Logo IKM
OeML Schriftzug
Logo OeML
Logo Verlag

Wilten
Prämonstratenser-Chorherrenstift im gleichnamigen, 1904 eingemeindeten Stadtteil von Innsbruck. Vor 1138 vom schwäbischen Kloster Rot an der Rot/D aus besiedelt, stieg W. rasch zu einem spirituellen und ökonomischen Zentrum Nordtirols auf. Ein ursprünglich parallel bestehendes Kloster der Prämonstratenser-Chorfrauen wurde im späten 13. Jh. zu einem Spital umgewandelt, das um 1350 aufgelassen wurde. Zahlreiche Stadt- und Landpfarren in Innsbruck und Umgebung wurden und werden vielfach noch heute (2016) von W. seelsorgerisch betreut; bis 1643 behielt das Stift auch die rechtliche Oberhoheit über die Stadtpfarre Innsbruck-St. Jakob. Seit 1458 war der Prälat von W. im Tiroler Landtag vertreten. Mit den Fürstbischöfen von Brixen wurde ab dem 15. Jh. ein Streit um die Rechtshoheit (Exemtion) geführt, der erst im späten 17. Jh. mit einem Vergleich endete. Das 17. und 18. Jh. waren geprägt von Prachtentfaltung im Zeichen barocker Repräsentation; sichtbarer Ausdruck war der Neubau der Stiftskirche (geweiht 1662). Die josephinischen Reformen und die Säkularisation trafen W. schwer; 1807–16 war das Kloster aufgehoben. Unter Abt Alois Röggl (1782–1851) wurde eine neue Blüte des Geisteslebens im Stift eingeleitet, die unter seinen Nachfolgern fortgesetzt wurde. Im späten 19. und frühen 20. Jh. gingen wesentliche Impulse für liturgische und kirchenmusikalische Erneuerungsbewegungen von W. aus. Die nationalsozialistische Herrschaft brachte Repressalien und Zerstörungen (u. a. Verlust des Grundbesitzes, starke Beschädigung von Stiftskirche und Kloster durch Bomben). Unter Prälat Alois Stöger (1921–98, Abt 1957–92) wurden materieller und geistiger Wiederaufbau vorangetrieben; seit 1992 steht Abt Raimund Schreier dem Kloster vor.

Mittelalterliche liturgische Handschriften belegen die ordensspezifische Choralpflege in W.: Ein Graduale-Sequentiar (UB Innsbruck) und ein Antiphonale (Stiftsbibliothek W.) stammen aus der Zeit um 1300, ein weiteres Graduale-Sequentiar aus dem 15. Jh. Die Tradition der prämonstratensischen Liturgie spiegelt sich in gedruckten und handgeschriebenen Liturgica des 16.–20. Jh.s. Im 18. und 19. Jh. war ein Niedergang der Choralpflege zu verzeichnen. In der Gegenwart kommt dem Prämonstratenserchoral wieder ein hoher Stellenwert zu. Leitend verantwortlich ist der Kantor, bis 2014 Gottfried Scheiber, ihm folgte Gebhard Eibensteiner.

Umfang und Niveau der Pflege figuraler Kirchenmusik in der Barockzeit waren beachtlich; kirchliche Feste und weltliche Feierlichkeiten boten vielfältige Anlässe. Der Innsbrucker Hofmusikdirektor J. H. Hörmann hebt in der Dedikation seiner dem W.er Abt Norbert Bußjäger gewidmeten Messensammlung Alauda caelestis (Augsburg: Lotter 1750, veröffentlicht auf www.musikland-tirol.at, 4 Messen auf CD Klingende Kostbarkeiten aus Tirol 16, Innsbruck 2001) die Qualität des W.er Stiftschores hervor. Im 17. Jh. musizierten wiederholt Innsbrucker Hofmusiker im Stift. Seit 1762 fanden am Karfreitag regelmäßig Oratorienaufführungen statt. Seit dem 19. Jh. wurde das Chorregentenamt häufig von Laien wahrgenommen. Die bedeutendste Musikerpersönlichkeit unter den Stiftschorregenten des 20. Jh.s war J. Gasser, der 1908–24 in W. wirkte. 1946–2005 war Walter Grill als Organist und ehrenamtlicher Leiter von Stifts- und Pfarrchor tätig; 2005 wurde Norbert Matsch zum hauptamtlichen Stiftskapellmeister bestellt. Stiftsorganist ist seit 1990 K. Estermann, der aktuell auch die Orgel der Pfarrkirche betreut, wo in der Zeit der Renovierung der Stiftskirche (2005–08) die Gottesdienste stattfanden. Die kirchenmusikalische Hauptaufgaben tragen seit 2005 die Capella Wilthinensis und der Chorus Wilthinensis, seit 2014 unterstützt vom Mädchenchor Puellae Wilthinensis. Seit 2012 ist Dominik Bernhard Stiftspfarrorganist.

