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Wiener Chorregenten-Pensionsverein
Vereinigung Wiener Kirchenmusiker zur Hebung der Kirchenmusik und finanziellen Absicherung ihrer Hinterbliebenen. Gegründet mit behördlicher Genehmigung vom 24.9.1842 auf Initiative von F. X. Glöggl (II) als Kirchenmusik- und Pensions-Verein der Chorregenten in Wien (kurz auch Wiener Chorregenten-Verein, lang auch Wiener Chorregenten-Verein zur Beförderung der Kirchenmusik und Pensions-Anstalt für ihre Witwen und Waisen). Die behördliche Statutengenehmigung erfolgte mit 19.1.1843, erster Präses (möglicherweise auch Protektor) war F. J. J. v. Lobkowitz. Mitglieder der ersten Stunde dürften neben Glöggl noch J. G. Egger, M. Leitermayer, J. Drechsler, J. Krenn, K. Pichler, Johann Wögrath, F. Finkes, L. Hauptmann, J. Rieder, Ferd. Schubert und D. Kumenecker gewesen sein. Die Vereinsziele bestanden anfangs darin, die Kirchenmusik in Wien zu fördern sowie den Witwen und Waisen nach Chorregenten eine finanzielle Absicherung zu bieten. Die Förderung der Kirchenmusik sollte durch eine vollkommene und würdige Ausführung von Kirchengesängen und anderen kirchenmusikalischen Werken, durch die Anschaffung und Verbreitung von den kirchlichen Vorschriften entsprechenden Werken sowie durch die Errichtung einer musikalischen Probeanstalt, in der jeder Komponist seine Werke zur Aufführung bringen kann, bewerkstelligt werden. Die Probeanstalt – Mitglieder durften nur Vereinsmitglieder werden – stand unter der Leitung eines eigenen Direktors und musste sich selbst erhalten. Anfangs wurde zwischen drei Arten von Mitgliedern unterschieden: „wirkende, musikalische Mitglieder“ (darunter verstand man Chorregenten und andere Kirchenmusiker), unterstützende Mitglieder und Ehrenmitglieder; die wirkenden Mitglieder hatten bei den Vereinsaufführungen mitzuwirken und einen jährlichen Beitrag zu leisten.

In den 1840er Jahren trat der Verein als Veranstalter großer Konzerte auf, deren erstes am 29.10.1843 im Redoutensaal eine Aufführung von G. F. Händels Herkules in der Bearbeitung von I. F. v. Mosel brachte. Im Winter 1844/45 gelangten in der Konzertserie des Vereins F. S. Hölzls Oratorium Noah, Felix Mendelssohn Bartholdys Musik zu Antigone und seine Schottische Symphonie in a-Moll, die Jagdsymphonie von J. F. Kittl, Teile aus L. v. Beethovens Missa solemnis sowie Kompositionen von J. N. Hummel, Niels Wilhelm Gade und Johannes Verhulst zur Aufführung. Es folgten in den kommenden Jahren bis 1849 Werke von L. v. Beethoven (Klavierkonzert in Es-Dur), Fr. Schubert, W. A. Mozart, F. Mendelssohn Bartholdy (Klavierkonzert in g-Moll), J. Drechsler (Dramatisches Gedicht Rosa von Viterbo nach Ch. J. A. Kuffner) und J. Haydn (Die Sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze). 1857 stand G. Rossinis Stabat mater am Programm.

Daneben war der Verein statutenmäßig zur Abhaltung von regelmäßigen Dank- und Gedenkgottesdiensten verpflichtet, die in verschiedenen Wiener Kirchen (auch in den Vorstädten) stattfanden, wobei jedoch die Hofpfarrkirche St. Augustin dominierte. Den Anfang bildete hier ein Hochamt in der Augustinerkirche am 30.5.1843 anlässlich des Namenstages von K. Ferdinand I. unter der Leitung von J. B. Schmiedel mit Werken von J. Haydn (eine der letzten B-Dur-Messen), J. v. Eybler (Te Deum) und L. Cherubini. Die Kirchenmusikaufführungen wurden in den folgenden Jahrzehnten von J. N. Hummel, L. v. Beethoven (C-Dur-Messe), J. Haydn (Mariazeller Messe, Harmoniemesse) dominiert. Dazu traten Einlagen von L. Weiß, A. Diabelli, L. Cherubini, Fr. Schubert, S. Sechter, G. F. Händel und anderen. 1851 führte der Verein W. A. Mozarts Requiem auf, 1855 gestaltete er die Uraufführung der Militär-Festmesse für Männerchor mit Militärmusik-Begleitung von Al. Leitermayer.

Einen interessanten Einblick bietet der Jahresbericht für das Jahr 1851: Demnach wachten und berichteten damals „Referenten“ über die Leistungen der dem Verein angehörenden Chorregenten, periodisch legte man ein Prospekt „über die aufzuführenden Kirchenmusikwerke“ vor, und „Produktionen von vorhandenen Kräften nicht angemessener Musikwerke“ wurden verhindert.

