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Bludenz
Südlichste Stadt in Vorarlberg, verkehrsgünstig an der Arlbergroute, am Schnittpunkt der Täler Walgau, Brandnertal, Montafon, Klostertal und Großes Walsertal gelegen. 842/43 erstmals im Churrätischen Reichsurbar genannt (in villa Pludono), 1296 als oppidum erwähnt, 1329 als civitas; die Stadtgründung erfolgte durch die Grafen von Werdenberg, 1420 kam die Grafschaft B. an die Habsburger.

Da erst Graf Albrecht III. von Werdenberg-Heiligenberg-Bludenz 1377–1418 in der Burganlage residierte, dürfte das mittelalterliche Musikleben bescheiden gewesen sein. Zu den fahrenden Künstlern wird Ulrich Weltlin aus B. gezählt, der am Hofe Hzg. Siegmunds in Innsbruck 1473 von aines neuen Liede wegen einen Geldbetrag erhielt. Belegt ist während der Zeit des Humanismus der Gesang im kirchlichen Bereich (Jahrtagfeiern). Um 1500 wird in einer Kirchenordnung u. a. festgelegt, dass wöchentlich am Samstag vor der Werdenbergischen Grablegung die Antiphon Media vita in morte sumus zu singen sei; weltliche Musik oder Musiker werden bis in die Mitte des 16. Jh.s nicht erwähnt; 1582 wird in einer Polizeiordnung „bey diesen gefahrlichen zeitten vnd leuffen“, öffentliches „hofiren, thannzen, payen, syngen, springen, vngeburlichs jauchzen bey tag vnd bey nacht“, auch musizieren mit Ausnahme bei „alleinerhlichen hochzeiten“ verboten.

Das städtische Musikleben prägten Schulmeister, bei deren Anstellung insbesondere auf musikalische Qualitäten Wert gelegt wurde und die für den figuralen Gesang den doppelten Schullohn kassieren durften. Rechnungsbücher verzeichnen 1578 das Neujahrssingen der Blumenegger Schüler in B.; aus dieser Zeit stammen auch die ältesten Musikalien, die mehrstimmigen Gesang belegen: Handschriftenfragmente mit geistlichen Gesängen (In dulci jubilo, Ein Kind geborn zu Bethlehem u. a.); Schulmeister waren zugleich auch Organisten der Pfarrkirche St. Laurentius (um 1602 die erste Orgel) und Musiklehrer: u. a. Hans Jacob Gäßler aus Masmünster (Masevaux/F) betreute das Organistenamt 1652–93. 1746 wurde unter dem Organisten J. Ch. Schmid eine größere Orgel von J. Allgäuer aus Feldkirch erbaut; seit Mitte der 1760er Jahre betreute die Familie Netzer über drei Generationen hinweg das musikalische Geschehen der Stadt; mit der Einführung der Normalschule wurde das Organistenamt vom Schulmeisteramt getrennt. Geistliche Stiftungen kamen der Musikerziehung zugute (1632 Frühmesser Johann Nessler, 1699 Aegydius Ganahl), 1688 verlangte der Rat bei der Verleihung der Frühmesspfründe (Spitalspfründe), dass der Kandidat der „music erfahren, auch die jugendt instruiere“. Nach 1810 gab es keine Singschule mehr, die Einnahmen aus dem Nessler-Stipendium kamen dem Kirchenchor zur Anschaffung von Musikalien und Instrumenten zugute, Rechnungen belegen die Aufführungen von Orchestermessen. Ort einer besonderen sakralen Musikpflege war das Kloster St. Peter in Bludenz.

Parallel zum wirtschaftlichen Aufschwung entwickelte sich im 19. Jh. ein bürgerlich geprägtes Kulturleben, 1827 ergriffen Bürger die Initiative zur Bildung einer Kirchen- und Feldmusik. Federführend war die Fabrikantenfamilie Gassner: 1848 gründete Johann Gassner (1821–88) eine Musikkapelle, Kapellmeister waren u. a. der Gründer selbst, später L. Ammann, Johann Josef Neyer, M. Schwenk, Josef Sobotka und W. X. Westerop. 1879 wurde der Bludenzer Liederkranz (Männergesang) gegründet, erster Obmann: Hermann Gassner (1852–1903). Er wirkte zudem bei der Gründung einer Orchestergesellschaft (1882) mit (Kpm. u. a. J. Sobotka, Josef Renner, Herbert Baumgartner, Nikolaus Pfefferkorn). Mit Baubeginn der Arlbergbahn 1880 kam es zur kulturellen Öffnung: u. a. gastierte 1908 hier das Innsbrucker Stadttheater mit einer musikalischen Aufführung. Zuwanderer bereicherten das kulturelle Leben: Um die Jahrhundertwende trat die Musikgesellschaft Spagolla auf, 1910 kam es zur Gründung eines Arbeiterchores (Arbeiter-Musikbewegung), 1939 einer Eisenbahnermusik.

Der Lehrer Alfons Leuprecht (1867–1940) gilt als wichtiger Exponent der Heimatschutzbewegung, er gründete eine Volkstanzgruppe und einen Volkstanztrachtenverein (Österreichisches Volkstrachtenfest 1935 in B.). 1920 kam es zur Errichtung der städtischen MSch., 1932 Neubegründung einer Singschule unter Hans Rubey; Musikdirektor Josef Prantl († 1952), Leiter der Sing- und Musikschule seit 1941, war auch kompositorisch tätig. 1943 gab es zwei Orchester (Christliche Volksbühne und Deutsche Vereinsbühne).

Heute weist das B.er Kulturleben einige Vielfalt auf: Seit 1998 veranstaltet die „Remise B.“ klassische Konzerte, „Weltmusik“ und die B.er Tage zeitgemäßer Musik (Kuratoren: seit 1995 W. Schurig, seit 2007 Alexander Moosbrugger). 2008 initiierte Kurt Posch das erste Okarina-Festival.

Aus Bludenz stammen der Staatsopernsänger Herwig Pecoraro, die Sängerin und Schauspielerin Heilwig Pflanzelter, die Komponisten V. M. Plangg und H. Willi sowie der Volkstanzforscher A. Schmitt.


Literatur
M. Tschaikner (Hg.), Gesch. der Stadt B. 1996; E. Schneider (Hg.), Blasmusik in Vorarlberg 1986; R. Blauhut in Anzeiger für die Bezirke B. u. Montafon Sonderheft 1954; Senn 1954; J. M. Strolz, Beiträge zur Gesch. der Stadt B. unter besonderer Berücksichtigung des 16. Jh.s, Diss. Univ. Innsbruck 1970; A. Rohrer in Bludenzer Geschichteblätter 2/1988; www.bludenz.at/orchester/geschichte01.htm (7/2011); Quellen im Vorarlberger Landesarchiv.

Autor(en)
Annemarie Bösch-Niederer
Empfohlene Zitierweise
Annemarie Bösch-Niederer, Art. „Bludenz‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 15.9.2021]
Dieser Text wird unter der Lizenz CC BY-NC-SA 3.0 AT zur Verfügung gestellt. Das Bild-, Film- und Tonmaterial unterliegt abweichenden Bestimmungen; Angaben zu den Urheberrechten finden sich direkt bei den jeweiligen Medien.

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Orgel (II/21) von Karl Mauracher (1836) in der Kirche St. Laurentius, Bludenz© Christian Fastl
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