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Gesamtausgaben
Wissenschaftlich-kritische (Noten-)Ausgaben des gesamten Schaffens eines Komponisten („Opera omnia“); mit dem Ziel, einen möglichst authentischen Werktext auf der Basis aller erreichbaren Quellen, nach dem jeweils jüngsten Stand der wissenschaftlichen Editionstechnik, zu erstellen. Sie dienen der Forschung, aber auch der musikalischen Praxis. In der Anlage bestehen G. meist aus einem Vorwort, ev. einzelnen Faksimile-Seiten, dem Notentext sowie einem kritischen Bericht, der über die Quellen Auskunft gibt und ein Lesartenverzeichnis bietet.

Das Sammeln, Bewahren und Erschließen eines musikalischen Gesamtschaffens steht historisch in engem Zusammenhang mit dem Erkennen der Individualität des Komponisten, aber auch mit dem Historismus, in dem man den Werken der „Meister der Tonkunst“ der Vergangenheit einen besonderen Wert beimaß. Frühe G., wie etwa die Händel-GA (London, 1787–98), entstanden aus Nationalstolz und in Verehrung einer herausragenden Musikerpersönlichkeit. Sie waren meist nicht vollständig und entbehrten sorgfältiger Quellenkritik – so auch die Mozart-GA (1798–1806, 17 Bde.) und die Haydn-GA (1802–43, 12 Bde.) bei Breitkopf & Härtel (B & H) sowie die „sämmtlichen Werke“ von L. v. Beethoven beim Wiener Verleger Haslinger (1828–45). G. eines Teilrepertoires entstanden v. a. aus kommerziellem Interesse oder aus persönlichem Engagement des Herausgebers (z. B. D. Scarlatti, Sämmtliche Werke für das Piano-Forte, hg. v. C. Czerny, Wien: Haslinger ca. 1840; J. Strauß (sen.), Sämtliche Werke für Klavier, hg. v. J. Strauß (jun.), Leipzig: B & H 1887–89). Der Beginn der alten Bach -GA in der Mitte des 19. Jh.s markiert eine neue Ära von kritischen und vollständigen G., die den gängigen Wissenschaftsansprüchen genügen. Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs lagen „moderne“ G. von Beethoven (B & H, –1888), Fr. Schubert (B & H, –1897) und Mozart (B & H, –1910) abgeschlossen vor. Die „Stunde der Gesamtausgabe“ (Karl Vötterle) schlug nach 1945, als die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs die Bedeutung des erhaltenen musikalischen Kulturgutes erneut bewusst machten. Neue G. wurden begonnen, die inzwischen „alten“ G. durch „Neue“ Ausgaben ersetzt.

Bei entsprechender Bedeutung des Komponisten sind moderne G. durch eigene Editionsinstitute (z. B. Mozart: Internationale Stiftung Mozarteum Salzburg) oder Forschungsstellen (z. B. Brahms: Kiel/D) im Wissenschaftsbetrieb verankert. Sie haben eigenes Personal, verwalten eine umfassende Quellensammlung und werden durch die öffentliche Hand oder durch private Stiftungen finanziert. Kleinere G. gehen oft von einzelnen Verlagen aus oder sind Teil einer umfassenderen Editionsreihe.

Eigenständige G.: L. v. Beethoven, Werke. GA, Beethoven-Archiv Bonn (S. Brandenburg), München: Henle 1961ff. – A. Berg, Sämtliche Werke, Alban Berg Stiftung (R. Stephan), Wien: UE 1996ff. – J. Brahms, Neue Ausgabe sämtlicher Werke, Editionsleitung Kiel (W. Krummacher), Gesellschaft der Musikfreunde in Wien (O. Biba), München: Henle 1995ff. – A. Bruckner, Sämtliche Werke. Kritische GA, ÖNB, Int. Bruckner-Gesellschaft (L. Nowak), Wien: Musikwissenschaftlicher Verlag 1951ff. – J. J. Fux, Sämtliche Werke, Johann-Josef-Fux-Gesellschaft (H. Federhofer), Graz: ADEVA 1959ff. – Ch. W. Gluck, Sämtliche Werke, Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (G. Croll), Kassel: Bärenreiter 1951ff. – P. Hofhaimer, Gesammelte Tonwerke (H. J. Moser), Stuttgart-Berlin 1929, Repr. 1966. – J. J. Haydn, Werke, Joseph-Haydn-Institut Köln (G. Feder), München: Henle 1958ff. – J. Lanner, Werke. Neue GA (E. Kremser), Leipzig: B & H 1889–91, Repr. 1973 (Sämtliche Werke für Klavier). – G. Mahler, Sämtliche Werke. Kritische GA, Int. Gustav Mahler Gesellschaft (K. H. Füssl), Wien: UE 1955. – W. A. Mozart, Neue Ausgabe sämtlicher Werke, Int. Stiftung Mozarteum Salzburg (W. Rehm), Kassel: Bärenreiter 1955–2007, NMA-online http://dme.mozarteum.at/ – A. Schönberg, Sämtliche Werke, Akademie der Künste Berlin (R. Stephan), Mainz: Schott – Wien: UE 1966ff. – Fr. Schubert, Neue Ausgabe sämtlicher Werke, Int. Schubert-Gesellschaft (W. Dürr), Kassel: Bärenreiter 1964ff. – J. Strauß (Sohn), GA, Johann-Strauß-Gesellschaft Wien (R. Führer), Wien: Doblinger 1967ff; Neue Johann Strauß GA, Strauß Edition Wien (M. Rot), Wien: Strauß-Edition 1995ff. – H. Wolf, Sämtliche Werke. Kritische GA, Int. Hugo-Wolf-Gesellschaft Wien (H. Jancik), Wien: Musikwissenschaftlicher Verlag, 1960ff.

G. innerhalb von Reihen: H. Isaac, CMM 65 (E. R. Lerner), 1974–84. – J. Brassart, CMM 35 (K. E. Mixter), 1965, 1971. – P. Hofhaimer, Denkmäler der Musik in Salzburg (DMS 15), 2004ff – Neidhart von Reuental, DTÖ 71I (W. Schmieder), 1930, Repr. – Oswald von Wolkenstein, DTÖ 18I (O. Koller), 1902, Repr. – J. Regnart, CMM 62 (W. Pass), 1973ff. – J. Vaet, DTÖ 98I etc. (M. Steinhardt), 1961–68.

G. von österreichischen Herausgebern oder in österreichischen Verlagen: C. Monteverdi, Tutte le opere (G. F. Malipiero) Wien: UE (Bd. 11–14, Suppl., 1954–68). – G. v. Weerbeke, CMM 106 (A. Lindmayr-Brandl), 1995ff.


Literatur
L. Finscher in Musikalisches Erbe und Gegenwart 1975; MGG 2 (1995); B. R. Appel/J. Veit (Hg.), Editionsrichtlinien Musik 2000.

Autor(en)
Andrea Lindmayr-Brandl
Empfohlene Zitierweise
Andrea Lindmayr-Brandl, Art. „Gesamtausgaben‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]