Die W.er Sängerknaben wurden 1946 vom Chorherrn Otto Karasek gemeinsam mit dem langjährigen Leiter N. Gerhold gegründet und zählen heute unter der Leitung von Johannes Stecher zu den international renommiertesten Knabenchören. Sie führen ihre Tradition auf die Singknaben der mittelalterlichen W.er Stiftsschule zurück, an der auch Musikunterricht erteilt wurde.

1997 gründete Gebhard Eibensteiner auf Betreiben des Abtes eine Choralschola mit Konventsangehörigen und Laien, die 2005 von Stiftskapellmeister Matsch übernommen wurde und seither den Namen Schola Gregoriana Wiltinensis trägt. Stifts- und Pfarrkirche W. werden regelmäßig für Konzerte genutzt; auf die Initiative von Hans Erhardt geht die Konzertreihe der Geistlichen Abendmusiken in der Basilika zurück (seit 1964).

Schon im 19. Jh. musizierte die Stadtmusikkapelle W. (gegründet 1650) bei kirchlichen Feierlichkeiten im Stift. Sie steht seit 1995 unter der Leitung von Peter Kostner und gilt als eine der führenden Blaskapellen Tirols (Blasorchester).

Die Handschriften und Drucke im Musikarchiv des Stiftes W. stammen überwiegend aus dem 19. Jh. Unter den Tirolensien sind besonders die zahlreichen Abschriften von Werken des Haller Pfarrorganisten J. A. Holzmann erwähnenswert. Aus dem 18. Jh. sind u. a. Drucke von V. B. Faitelli, N. Madlseder und Isfried Kayser OPraem (1712–71) sowie Handschriften mit Werken von E. Angerer, F. X. Brixi und J. Zach vorhanden. Ein 1892–95 vom damaligen Stiftschorregenten Josef Koller angelegtes Inventar der Musikalien und Instrumente des Stiftschores listet besonders viele Werke von Komponisten der auch von Stiftsangehörigen eifrig propagierten cäcilianischen Richtung auf. Unter den Konventualen traten einige auch als Komponisten hervor, so Adrian (Alois) Hofer (1768–1825), Gregor Zacher (1802–71), Benedikt Werndle (1830–80) und Markus Plunser (1893–1968).

Im Stift sind wertvolle historische Streich- und Zupfinstrumente vorhanden, die einer adäquaten Lagerung und Inventarisierung harren. Der früheste Beleg zur Orgelgeschichte W.s stammt aus 1531, als ein Orgelmacher hier tätig war; 1563 wurde vom Prälaten des Zisterzienserstiftes Stams ein Regal gekauft, ein weiteres 1646 von einem unbekannten Orgelbauer. Aus 1614/15 stammt der erste Beleg für ein Positiv; ein solches dürfte sich bis zur Errichtung der Hauptorgel auf der Empore der neu erbauten Stiftskirche befunden haben (Reparatur durch D. Herz 1669). 1675 wurde Herz für die Errichtung der erhaltenen, 2003 von der Firma Ahrend (Leer/D) restaurierten Chororgel (mit Extensionssystem) vergütet. In der Folge baute Herz auch die große Orgel auf der Empore der Stiftskirche (um 1680, vollendet von seinem Gesellen J. Hackhofer), die 1839 durch ein Instrument von J. G. Gröber ersetzt wurde. Die Gröber-Orgel wurde 1944 zerstört. 1961 wurde die „Olympiaorgel“ der Fa. Hradetzky fertiggestellt. Im Zuge der Restaurierung der Stiftskirche wurden zwei neue Orgeln gebaut (große Orgel [III/53] durch Fa. Verschueren/NL, Chororgel [II/14] Gebr. Reil/NL). Die erste Orgel der 1751–55 errichteten Pfarrkirche und Basilika Maria unter den vier Säulen wurde 1758 von A. Fuchs [I] fertig gestellt; 1894 baute F. Reinisch [II] ein neues Orgelwerk in das alte Gehäuse; die grundlegende Restaurierung der Reinisch-Orgel durch die Fa. Pirchner (Steinach am Brenner/T) wurde 2003 abgeschlossen (II/24). Das Stiftsgeläute besteht aus elf zwischen 1976 und 2005 gegossenen Glocken.


Literatur
Lit (chron.): MGG 6 (1957), 1236f [Innsbruck]; H. Herrmann-Schneider in KmJb 72 (1988); H. Herrmann-Schneider in Analecta Praemonstratensia 64 (1988) u. 65 (1989); St. Engels in K. Drexel/M. Fink (Hg.), Musikgesch. Tirols 1 (2001); F. Gratl in K. Drexel/M. Fink (Hg.), Musikgesch. Tirols 2 (2004); F. Gratl in K. Estermann (Hg.), Die Daniel Herz-Orgel der Stiftskirche W. in Innsbruck: Fs. zur Restaurierung 2003; SK 59/2 (2012); K. Estermann in Das Orgelforum Nr. 7 (2005); G. Allmer in Das Orgelforum Nr. 11 (2008); K. Estermann in Das Orgelforum Nr. 11 (2008); www.stift-wilten.at (8/2016); eigene Recherchen.

Autor(en)
Franz Gratl
Empfohlene Zitierweise
Franz Gratl, Art. „Wilten‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]