1848 erfolgte die erste Statutenergänzung, 1868 die Erweiterung um einen Pensionsfond für die Chorregenten selbst (eine Pension war frühestens ab dem 60. Lebensjahr beziehbar). Der Pensionsfond konnte durch die vereinsinterne Umschichtung vorhandener finanzieller Mittel ins Leben gerufen werden: In den ersten Jahrzehnten wäre es Mitgliedern möglich gewesen, für die Leistungen in ihren Musikschulen jährliche Remunerationen zu erhalten. Von dieser Option wurde bis 1868 kein Gebrauch gemacht. Ähnlich lagen die Dinge bei der ab 1848 bestandenen Möglichkeit, für die Bestreitung der Kosten der Kirchenmusik vom Verein Beiträge zu lukrieren. Auch die Idee, eine Art vereinsinternen Notenverleih zu organisieren, fand nicht den erwarteten Zuspruch; die vom Verein angekauften Kirchenmusikalien (von F. Finkes verwahrt) wurden u. a. nicht verwendet, „weil die Messen entweder zu leicht oder zu schwer, zu kurz oder zu lang, oder auch zu viel instrumentirt“ waren.

1891, 1895, 1901/02 und 1905 kam es zu neuerlichen Umgestaltungen der Satzungen. Ab 1891 unterschied man zwischen wirklichen Mitgliedern, mitwirkenden Mitgliedern (die die Vereinszwecke durch künstlerische Leistungen förderten), unterstützenden Mitgliedern und Ehrenmitgliedern. Um wirkliches Mitglied werden zu können, musste man seinen „Lebensunterhalt ausschließlich durch künstlerische Ausübung der Tonkunst erwerben“, als Chorregent an einer katholischen Kirche in Wien angestellt sein und maximal 55 Jahre alt sein (davor lag die Grenze seit 1868 bei 60 Jahren). Auch gab es eine ärztliche Untersuchung des jeweiligen Beitrittskandidaten. Wirkliche Mitglieder waren dazu verpflichtet, bis zum 60. Lebensjahr an Vereinsaufführungen unentgeltlich mitzuwirken oder einen Sänger/Instrumentalisten auf ihre Kosten beizustellen. Ein Pensionsanspruch bestand nun erst ab 65 Jahren, dies wurde 1905 jedoch wieder auf 60 Jahre korrigiert. Die Mitglieder leisteten nach wie vor ihren jährlichen Beitrag an den Verein, der seinerseits (seit 1891) Prämien an eine Versicherungsanstalt zahlte; die Mitglieder selbst standen daher in keinem direkten Rechtsverhältnis zur Versicherungsanstalt. Erst seit 1891 lautete der Name offiziell Wr. Ch.-P. 1901 bestand offenbar der Plan, sich unter das Protektorat des Fürsterzbischofs von Wien zu stellen.

Das Gründungskapital 1843 betrug 9.000 fl, 1867 stand das Vereinsvermögen bei 24.130 fl. Der Verein wurde in späteren Jahren häufig vom k. k. Kultusministerium subventioniert. Weiters gab es Spenden hochstehender Persönlichkeiten (Mitglieder des Kaiserhauses, hohe kirchliche Würdenträger und andere Geistliche, Klöster, Pfarrämter). 1852 bezog eine Witwe mit Waisen eine Pension. 1861 waren es vier Witwen bei 68 Vereinsmitgliedern. Ende 1867 erhielten die Witwen nach J. Drechsler, Ferd. Schubert, J. Wögrath, D. Kumenecker und M. Leitermayer Pensionen. 1868 zählte der Verein 60 Mitglieder, der 15-köpfige Ausschuss setzte sich aus Musikern und Nicht-Musikern zusammen: Johann Isling, Joseph Kaiser, F. Finkes, Ferdinand Carl Manussi, J. G. Egger, F. X. Glöggl (II), J. Rieder, Stefan Lang, Franz Mühlberger, Eduard Lehne, Leopold Schütz, Wendelin Grazl, D. Finkes, J. Weihgart (?), L. Hauptmann. In den 1870er Jahren hatte der Verein mit großem Mitgliedermangel zu kämpfen, das Vereinsleben lag fast vollständig darnieder. Aus späteren Jahren liegen bislang noch folgende Mitgliederzahlen vor: 1911 15 wirkliche Mitglieder; 1917 14 wirkliche Mitglieder, wovon zwei eine Pension bezogen (nebst fünf Witwen-Pensionen); 1920 14 wirkliche Mitglieder.

Am 3.12.1933 fasst die Generalversammlung des Vereins einen Auflösungsbeschluss. Das vorhandene Restvermögen in der Höhe von ATS 800,-- wurde an Witwen verteilt.

