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Wiener Gruppe
Ursprünglich loser Zusammenschluss verschiedener in Wien ansässiger, ab 1952 teilweise mit Gemeinschaftsarbeiten an die Öffentlichkeit tretender Künstler. Zur Vorgeschichte der W. G. rechnet die ab 1950 existierende Bekanntschaft zwischen dem Dichter H. C. Artmann (1921–2000) und dem in der Musik, den Bildenden Künsten und der Literatur gleichermaßen kreativen Künstler G. Rühm. Zu diesen stieß 1952 der Dichter und Banjo-Spieler Konrad Bayer (1932–64), worauf es zu ersten gemeinsamen Arbeiten und Aktionen kam. Erweitert wurde der Freundeskreis ab 1953 durch den Jazzmusiker Oswald Wiener (* 1935) und ab 1955 durch den Dichter und Architekten Friedrich Achleitner (* 1930). Das Ausscheiden Artmanns (1958) und Achleitners (1961) zeitigte erste Auflösungstendenzen. Mit dem Freitod Bayers (1964) und dem Umzug Rühms nach Berlin (1964) zerfiel die W. G. endgültig. Der Name W. G. wurde erst 1964 durch einen gleichnamigen Artikel Bayers etabliert. Irreführende Verlegenheitsbezeichnungen wie Wiener Dichtergruppe [1958] gingen nicht auf die Mitglieder zurück.

Geprägt von der Ablehnung als belastend empfundener Traditionen künstlerischen Tuns, teilten die Mitglieder der W. G. ihre Neugierde für tabuisierte Formen europäischer (Anti-)Kunst (Dadaismus, Surrealismus u. ä.) sowie ihr Interesse an künstlerischen Arbeiten im Grenzbereich zwischen Musik, Literatur und Bildender Kunst. So entstanden Manifeste (u. a. Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes, 1953), experimentelle Werkkonzeptionen (u. a. Rühms eintonstück für Klavier, 1952, und dazu korrespondierende ein-wort-tafeln), Gemeinschaftsarbeiten (u. a. kinderoper, 1958, und 10 lebensregeln für vierzigjährige, 1959), happening-ähnliche Aktionen sowie Marathon-Veranstaltungen (u. a. mehrstündige Literarische Cabarets, 1958/59). Die künstlerischen Impulse in Richtung verschiedener Verfahren von Sprachmusik (Sprache und Musik), visueller Musik u. ä. wurden nach dem Zerfall der W. G. teils von den Mitgliedern, teils von jüngeren Künstlern weiter getragen.

Die frühe Rezeption der W. G. ist v. a. von Ablehnung und Unverständnis geprägt, abzulesen u. a. an den in der österreichischen Tagespresse meist als skandalös gebrandmarkten Aktionen, etwa anlässlich der in der Wiener Innenstadt abgehaltenen Demonstration une soirée aux amants funèbres (1953). Eine Wende leitete Rühm mit der von ihm gestalteten, 1967 beim angesehenen Rowohlt-Verlag veröffentlichten Anthologie ein. Mit der 1997 im Rahmen der Biennale von Venedig von P. Weibel kuratierten, groß dimensionierten Ausstellung die wiener gruppe / the vienna group bzw. mit dem für diese Gelegenheit edierten, umfänglichen Katalog erreichte die Rehabilitierung der W. G. als eine der europaweit originellsten Künstlerkollektive der ersten Nachkriegsjahrzehnte ihren vorläufigen Höhepunkt. Im Zeichen dieser zunehmenden Kanonisierung stehen die Verleihung zahlreicher (Staats-)Preise an die ehemaligen Mitglieder der W. G. sowie die verspätet einsetzende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesen.


Literatur
G. Rühm (Hg.), Die W. G. 1967, 21985; O. Breicha/H. Klocker (Hg.), Miteinander. Zueinander. Gegeneinander. Gemeinschaftsarbeiten österr. Künstler u. ihrer Freunde nach 1950 bis in die achtziger Jahre 1992; P. Weibel (Hg.), [Kat.] die wiener gruppe / the vienna group 1997; K. Hammer, Die Kinder der W. G. 2001; J.Brügge et al. (Hg.), Bildmusik. Gerhard Rühm u. die Kunst der Gegenwart 2006.

Autor(en)
Wolfgang Gratzer
Empfohlene Zitierweise
Wolfgang Gratzer, Art. „Wiener Gruppe‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 03/03/2006]