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Amstetten
Größte Stadt im westlichen Niederösterreich. Die Gegend war bereits in der Jungsteinzeit besiedelt, auch römische Funde konnten bei Ausgrabungen gemacht werden. Die erste urkundliche Nennung von A. erfolgte erst 1111, das 1972 eingemeindete Ulmerfeld (gemeinsam mit Hausmening, Preinsbach und Mauer) ist dagegen bereits 995 schriftlich belegt. 2019 zählte die Stadt (seit 1897), seit 1850 Sitz einer Bezirkshauptmannschaft und eines Bezirksgerichts, fast 24.000 Einwohner.

An der Pfarrkirche St. Stephan des passauischen Marktes A. besorgten der Schulmeister (urkundlich 1337), der Cantor (urkundlich 1574 Andreas Holdrinus) und der Organist zusammen mit „Singer-Knaben“ und sangeskundigen Männern aus dem Ort die musikalische Gestaltung der Gottesdienste. Im 16. Jh. sang die Kantorei lateinische Motetten und „lutterische deutsche lieder“ (Reformation). Im 17. Jh. sind mehrere aus A. stammende Musiker im Stift Seitenstetten nachweisbar. Stiftungen (Zäckhler, Maria-Himmelfahrts-Bruderschaft) ermöglichten es im 18. Jh., neben den erwähnten „dreÿ Musicj“ auch einen Sopranisten und hauptberuflich „Discant“- und Bassgeiger zu entlohnen. Archivalische Belege lassen eine reiche instrumentalbegleitete Musizierpraxis im 18. Jh. vermuten. Ende des 19. Jh.s hielt der Cäcilianismus auch in A. Einzug. Von 1769 bis 1887 oblag die Kirchenmusik der Schulmeister-Dynastie Wolfgang: Franz Seraphicus (1782–1850) und Franz Xaver Wolfgang (1812–95) hinterließen kirchenmusikalische Kompositionen. 1796 gingen die genannten drei Funktionen auf einen nebenberuflich tätigen Regens chori (= Schulmeister) über. Als Komponisten traten die Chorregenten Johann Wallner (1826–96, im Amt 1887–96), Ignaz Josef Drtina d. Ä. (1863–1920, Chorregent 1896–1920) und J. Biberauer (Chorregent ab 1949) hervor. Der Pfarrkirchenchor bestand zu Anfang der 1950er Jahre aus 21 Sängern und Sängerinnen, die von einem 15 Mann starken Orchester unterstützt wurden. 1946 brachte man J. Haydns Schöpfung unter der Leitung von Josef Nebois zur Aufführung. Heute (2020) werden die Gottesdienste von der Chor-Initiative St. Stephan und dem Familiengottesdienstchor gestaltet. Neben dem Kirchenchor bestand in den 1950er Jahren ein Pfarr-Jugendchor und 1986–2011 der Kinderchor Kirchenmäuse.

1763 errichtete Lorenz Franz Richter aus Freistadt eine neue Orgel (II/21), deren Gehäuse noch erhalten ist. Sie ersetzte ein unbekanntes Vorgängerwerk, 1808 arbeitete P. Hötzl an ihr. 1898 baute L. Breinbauer ein neues Werk (II/19, pneumatisch), unter teilweiser Verwendung des vorhandenen Pfeifenmaterials und Adaption des Gehäuses. 2011 wurde in der Kirche eine von Peter Voitz gebaute viermanualige elektronische Orgel („virtuelle Pfeifenorgel“) in Betrieb genommen (die erste ihrer Art in Österreich), die die Klangbilder von Orgeln in Haverhill/GB, Zwolle/NL und Caen/F wiedergeben kann.

Der Bau der A.er Herz Jesu-Kirche begann bereits 1899, konnte jedoch aus verschiedenen Gründen erst 1931 abgeschlossen werden. 1939 wurde die Kirche die zweite Pfarrkirche im alten A.er Stadtgebiet. 1935 erhielt sie sechs Glocken aus der Gießerei in St. Florian, von denen heute nur mehr eine vorhanden ist. Die Orgel (II/20, elektropneumatisch) wurde von den Gebrüdern Mauracher 1953 errichtet. Als langjähriger Organist und Chorleiter fungiert Heinrich Brozek. Die frühgotische Filialkirche St. Agatha der Herz Jesu-Pfarre, auf römischen Siedlungsresten und einer Vorgängerkirche aus dem 9. Jh. stehend, beherbergt ein sehr altes Geläut: Neben zwei Glocken aus 1610 bzw. 1615 findet sich hier auch eine von Andreas Schachner 1536 gegossene Glocke.

