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Wiegenlied
Lied (systematisch betrachtet ein Arbeitslied) der Mütter zum Einwiegen ihrer Kinder; es ist dem gleichförmigen Rhythmus des Wiegens angepasst. Traditionelle Wiegereime hatten einfache Melodien und zwei oder mehr Verse mit besonderen Lautfolgen und Schallkombinationen, die die Mutter oder die „Kindsdirn“ halblaut sang. Damit wurde eine Schwingungsharmonie erzeugt, die das rhythmische Gleichmaß der Bewegungen fortsetzt, mit denen das Ungeborene im Mutterleib heranwächst, wodurch die Beruhigungswirkung verstärkt wird. Die in Österreich dabei häufig verwendete Formel „Eia popeia“, „heidi pupeidi“ usw. geht möglicherweise auf ein griechisches Vorbild zurück: Der Babenberger Heinrich Jasomirgott (1107?–1177) heiratete 1148 in zweiter Ehe eine griechische Kaiserstochter, in deren Gefolge griechische Frauen nach Wien kamen und das griechische W. „Heude mou paidion, heude mou pai“ (= Schlafe mein Kindchen, schlafe mein Kind) mitgebracht haben sollen. Noch in der Barockzeit bezeugt die Gelegenheitsdichtung Haia Pupaia, die im Fasching 1724 der Gemahlin K. Karls VI. vorgetragen wurde, die damals ein Kind erwartete, die Bekanntheit dieser Formel am Wiener Hof. Als „haidl bubaidl“ erscheint sie in einem W. in der ersten österreichischen Volksliedsammlung von 1819. Das zweite darin notierte W. „Schlåf, main Kinderl, schlåf“ ist seither ebenfalls in unzähligen Varianten bekannt geworden und spielt mit den jeweils verschiedenen Fortsetzungsversen („dein Vater ist [k]ein Graf“, „ein Schaf“ u. v. a.) auf die soziale Lage der jungen Familie bzw. der alleinerziehenden Mutter an. Überhaupt dienen die traditionellen Wiegereime nicht immer der liebevollen Zuwendung zum Kind, sondern auch der Aufarbeitung der nachgeburtlichen Probleme der Mutter. Vieles an den W.ern ist improvisiert; manche enthalten auch Geschichten und Legenden und entfalten sich in phantasievoll gestalteten Melodien. Frauen nehmen hier ihre besondere Rolle als Übermittlerinnen traditionellen Wissens und traditioneller Praktiken wahr. Auch die Dichtung und die Kunstmusik haben sich des W.es angenommen, z. B. „Schlaf, Herzenssöhnchen“ von C. M. v. Weber (1810), „Schlafe, schlafe, holder süßer Knabe“ von Fr. Schubert (1829), „Guten Abend, gut Nacht“ von J. Brahms (1868), dessen erste Strophe aus Archim von Arnims und Clemens Brentanos Wunderhorn stammt. Eine eigene Gattung unter den Weihnachtsliedern sind die W.er für das Christkind. Unter den neueren W.ern, die mittels CDs und Spieluhren in die Kinderzimmer gelangen, gehört „La le lu“, gesungen von dem Schauspieler Heinz Rühmann (1902–94) in dem Film Wenn der Vater mit dem Sohn (1955), zu den beliebtesten.
Literatur
F. Eibner in JbÖVw 32/33 (1984); G. Haid in G. Haid/U. Hemetek (Hg.), Die Frau als Mitte in traditionellen Kulturen 2005; G. u. K. Horak (Hg.), Tiroler Kinderleben in Reim u. Spiel. Tl. 1: Reime 1986; K. M. Klier in Das dt. Volkslied 37 (1935); A. Riedl/K. M. Klier (Hg.), Lieder, Reime u. Spiele der Kinder im Burgenland 1957; F. Ziska/J. M. Schottky, Österr. Volkslieder mit ihren Singweisen 1819; H. Zoder (Hg.), Kinderlied u. Kinderspiel aus Wien u. Niederösterreich 1924.

Autor(en)
Gerlinde Haid †
Empfohlene Zitierweise
Gerlinde Haid †, Art. „Wiegenlied‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]