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Zahlensymbolik, musikalische
Beziehung zwischen musikalischen Phänomenen und darin „verborgenen“ Zahlen, die in gleicher Weise als bedeutungstragend und erklärungsbedürftig interpretiert werden (z. B. im Falle sog. „biblischer Zahlen“ wie 3 oder 7). Die Rede von zahlenmusikalischen Konstellationen etwa im Blick auf Proportionen im Formaufbau musikalischer Werke oder in der Konstruktion von Instrumenten suggeriert charakteristisch oft Fakten, wo eigentlich von hypothetischen Möglichkeiten zu sprechen wäre. Als seit der Antike (und nicht nur in Europa) nachweisbares Spielfeld für Spekulationen hat die m. Z. schwankende Konjunkturen erlebt, in kaum einer Epoche aber völliges Desinteresse erfahren. Dies hängt u. a. mit der Aura des Geheimnisvollen und der wechselseitigen Belebung einschlägiger Diskurse zu zahlensymbolischen Deutungen in der Theologie, Architektur, Bildenden Kunst, Literatur und eben auch Musik zusammen.

Trotz zahlreicher – oft genug pseudowissenschaftlicher – Detailstudien insbesondere zur Musik J. S. Bachs steht eine kritische Geschichte der m.n Z. bis dato (2006) aus. Gleiches gilt für eine fundierte begriffsgeschichtliche Klärung (inkl. des Verhältnisses zu immer wieder synonym gebrauchten Begriffen „musikalische Numerologie“ bzw. „musikalische Zahlenmystik“). Fehlt es insgesamt an wissenschaftlichen Konzepten, das breite Themenfeld der m.n Z. systematisch zu beleuchten, so gilt dies auch und gerade für die Musikgeschichte Österreichs. Recherchen hätten dabei bereits auf eventuelle m. Z. in Theorie und Komposition ein- und mehrstimmiger mittelalterlicher Musik zu zielen. Bereits thematisierte Fälle m.r Z. in anderen nationalen Musikgeschichten (von Bern von Reichenau [Traktat Prologus in tonarium, 1. Hälfte des 11. Jh.s] über formbildende m. Z. in frankoflämischer Polyphonie [z. B.H. Isaac] bis hin zu J. S. Bachs Spätwerk und J. J. Fux) sollten dabei als Vergleichsbasis fungieren und vor Überinterpretationen warnen. Jedenfalls sind ebenso kontroverse Diskussionen über die „Tatsächlichkeit“ von m.r Z. zu erwarten wie im Falle der umstrittenen Interpretation der drei Akkordschläge am Beginn der Zauberflöten-Ouvertüre von W. A. Mozart als zeichenhaftes Bekenntnis zum Freimaurertum.

Vergleichsweise gut belegt sind Beispiele m.r Z. bei A. Schönberg und Alban Berg, zumal zahlreiche Hinweise in Briefkorrespondenzen und Skizzen Zeugnis abgeben von der Tragweite zahlensymbolischer Spekulation sowohl in alltäglichen Belangen (Aufmerksamkeit für als „schicksalhaft“ interpretierte Übertragungsdaten von Telegrammen u. ä.) wie in künstlerischen Entscheidungen (v. a. Formkonzeption).

Wenn z. B. R. G. Frieberger in eigenen Werken sowie im Unterricht wiederholt m. Z. thematisiert oder der letzte Satz von K. Schiskes Sonatine op. 34 (1952) Bezüge zum oftmals spekulativ mit Bach in Verbindung gebrachten Zahlenalphabet (A=1, B=2 etc.) erkennen lässt (81 Takte komplementär zu „K. SCHISKE“: 10+18+3+8+9+18+10+5=81; sowie spiegelsymmetrische Anlage ab T. 41 analog zu „I. S. BACH“: 9+18+2+1+3+8=42), so ist exemplarisch eine historische Situation angezeigt, in der das seit dem frühen 20. Jh. sprunghaft vermehrte Schrifttum zu historischer – vermeintlicher oder tatsächlicher – m.r Z. einige zeitgenössische KomponistInnen auch in Österreich inspiriert. Jeweils aufs Neue ist zu fragen, welche weltanschaulichen Grundlagen das Interesse für m. Z. begünstigen und welchen Stellenwert die Einsicht in zahlenmusikalische Zusammenhänge genießt bzw. genießen sollte.


Literatur
W. Gratzer, Zur „wunderlichen Mystik“ Alban Bergs. Eine Studie 1993; C. C. Sterne, Arnold Schoenberg. The Composer as Numerologist 1993; L. Brauneiss, Zahlen zw. Struktur u. Bedeutung. Zehn analytische Studien zu Kompositionen von Josquin bis Ligeti und Pärt 1997; M. Welti, Zahlensymbolik im Te Deum Anton Bruckners 2003.

Autor(en)
Wolfgang Gratzer
Empfohlene Zitierweise
Wolfgang Gratzer, Art. „Zahlensymbolik, musikalische‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]