Als dritte Stadtpfarre wurde 1975 die St. Marienpfarre errichtet, die Orgel (II/13) stammt von G. Hradetzky aus dem Jahr 1976. Im Stadtteil Ulmerfeld-Hausmening-Neufurth besorgte 1986–2017 der Chor Audite Nova unter Josef Reif die kirchenmusikalische Gestaltung an der dortigen Pfarrkirche, in der ebenfalls eine Mauracher-Orgel aus dem Jahr 1955 zur Verfügung steht.

Aus den A.er Chorbläsern – am bekanntesten wurde Michael Tumpfer († 1670) als Thurnermeister und Gründer einer Stadtkapelle in St. Pölten – rekrutierte sich 1848 (Revolution) die Nationalgardemusik (Kapellmeister F. X. Wolfgang), die nach Auflösung der Bürgergarden als erste Marktkapelle weiterbestand. 1889 berief der Gemeinderat zur Belebung des stagnierenden Musikwesens den am Wiener Konservatorium ausgebildeten Musiklehrer Richard Petrowitz (1865–1912). Seine Initiative führte 1890 zur Gründung des Markt-Musik-Vereins, der schon zur Zeit der Erhebung A.s zur Stadt mit seinen Streich- und Blasmusikensembles regelmäßig in Gasthäusern, bei Festveranstaltungen und im Rahmen von Theateraufführungen konzertierte. Ab 1901 konkurrierte mit ihm der 1900 gegründete Musikverein der Bediensteten der k. k. österreichischen Staatsbahnen. Während sich der Marktmusikverein, 1924 noch in Stadtmusikverein umbenannt, nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr dauerhaft konsolidieren konnte (I. Drtina sen. war R. Petrowitz 1912 in der Leitung gefolgt), blieb die Eisenbahnerkapelle (Kapellmeister Franz Sautner, 1874–1958) trotz der politisch motivierten Zersplitterung des Musikwesens in der Ersten Republik (Christliche Gewerkschaftsmusik [1929–39, übernahm die Instrumente des Stadtmusikvereins], Arbeitermusikverein der Sozialdemokratischen Partei in A. [1926–34], Turnerbundkapelle, Freiheitsbundkapelle) bis zur Auflösung aller Musikvereine durch die Nationalsozialisten 1939 intakt. Der 1946 reaktivierte Arbeitermusikverein der Sozialdemokratischen Partei A. konnte alle diesbezüglichen einschlägigen Kräfte bündeln, strich jedoch erst 1954 den Parteizusatz aus dem Namen und wandelte sich 1962 zum Musikverein der Stadt A. (AMV; Kapellmeister 1946/47 Franz Brunner, 1947–54 Ludwig Schweizer, 1954–73 Josef Ebner [1911–94], 1973–79 Josef Brückler, ab 1979 Robert Pussecker, Stefan Jandl). Bis 1976 spielte der Verein fast ausschließlich Blasmusik, kurzzeitig gab es jedoch 1964 ein vereinsinternes Salonorchester und ca. 1966 eine Jugendkapelle. 1978 kam es zur Gründung der AMV-Bigband, nachdem es diesbezügliche Initiativen bereits Anfang der 1970er Jahre gegeben hatte. Aus internen Unstimmigkeiten im AMV ging 1978 die Musikgesellschaft A. unter der musikalischen Leitung von Franz Ebner hervor. Die Gesellschaft stellte bereits drei Jahre später ihre Aktivität ein und löste sich 1983 wieder auf. Während der kurzen Zeit ihres Bestehens spielten unter ihrer Ägide verschiedene Formationen (Großes A.er Tanzorchester, Fidele A.er Buam, Originale Mostviertler Musikanten). Das Akkordeonorchester A. hat seine Ursprünge im Jahr 1979 und wurde 1983 vereinsbehördlich angemeldet.

