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Choraldialekt, Germanischer
Von Peter Wagner geprägter Begriff für gewisse Melodievarianten der Gregorianik (Choral); manifestieren sich in der Notation und treten – grob gesprochen – zwischen romanischen und germanischen Hss. mit einer gewissen Regelmäßigkeit auf (Neumen). Es sind dies v. a. Ausweitungen von Intervallen: in Formeln wie z. B. der Kadenzclivis oder des Kadenztorculus im Protus (f-d statt e-d, d-f-d statt d-e-d); in der Intonationsformel des Protus der Scandicus des Wortakzents ([c-d-]d-a-c[-a] statt [c-d-]d-a-h[-a]), in aufsteigenden Formeln die Vergrößerung des höchsten Intervalls (g-a-c-a statt g-a-h-a). Häufig, v. a. aber in Deuterusstücken, wird ein e zu f erhöht und ein h zu c, die subsemitonale Tonstufe zieht den unter ihr stehenden strukturschwachen Halbton an sich (z. B. Beginn des Introitus Iudica me Deus: f-g-f-f-e-f-g statt e-g-e-e-e-f-g). Der dritte Psalmton erhöht den ursprünglichen Tenor h zu c. Charakteristisch ist auch die Beibehaltung strukturschwacher Anfangstöne wie z. B. im Torculus initio debilis, der nicht zu einer Clivis verkümmert wie in den romanischen Varianten (z. B. Intonation im 7. Ton g-c-h statt c-h). Diese Phänomene treten aber nicht mit einer dermaßen abgrenzbaren signifikanten Häufigkeit auf, dass von einem ausgeformten „Dialekt“ gesprochen werden kann. Obschon die genannten Varianten in fixen Formeln konstant aufscheinen, sind Phänomene wie die Attraktion des e zum f auch in der westlichen Überlieferung feststellbar, in der östlichen sind sie außerhalb von Formeln alles andere als einheitlich. Problematisch ist auch die geographische Begrenzung des Begriffs germanisch: die östlichen Varianten sind genauso in Nordeuropa, Polen, Tschechien und Ungarn verbreitet. Es wird daher verschiedentlich der sachlich zutreffende Begriff ostfränkische Varianten statt germanischer Dialekt verwendet. Ursache und Ursprung des Phänomens liegen im Dunkeln. Es scheint sich um ein akustisch-musikalisches Geschehen zu handeln, das mit den Mitteln der Liniennotation nicht darstellbar war und ist. Möglich wäre ein sehr kleiner Halbtonschritt (Mikrointervall), der sich aus einer Tonleiter ergibt, die aus 7 übereinandergeschichteten reinen Quinten besteht. Diese zu hohen Töne werden je nach Entscheidung des Schreibers „noch höher“ oder auch „zu tief“ geschrieben. (Der Codex Montpellier H 159 kennt 3 Zeichen zur Darstellung der Tonstufen Es/E bzw. B/H, um diesem Phänomen gerecht zu werden.) Auch wenn es nur in Einzelfällen stringent beweisbar ist, so finden wir doch schon in den adiastematischen Codices des 10. Jh.s Spuren, die auf Tonerhöhungen hinweisen, so z. B. im Graduale Einsiedeln 121 im Introitus Vocem iucunditatis. Manifest ist das Problem mit dem Auftreten der Liniennotation. Der dafür älteste und wichtigste Zeuge der ostfränkischen Varianten ist das sog. Klosterneuburger Graduale (Codex 807 der UB Graz aus den Beständen von Seckau, das R. Flotzinger nach Passau lokalisiert hat; um 1150). Zu diesem Graduale in Klosterneuburger Notation (Stefan Engels) existiert als „jüngere Schwester“ das Chorfrauengraduale aus Klosterneuburg (CCl 588, um 1300). Eines der wenigen vollständig überkommenen Gradualien österreichischer Provenienz ist das Seckauer graduale magnum, der Codex 17 der UB Graz (um 1490). Bedeutende Officiumshandschriften tradieren ostfränkische Varianten wie das St. Lambrechter Antiphonar des 14. Jh.s (Codex 29, 30 der UB Graz) oder die Klosterneuburger Officiumshandschriften (z. B. CCl 1010–1018). Zum Studium liegen in Faksimileeditionen vor: das Graduale der Thomaskirche in Leipzig, das Moosburger Graduale, sowie das in Wien gedruckte Graduale Pataviense (1511) und Antiphonale Pataviense (1519). Mit dem Band 5 wurde in den Monumenta monodica medii aevi ein vollständiger Zyklus an Antiphonen ostfränkischer Ausprägung in der Tradition von Esztergom/H in moderner Notenschrift veröffentlicht. Dem Versuch von Peter Wagner, ein Kyriale (Graz 1904) mit ostfränkischen Varianten in der Liturgie zu positionieren, war kein großer Erfolg beschieden. In Kiedrich bei Mainz/D werden noch heute ostfränkische Versionen liturgisch verwendet.

Die wichtigsten Quellen: Kyriale sive Ordinarium Missae, hg. v. P. Wagner 1904; Das Graduale der St. Thomaskirche zu Leipzig, hg. von P. Wagner, 2 Bde., 1930–32; Graduale Pataviense 1511 (= EdM 87); Graduel de Klosterneuburg (= Paléographie Musicale 19); Antiphonale Pataviense 1519 (= EdM 88); Moosburger Graduale München UB, 2° Cod. Ms. 156, hg. von D. Hiley, 1996.


Literatur
M.-E. Heisler, Studien zum ostfränkischen Choraldialekt, Diss. Frankfurt/Main 1986; St. Engels, Das Antiphonar von St. Peter in Salzburg. Codex ÖNB Ser. Nov. 2700 (12. Jahrhundert) 1994; F. K. Praßl in MusAu 14/15 (1996).

Autor(en)
Franz Karl Praßl
Empfohlene Zitierweise
Franz Karl Praßl, Art. „Choraldialekt, Germanischer‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]