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Duettisten
Auftrittsform zweier Sänger in der Wiener Volksmusik, die ein meist jahrelang bestehendes und bekanntes Gesangsduo bildeten. Die frühest bekannten: I. Nagel & Amon ab 1862; W. Seidl & W. Wiesberg ab 1879. Letzterer war 1875–79 Hausdichter der Singspielhalle Amon, wo auch Seidl wirkte. Wiesberg schrieb einige Duette für Nagel & Amon. 1879 gründeten Seidl und Wiesberg eine eigene Gesellschaft, 1890 zog sich Wiesberg wegen eines Augenleidens aus der Öffentlichkeit zurück. Ihre enorme Wirkung bezogen die beiden „Antipoden“, die Lafite 1885 im Schwarzen Adler in der Taborstraße erlebte, aus der denkbar größten Gegensätzlichkeit hinsichtlich Persönlichkeit und Stimme, die der „springlebendige, quecksilverne Seidl mit dem vielsagenden, in tausend Facetten geübten Mienenspiel und dem durchdringenden, hellfarbigen Tenor“ und der „phlegmatische, schwerblütige Wiesberg mit dem undurchdringlichen Anlitz und dem rauhen Bariton“ erzeugten. Dieser Kontrast, so Lafite weiter, „in dem die beiden einander so wundervoll ergänzen, bringt die merkwürdig geschlossene Leistung zustande, der sich niemand entziehen kann“. Begleitet wurde das Duo von J. Sioly am Pianoforte, der viele Duette (Texte von Wiesberg) komponierte. Nach Lafite war der bedeutende Volkssänger E. Guschelbauer, Duopartner von L. Montag der einzige, der an die Qualität von Seidl & Wiesberg heranreichte. Unter den zahlreichen weiteren D. seien beispielhaft angeführt: die „Dudler-Prof.en“ Eckhardt & Pieringer (Franz Eckhardt, 1831–1905, Franz Pieringer, 1831–1905), Edi & Biedermann, die Gebrüder Morawetz, Jungbauer & Purcner, Huber & Wolfert, Novotny & Strohmeier, Rinderspacher & Niernsee. D. wurden häufig von Schrammelquartetten begleitet, z. B. Exner & Xandl vom Grinzinger Quartett, Huber & Wolfert vom Butschetty-Quartett, die Gebrüder Breier vom Neuwirth-Quartett. Merta & Prilisauer bezeichneten sich als „Duettensänger bei den Schrammeln“. Fotos zeigen D. immer elegant gekleidet, mit Anzug/Frack, oft Hemden mit Vatermörderkragen, Mascherl/Krawatte, mitunter Hut und Stock, Ganzkörperaufnahmen gerne in zugeneigter Gestik (Umarmung). Das Titelbild zum Flugblattlied Natursänger Marsch (T: K. M. Jäger, M: Jean Rinderspacher) zieren z. B. die Fotoporträts der D. Behal & Böhm, Wasinger & Zeitlberger, Gebrüder Matauschek, Harnisch & Gramer, Jungbauer & Wolfert, Berthold [Perthold] & Gegenbauer, Huber & Wolfert. Frühere Lieddrucke brachten Graphiken in Form von Doppelporträtmedaillons.

Die D. interpretierten Wienerlieder – wie auch im Notendruck festgehalten wird – vorwiegend in enggeführter, möglichst austerzender Zweistimmigkeit von Haupt- und Überstimme, mitunter auch in Sextengängen. Darin eingebettete Gegenbewegungen und Stimmkreuzungen nehmen sich besonders reizvoll aus. Solopassagen und Wechselgesang als Gestaltungselemente wurden bisweilen bei textintensiven Strophenzeilen („A.B.A....“) oder – oft rezitativisch – als Mittel zur Steigerung im Überleitungsteil von Strophe zu Refrain eingesetzt. Das Repertoire umfasste sämtliche Genres (Heurigen- und Juxmärsche, traditionelles Liedgut aus dem Alpenraum, große Liedfolgen im ¾-Takt, Couplets, Operettenmelodien); auch Lieder mit angehängtem Jodlerteil erfreuten sich großer Beliebtheit (bei fehlender Begabung für den Kehlkopfschlag bestritt man diese Passagen pfeifend). Der für die Wiener Instrumental- wie Vokalmusik charakteristische Ritardandostil wurde auch von den D. intensiv als Ausdrucksmittel gepflegt.

Obwohl die Bezeichnung D. männlichen Interpreten vorbehalten galt, gab es auch weibliche Gesangsduos, z. B. das Duett Schmer-Wilma (J. Schmer, die mit ihrer Partnerin, „Fräulein Wilma“, auftrat, bevorzugte beruflich wie privat Männerkleidung und stellte auch auf der Bühne männliche Typen dar). Im Orpheum zu hören waren die „Goldamseln“ (Schwestern Rieder, die meisten ihrer Duette verfasste ihr Vater K. Rieder). Schließlich feierten auch gemischte (bisweilen Ehe-) Paare Erfolge, z. B. Drexler & Zeidler (K. Drexler, A. Zeidler, ab 1874 verheiratet), Mirzl & Dreher (der ehemalige Eisendreher F. Koblassa, anfangs mit Poldi Schober, anschließend aber mit seiner Frau „Mirzl“, * 1865).

Die D.-Tradition setzte sich im 20. Jh. fort: Vor dem Ersten Weltkrieg z. B. Philipp & Minna Lambor, Mika & Drechsler (s. Abb.), danach z. T. bedeutende Interpreten mit wechselnden Gesangspartnern (z. B. Hans Matauschek mit Therese Hafenscher u. a., Franz Niernsee mit Karoline Müller u. a.), in den 1930/40er Jahren Adi & Susi Rothmayer, Mizzi Starecek & Rudi Hermann, Mizzi Starecek & Leopoldine Lauth, Edi Stadler & Rudi Hermann, bis in die 1980er Jahre T. Mally & Karl Nagl, Heini Griuc & Kurt Girk.

Heute (2020) noch stellt das zweistimmige Singen eine der wesentlichsten Interpretationsformen des Wienerlieds dar. Die Bezeichnung D. ist aber verschwunden. Die Sänger und Sängerinnen treten unter ihren kompletten (Vor- samt Nach-) Namen auf: Gerhard Heger, Willi Lehner usw. Jene Sänger, die sich musikalisch selbst begleiten, stellen ihren Namen die Bezeichnung „Duo“ voran (Duo Hodina-Reiser, Duo Koschelu-Gradinger etc.). Als Besetzungsbezeichnung bürgerte sich für diese Duos mit Harmonika und Kontragitarre auch der Terminus „Packl“ ein (von „sich auf ein Packl hauen“ = sich zusammentun).


Literatur
C. Lafite in Journal 30.1.1927; J. Koller, Das Wiener Volkssängertum in alter und neuer Zeit 1931; Phonothek und Flugblattsammlung im Wiener Volksliedwerk (C 75,85: Erinnerung an unseren Walzerkönig Johann Strauß!; C 85c/189: Natursänger Marsch; C 80/138; C80b/167; C85b/4; C85b/11; C85b/23; C85c/72,73, 75, 76, 163 u.169); Phonothek und Flugblattsammlung im Wiener Volksliedwerk (C 75,85: Erinnerung an unseren Walzerkönig Johann Strauß!; C 85c/189:Natursänger Marsch; C 80/138; C80b/167; C85b/4; C85b/11; C85b/23; C85c/72,73, 75, 76, 163 u.169).

Autor(en)
Gertraud Pressler
Empfohlene Zitierweise
Gertraud Pressler, Art. „Duettisten‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 18/02/2002]