Die Geschichte der A.er Gesangvereine ist komplex: Einem Kreis bürgerlicher Beamter der Gründerzeit, dem auch der Beethovenforscher Th. Frimmel entstammte, gelang 1862 nach mehreren erfolglosen bzw. kurzlebigen Anläufen (1850, 1861) die Gründung der Amstetter [!] Liedertafel, die sich 1874 als Männergesangsverein 1862 neu konstituierte. 1893 bat man erfolglos A. Bruckner, der im Raum A. einige private Beziehungen hatte, um Vertonung des Vereinsmottos. 1934 wurde der Verein behördlich aufgelöst. Chormeister waren F. X. Wolfgang, Franz Hammerer, Anton Schwetter, Johann Zehetner, Fanz Leißner, R. Petrowitz, Anton Meyer, Franz Schendl, Fritz Schmidl, Franz Kraus, Emil Sladeczek, Georg Daniser und Hans Schneider. 1893 rief man als Eisenbahn-Gesangs-Club einen zweiten Männergesangverein ins Leben, der ab 1898 MGV Staatsbahn-Liederkranz und ab 1912 Liederkranz A. hieß. Er konnte auch in der Zeit des Austrofaschismus bestehen und wurde erst 1938 aufgelöst. Der 1927 gegründete MGV Sängerrunde Reiter (ab 1937 Sängerschaft Reiter) wurde in den 1930er Jahren zunehmend zu einem Sammelbecken illegaler Nationalsozialisten und bestand ebenfalls bis 1938. Schlugen die Versuche, im Herbst 1938 die Sängerschaft A. aus der Taufe zu heben, noch fehl, hatte die Gründung der Sängerschaft der Kreisstadt A. – Städtischer Chor durch den Städtischen Musikbeauftragten Ferdinand Blank (1901–60) 1940 kurzzeitig Erfolg. Nach dem Krieg wurden der Liederkranz (1945) und der MGV 1862 (1951) wiedergegründet, ein Jahr später folgte die Fusion (Chormeister: Viktor Scheibenreiter). Die neu entstandene Chorvereinigung Liederkranz 1862 (gemischter Chor) stand 1954–86 unter der Leitung von J. Biberauer und ging 2001 im neuen Chor A. Vokal auf, der aus der Zusammenarbeit mit dem MGV 1887 Ulmerfeld hervorging (Chorleiterin: Ruth Bachmair). Seit 1995 besteht der Kammerchor Musica Capricciosa (Leitung: 1995–2009 Kurt Dlouhy, seit 2009 Ulrike Weidinger), der bereits 1996 beim Internationalen Orlando di Lasso-Chorwettbewerb in Rom eine Goldmedaille erringen konnte.

Aus dem heutigen Musikleben A.s verschwunden ist der Arbeiter-Gesangverein „Liederhort“ (seit 1920 unter diesem Namen, ursprünglich Arbeiter-Sängerclub, 1902; Chormeister: Franz Loidolt), der 1907 eine vereinsinterne MSch. gründete, ab 1909 als gemischter Chor geführt wurde und 1923 ein Vereinsorchester sowie eine Theatersektion ins Leben rief. Auch er wurde 1934 aufgelöst, 1945 jedoch wieder gegründet und ab Ende der 1960er Jahre als Chorgemeinschaft „Liederhort“ A. geführt; spätestens ab den frühen 1980er Jahren hatte er jedoch mit strukturellen Problemen zu kämpfen, was zur Auflösung führte (Chormeister: Franz Roller sen. 1923–50 und 1953–66, Josef Reif 1966–80, H. Brozek ab 1980). Auch die übrigen Erscheinungsformen der Arbeiter-Musikkultur existieren heute nicht mehr. Zu nennen ist v. a. der 1929 gegründete Arbeitermandolinenverein A., der 1978 sein letztes Konzert gab und 1984 noch als letzter Mandolinenverein Niederösterreichs bestand.

Der Pflege symphonischer Musik und größerer Chormusik widmete sich erstmals die kurzlebige Philharmonische Gesellschaft (1894–96; Dirigent: Carl Teutschmann), deren Bestrebungen nach dem Ersten Weltkrieg vom 1896–1934 bestehenden Hausorchester des Männergesangvereins 1862 sporadisch wahrgenommen wurden (Orchesterverein). In der NS-Ära scheiterte kriegsbedingt das Konzept des Städtischen Musikbeauftragten F. Blank, das neben der Zusammenfassung aller A.er Sänger auch die Schaffung eines Kreis-Symphonieorchesters vorgesehen hatte. Aus dem 1946 unter sowjetischer Ägide von Artur Golser (1914–83) geschaffenen Bezirks-Symphonieorchester entstand 1950 das von Hans Schachner gegründete, heute jährlich auftretende A.er Symphonieorchester (ständige Dirigenten u. a.: Franz Roller jun., Hans Picker, 1892–1966; Erich Kolar, 1928–88; Günter Steinböck, * 1939; Robert Zelzer, * 1967; Thomas Schnabel). Die Orchestermusiker spielen auch in unterschiedlichen Kammermusikformationen.

