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Choralreform
Verbindliche Änderung des (gregorianischen) Chorals für ein bestimmtes Verbreitungsgebiet oder einen Orden (Kartäuser, Zisterzienser, Dominikaner, Franziskaner). Bis zum 19. Jh. bestand die Ch. meist in einer zeitgenössischen Adaption der liturgischen Melodien (Kürzung der Melismen, tonale Änderungen, Änderung des Wort-Ton-Verhältnisses im Sinne eines humanistischen Sprachverständnisses). Um eine solche Reform handelt es sich auch bei der Editio Medicaea von 1614/15, die, irrtümlich für die Reformfassung von Palestrina gehalten, 1870 eine Neuauflage durch Franz Xaver Haberl (1840–1910) beim Regensburger Verlag Pustet erlebte und vom deutschen Cäcilienverein (Cäcilianismus) stark gefördert wurde. Unter den Päpsten Pius IX. (1846–78) und Leo XIII. (1878–1903) erhielt die Editio Medicaea eine offizielle Bedeutung, die sie im 17. Jh. nie hatte. Erst die Benediktiner von Solesmes (Joseph Pothier, André Mocquereau) bemühten sich um eine Restitution nach den frühesten Quellen (z. T. als Faksimile in der Paléographie musicale ab 1889 wiedergegeben). Noch in den 1860er Jahren wurden die Prinzipien von Solesmes (älteste, durch Vergleich eruierbare melodische Fassung sowie oratorischer, d. h. von der Textdeklamation geprägter Rhythmus) von der Beuroner Kongregation übernommen und gelangten so 1880 nach Emaus (Prag) und 1883 nach Seckau. In beiden Klöstern wirkte einige Jahre Ambrosius Kienle (1852–1905), der 1881 Pothiers Mélodies grégoriennes in deutscher Übersetzung unter dem Titel Der gregorianische Choral herausbrachte. Unter Papst Pius X. (1903–14) flossen die Forschungen von Solesmes in die offizielle Editio Vaticana (Kyriale 1905, Graduale 1908, Antiphonale Romanum 1912) ein, deren Redaktion den Mönchen von Solesmes (bald Pothier alleine) übergeben wurde. Zur beratenden Kommission zählte auch M. Horn aus Seckau, der mit seiner Gregorianischen Rundschau seit 1902 die Reform im deutschsprachigen Raum publizistisch unterstützte. Mit der Herausgabe einer eigenen, für die ganze Kirche verbindlichen Ausgabe wurden Projekte, die den traditionellen Choral bestimmter Hauptkirchen/Regionen wiederherstellen wollten, obsolet: so auch das Projekt des deutschen Musikwissenschaftlers Peter Wagner (1865–1931), der auf der Grundlage des Codex 807 (sog. Klosterneuburger Graduale) der UB Graz Choralausgaben deutscher Provenienz (Choraldialekt, germanischer) herstellen wollte (1904 erschien in Graz einzig das Kyriale). Horn beaufsichtigte die Ausgabe des vatikanischen Kyriale beim Grazer Verlag Styria (1905) und schrieb dazu eine Orgelbegleitung. C. Vivell, ebenfalls aus Seckau, verfasste eine Erläuterung der Choralnoten.
Literatur
MGG 2 (1995); J. P. Schmit in K. G. Fellerer (Hg.), Geschichte der Katholischen Kirchenmusik 2 (1976); B. Boisits, Coelestin Vivell, Diss. Graz 1995.

Autor(en)
Barbara Boisits
Empfohlene Zitierweise
Barbara Boisits, Art. „Choralreform‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 18/02/2002]