Nach den Statuten von 1843 standen an der Spitze des Vereins ein Protektor sowie ein Präses und Präses-Stellvertreter. Der weitere sechsköpfige Ausschuss bestand aus Sekretär, Kassier, Kassaschlüsselverwahrer, Rechnungsführer, Konzertdirektor und Direktor der Probeanstalt. Namentlich sind folgende Vereinsfunktionäre bekannt (Jahreszahlen beziehen sich auf Nennungen):

Präses: F. J. J. v. Lobkowitz (1843–68).

Präses-Stellvertreter: Karl v. Ransonnet-Villez (1844), Franz Riedl v. Riedenau (1846–53), Josef v. Seilern (1854), J. Isling (1868).

Vorstand (Vereinsleiter): Karl Eckel (1861–65), Josef Machanek (bis 1882), A. A. Buchta (1882–91), J. Kaulich (1891–95), Jul. Böhm (1898–1904), K. Pfleger (1911–20), Anton Barthlmé (1933).

Vorstand-Stellvertreter: A. A. Buchta (1891–95), Georg Schedl (1911–20).

Sekretäre (Schriftführer): K. Eckel (1850–60?), Josef Drexler (1854), F. C. Manussi (1861–68), A. A. Buchta (1891–95), Franz Zeitelberger (1901), F. Habel (1916–19), Franz Mlčoch (1920), Josef Offner (1933).

Zu den Ehrenmitgliedern des Vereines zählten neben Angehörigen des Adels und hohen geistlichen Würdenträgern auch G. Meyerbeer (1844), F. Mendelssohn Bartholdy (1844), Carl Gottlieb Reißiger (1844), F. Lachner (1844), F. S. Gassner (1844), W. J. Tomaschek (1844), Carl Groidl (1844), F. S. Hölzl (1844), F. P. v. Laurencin d’Armond (1845), G. Hellmesberger d. Ä. (1846) und C. G. Lickl (1847).

Das von Juli 1893 bis Ende 1895 erschienene Beiblatt Kirchenmusik-Zeitung der Internationalen Musik-Zeitung (ab 1895: Neue musikalische Presse) trug ab November 1893 zwar den Untertitel Offizielles Organ des Wiener Chorregenten-Pensions-Vereines und wurde von Jul. Böhm redigiert, publizierte aber so gut wie keine vereinsinternen Nachrichten.


Literatur
J. Böhm in Internationale Musik-Ztg. 1.1.1894, 1.2.1894, 1.3.1894, 1.4.1894; Auszug aus den von der hohen Landesstelle genehmigten Statuten des Kirchenmusik- und Pensions-Vereines der Chorregenten in Wien 1843; W. Sauer in Kirchenmusikalisches Jb. 63/64 (1979/80); E. Hanslick, Gesch. des Concertwesens in Wien 1869, 304f; Allgemeine Wr. Musik-Ztg. 23.5.1843, 257f, 3.6.1843, 278f, 12.9.1843, 460, 26.9.1843, 481, 10.10.1843, 512, 11.5.1844, 228, 14.5.1844, 232, 8.6.1844, 276, 2.7.1844, 314, 26.9.1844, 464, 3.10.1844, 476, 12.2.1845, 80, 1.3.1845, 103f, 17.4.1845, 184, 1.12.1846, 587, 27.5.1847, 256, 25.11.1847, 565; Wr. Ztg. 25.10.1843, 2189f, 19.10.1844, 2148, 8.3.1849, Beilage, 4; 31.10.1851, 3168, 19.11.1851, 3356, 13.11.1852, 3170, 16.5.1879, 16, 16.4.1891, 3; Österr. Pädagogisches Wochenbl. 25.11.1843, 811–814, 3.4.1852, 214f, 16.3.1853, 174f, 26.3.1853, 198, 25.3.1854, 196, 26.4.1854, 267, 11.5.1859, 397; Wr. Zs. 3.10.1844, 1584; Österr. Morgenbl. 21.10.1844, 508, 5.12.1846, 580, 9.1.1847, 14f; Der Wanderer 27.11.1846, 1136, 28.11.1846, 1139; Sonntagsbll. 10.1.1847, 12; Neue Wr. Musik-Ztg. 6.1.1856, 7; Fremden-Bl. 21.11.1856, 3, 26.11.1862, 5; Der Humorist 8.4.1857, 366f; Die Presse 24.11.1860, 4; 13.11.1868, 11; Wr. Kommunal-Kalender und städtisches Jb. 1 (1863), 266; Neues Fremden-Bl. 2.2.1875, 5; WStLA (Vereinsakt MA 119, A 32, 9374/33).

Autor(en)
Christian Fastl
Empfohlene Zitierweise
Christian Fastl, Art. „Wiener Chorregenten-Pensionsverein‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 05/07/2019]