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Hermeneutik, Musikalische
Von der allgemeinen H. (griech. ερμενευτική τέχνη = Kunst der Auslegung bzw. der Übersetzung) angeregte Verfahren und Theorien des Musikverstehens. Bis zur frühen Neuzeit galt das vorrangige Interesse der H. der Rekonstruktion ursprünglicher, von den Autoren gesetzter Bedeutungen in literarischen, theologischen und juridischen Texten. Noch die im frühen 20. Jh. zu ortenden Anfänge einer M.n H. bei Hermann Kretzschmar und Arnold Schering stehen im Zeichen solcher auf objektiv-zeitlose Befunde ausgerichteten Inhaltsdeutung. Dagegen etablierten sich seit der romantischen H. Friedrich Schleiermachers in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen erkenntnistheoretische Debatten über Bedingungen von Verstehensleistungen. Mit der zunehmenden Reflexion der Geschichtlichkeit menschlichen Handelns (Historismus) ging eine – insbesondere von der hermeneutischen Philosophie Martin Heideggers und Hans-Georg Gadamers belebte und seit den 1960er Jahren kontrovers geführte – Diskussion über die vorurteilsgebundene Subjektivität, Prozesshaftigkeit und Vorläufigkeit jedweden Verstehens einher. Damit stieg innerhalb der Geisteswissenschaften die Aufmerksamkeit für rezeptionsorientierte Fragestellungen (u. a. Geschichte des Lesens, Bildbetrachtens, Musikhörens).

Vor diesem Hintergrund sind zwei einschlägige wissenschaftliche Initiativen in Österreich zu sehen: (1) Die von H. Kaufmann initiierte, Prämissen der Frankfurter Schule (Th. W. Adorno) verpflichtete Gründung des Instituts für Wertungsforschung und kritische Musikästhetik an der Akademie (Hochschule) für Musik und darstellende Kunst Graz (1967); in jährlichen Symposien gelangen dort Voraussetzungen und Formen musikalischer Urteilsbildung zur Diskussion. (2) Die Einrichtung eines Institutes für M. H. an der MHsch. Mozarteum Salzburg (1989). Die hier institutionalisierte Zielsetzung einer zeitgemäßen H.-Debatte auf dem Feld der Musikwissenschaft wird wesentlich von einem von G. Gruber und Siegfried Mauser initiierten Arbeitskreis (1989ff.) verfolgt. Bedeutsame Impulse, den Begriff einer M. H. einer kritischen Revision zu unterziehen, gingen dabei von dem von Carl Dahlhaus herausgegebenen Sammelband M. H. (1975) sowie neueren Methodendiskussionen zum Kunstverstehen in den Geisteswissenschaften aus. Interne sowie öffentlich zugängliche Kolloquien mit Fachkollegen (u. a. mit Hans-Heinrich Eggebrecht, Ludwig Finscher, Constantin Floros) und Vertretern der Nachbardisziplinen (u. a. H.-G. Gadamer, Hans Robert Jauß, Karl Stierle) finden ihren Niederschlag in Einzelpublikationen sowie einer eigenen Schriftenreihe. Dabei sind persönliche Akzentuierungen in der Themen- und Methodenwahl zu bemerken. So erfährt schon der zentrale Begriff des musikalischen Verstehens unterschiedliche Ausprägungen. Kontinuität signalisieren dagegen die ähnlich gelagerten Interessen für Methodenreflexionen im Hinblick auf rezeptionsgeschichtliche Phänomene, zudem die anhaltende Auseinandersetzung mit der Wirkungsgeschichte einzelner Komponisten und der musikalischen Gattungen.


Literatur
C. Dahlhaus (Hg.), M. H. 1975; G. Gruber/S. Mauser (Hg.), Schriften zur m. H. 1992ff; S. Mauser (Hg.), Hb. der musikalischen Gattungen 1993ff; G. Gruber, Mozart und die Nachwelt 1985; G. Gruber, Mozart verstehen 1990; W. Gratzer, Komponistenkommentare. Beiträge zu einer Gesch. der Eigeninterpretation 2003.

Autor(en)
Wolfgang Gratzer
Empfohlene Zitierweise
Wolfgang Gratzer, Art. „Hermeneutik, Musikalische‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]