Der lokale Bedarf an Unterhaltungsmusik wurde bis 1938 von Salonensembles diverser Vereine abgedeckt, nach Kriegsende von Leo(pold) Zeiners (1906–68) A.er Tanzorchester. Zeiner hatte auch zu den seit 1936 unter Heranziehung von Berufssängern unternommenen Versuchen beigetragen, A. zur Pflegestätte von Operetten, insbesondere der Werke C. Zellers, zu machen. Waren in den Abonnements des Kulturrings der Stadt A. (1941–44; 1951–81) stets auch Darbietungen heimischer Musiker (z. B. Konzerte des Gymnasiums, initiiert von Alfred Gundacker, * 1918, und G. Steinböck) vorgesehen, wurde mit den Veranstaltungsbetrieben (AVB) ein weitgehend kommerzorientiertes Konzertmanagement etabliert, das durch sein professionelles Angebot (internationale Orchester, Operetten- und Musicalfestspiele) die Amateure aus dem öffentlichen Musikleben verdrängte und dadurch ungewollt den Übergang vom aktiven Musizieren zum passiven Musikkonsum förderte. Diesem Prozess wirkt nicht zuletzt die Städtische MSch. (gegr. 1953 unter H. Picker, ab 1958 von Karl Heinreichsberger, 1997–2017 von R. Pussecker und seit 2017 von Markus Baumann) entgegen, die an eine Tradition von konzessionierten privaten MSch.n (R. Petrowitz 1889; I. Drtina jun. 1934; Österreichisch-sowjetische Gesellschaft 1946, Leitung: A. Golser) sowie an eine kurzlebige städtische Vorgängerin (ab 1940) anknüpfen konnte. 1974–2014 war sie im zw. 1968/74 erbauten A.er „Haus der Musik“ untergebracht, das auf eine Initiative des A.er Musikvereins zurückgeht und seit 2014 an eine Privatschule vermietet ist.

1983 erfolgte die Gründung des Festivals Musical Sommer A., dessen Repertoire bis 1988 der Operette gewidmet war (Musikalische Leiter u. a.: A. Winkler und H. Prikopa). Einzelne Produktionen des Festivals wurden vom Wiener Raimundtheater oder vom Stadttheater Klagenfurt übernommen. 2019 fanden die A.er Kulturwochen zum bereits 65. Mal statt und konnten wiederum auch mit einem interessanten musikalischen Programm aufwarten.

Bis Ende der 1960er Jahre stand der große Saal des Hotels Ginner („Großer Stadtsaal“) als Veranstaltungsort zur Verfügung. 1964 wurde der Arbeiterkammersaal eröffnet, 1982 folgte die Johann Pölz-Halle, deren großer Saal 560 Personen fasst.

Aus A. stammen E. Frank, M. Hofer, A. Neumayr und M. Wagner.


Literatur
Anonym, Zur Geschichte des Männergesangsvereins A. 1902; H. Cerny, Die Tradition eines Symphonieorchesters in A. 1975; L. Pelzl, A. unter den Bürgermeistern des 19. Jh.s 1979; F. Steinkellner, Geschichte der Stadtpfarre St. Stephan zu A. 1981; E. Auer, Das Musikleben der Stadt A. nach 1945, In Arbeit Dipl.arb. 1984; [J. Plaimer], 110 Jahre Musikkapelle A. 1985; R. Hinterndorfer, Musik in A. 1990; R. Hinterndorfer in H. Cerny (Hg.), A. – 100 Jahre Stadt 1997; K. Heinreichsberger, Viva la musica. 50 Jahre Städtische MSch. A. 1953–2003, 2003; D. Hotz, Festspiele in Niederösterreich 1945–2009, 2010; Erhart 1998 u. 2002; Chorbll. 6/10 (1951), 16; SK 24/1 (1976), 29; Ton an Ton 2009, H. 3, 8; M. Ackerl/A. Harrandt in Anton-Bruckner-Lex. online (7/2020); A. Weißenbäck/J. Pfundner, Tönendes Erz 1961; https://noe.orf.at (10/2020); www.st-stephan.amstetten.at (10/2020); www.herzjesu-amstetten.at (10/2020); www.musikverein-amstetten.at (10/2020); www.amstetten.noe.gv.at (10/2020); https://avb.amstetten.at (10/2020); https://db.musicaustria.at/ (10/2020); https://organindex.de/ (10/2020); eigene Recherchen.

Autor(en)
Robert Hinterndorfer
Christian Fastl
Empfohlene Zitierweise
Robert Hinterndorfer/Christian Fastl, Art. „Amstetten‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 15.12.2020]



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