmöglichkeiten von Musik: Beispiele dafür sind der von Le Corbusier (1887–1965) gestaltete Philipps Pavillon, für den Edgar Varèse sein Poéme électronique komponierte (Brüssel 1958), Gärten der Musik, mit denen Deutschland Vertreter der Neuen Musik (Boris Blacher, Herbert Eimert, Karlheinz Stockhausen u. a.) präsentierte (Osaka/J 1970), oder die sog. Akustikvulkane, mit denen Österreich Vertreter der Wiener Elektronik präsentierte (Hannover/D 2000). Im erweiterten Sinn sind auch die im Kontext der W. stattfindenden Konzert- und Opernaufführungen einzubeziehen, die als Bestandteil einer kulturellen Leistungsschau zu verstehen sind. Musik wird dabei häufig in den Dienst der nationalen Repräsentation gestellt. Dies gilt für Paris mit den Concerts de musique ancienne et moderne (einer Auswahl der besten Werke französischer Komponisten aller Zeiten) und den verschiedenen Nationalkonzerten im eigens dafür errichteten Konzertsaal des Trocaderos ebenso wie für die Wiener W., zu deren Eröffnung im neuen Musikvereinssaal (errichtet 1870) ein Beethoven- und Schubertfest veranstaltet wurden, mit denen sich Österreich als „musikalische Großmacht“ präsentierte. Das Ausstellungsprogramm wurde insgesamt – nicht zuletzt als Kompensation geringer Konkurrenzfähigkeit auf industriellem Gebiet – stark um historische und kulturelle Themen erweitert. In der Folge rückte Österreich immer wieder seine kulturelle Bedeutung in den Mittelpunkt. Dies galt für die als Nachfolgeveranstaltung zur Wiener W. veranstaltete Internationale Ausstellung für Musik und Theaterwesen (Wien 1892) ebenso wie für weitere W., bei denen Musik zu einem bevorzugten nationalen Aushängeschild wurde. In Brüssel (1958) präsentierte man den „kosmopolitischen Charakter der österreichischen Kulturgeschichte“ u. a. mit einem Musiksalon (Salon), in dem Musikunterricht erteilt wurde; zur W. Montreal/CDN (1967), wo Österreich zum Generalthema Der Mensch als Schöpfer u. a. die Partituren großer österreichischer Komponisten präsentierte, entsandte man Staatsoper und Wiener Philharmoniker zu einem groß angelegten Gastspiel.

Musik ist nicht nur in offiziellen Ausstellungen und Konzerten präsent, sondern auch zentrales Unterhaltungselement. In den Vergnügungsbereichen der W. dient Musik ebenso wie nationaltypische Speisen, Trachten, Architektur einer oft klischeehaften Darstellung nationaler Eigenarten. Österreich ist hier mit den Nachbauten von „Alt Wien“ und dem „Tiroler Dorf“ vertreten, wobei das musikalische Spektrum von Wienerliedern und Schrammelmusik bis hin zu Konzerten von Trachtenmusikkapellen reicht. Zum markantesten musikalischen Signum Österreichs avancierte der Walzer An der schönen blauen Donau von Joh. Strauß Sohn. Er wurde 1867 in Paris zum großen Erfolg und auch auf der Expo 2005 in Aichi/J war ein Ballsaal mit Walzermusik Bestandteil der Österreich-Präsentation. Tägliche Konzerte von Joh. und E. Strauß, C. M. Ziehrer prägten die Wiener W., für die eine Reihe von Anlasskompositionen wie die Rotunde-Quadrille op. 360 v. Joh. Strauß Sohn oder die Krachpolka von A. Fahrbach entstanden.

In diesem Unterhaltungsbereich wurde die W. im 19. Jh. auch zu einem wichtigen Begegnungsort mit außereuropäischer Musik, der auf künstlerischem und wissenschaftlichem Gebiet wichtige Impulse lieferte. Die Tanz- und Musikvorführung aus dem Nahen und Fernen Osten (arabischer Bauchtanz, indonesische Gamelanmusik) der Pariser W. 1889 beeinflussten Komponisten wie Claude Debussy, die Beschreibung dieser Musik von Julien Tiersot ist kennzeichnend für das beginnende musikethnologische Interesse. In Chicago/USA (1893) nützte Benjamin I. Gilman die Vorführungen des Midway Plaisance zu Phonogrammaufnahmen (101 Zylinder mit Musik aus Java, Samoa und der Kwaikutl Indianer).

W.: 1851 London, 1855 Paris, 1862 London, 1867 Paris, 1873 Wien, 1876 Philadelphia/USA, 1878 Paris, 1880 Melbourne/AUS, 1888 Barcelona/E, 1889 Paris, 1893 Chicago, 1897 Brüssel, 1900 Paris, 1904 St. Louis/USA, 1905 Lüttich (Liège/B), 1906 Mailand, 1910 Brüssel, 1911 Turin/I, 1913 Gent/B, 1915 San Francisco/USA, 1929/30 Barcelona, 1933/34 Chicago, 1935 Brüssel, 1937 Paris, 1939/40 New York/USA, 1949 Port-au-Prince, 1958 Brüssel, 1962 Seattle/USA, 1964/65 New York, 1967 Montreal, 1970 Osaka, 1992 Sevilla/E, 2000 Hannover, 2010 Shanghai/VCR, 2015 Mailand.


Literatur
E. Hanslick in J. Arenstein (Hg.), Österr. Bericht über die Internationale Ausstellung in London 1862; E. Hanslick in Bericht über die W. zu Paris im Jahre 1867. Bd. 3: Instrumente f. Kunst u. Wissenschaft, hg. durch das k. k. österr. Central-Comité 1869; L. A. Pontécoulant, La musique à l’Exposition Universelle de 1867, 1868; Beiträge v. R. Weinwurm u. E. Schelle in Officieller Ausstellungs-Bericht, hg. v. der Generaldirection der W. 1873; J. Tiersot, Promenades musicales à l’Exposition 1889; J. Pemsel, Die Wr. W. von 1873. Das gründerzeitliche Wien am Wendepunkt 1989; J. E. Findling (Hg.), Historical Dictionary of World’s Fairs and Expositions 1851–1988, 1990; W. Kretschmer, Gesch. der W.en 1999; M. Wörner, Vergnügen u. Belehrung. Volkskultur auf den W.en 1851–1900, 1999; U. Felber et al., Österreich auf den W.en 1851–2000, 2000; P. Sigel in Arch+ (Frühjahr 2000); A. Fausner, Musical Encounters at the 1889 Paris World’s Fair 2005; http://www.bie-paris.org/main/index.php?p=-96&m2=142 (3/2006); https://de.wikipedia.org/ (9/2016).

Autor(en)
Gregor Kokorz
Empfohlene Zitierweise
Gregor Kokorz, Art. „Weltausstellung‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 10/12/2003]