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Hof-Opernschule
Gesangschule an der Wiener Hofoper. Bereits im Oktober 1860 entwickelte M. Salvi den Plan zur Errichtung einer Gesang- und Ballettschule an der Hofoper. Diese sollte der „Heranbildung von jungen Talenten für das Hofoperntheater“ (Fremden-Bl. 20.3.1861, 3) dienen. Nachdem er am 1.2.1861 mit der provisorischen Leitung der Hofoper betraut worden und im Winter 1861/62 aus dem Allgemeinen akademischen Gesangs-Institut ausgeschieden war, griff er dieses Vorhaben wieder auf (Antrag mit ausführlichem Konzept an das Oberstkämmereramt am 30.5.1862). Mit 30.7.1862 wurde die Gründung mit einigen Modifikationen genehmigt, auch die Wiener Presse berichtete sofort davon. Von der Verbindung mit einer Ballettschule hatte man jedoch Abstand genommen, weil die bestehende „Tanz-Eleven Schule“ ihren Zweck erfüllte. Zu diesem Zeitpunkt war Salvi bereits eine kaiserliche Privatsubvention zugesichert und das Haustheater im Palais Dietrichstein in Matzleinsdorf (Wien V) als Probebühne (wurde bereits 1857 auch der GdM angeboten) zur Verfügung gestellt worden (Salvi wollte auch einheimische Komponisten dazu animieren, Opern kleineren Umfangs für diese Bühne zu schreiben).

Anfang Oktober 1862 wurde die Errichtung einer kaiserlichen H.-O. unter Salvis Leitung bekannt gegeben, gleichzeitig erfolgte die Ausschreibung von sechs provisorischen Lehrerstellen, je zwei für Gesang sowie Klavier und je eine für Mimik und Deklamation. Ursprünglich hatte Salvi einen weit umfangreicheren Unterricht vorgesehen (mit den Fächern Geschichte und Völkerkunde, Mythologie, Italienisch, Französisch), der sich jedoch aus finanziellen Gründen nicht realisieren ließ (insgesamt hatte er zehn Lehrer, zwei Violinisten und drei Bediensteten geplant). Der Bewerbungskommission gehörten neben Salvi die Hofkapell- und Hofopernkapellmeister B. Randhartinger, G. Preyer, H. Esser, H. Proch und O. Dessoff an, jedoch gestaltete sich eine Einigung schwierig. Laut Zeitungsberichten sollen insgesamt 29 Bewerbungen für die Gesanglehrerstellen und 54 für die Klavierlehrerstellen vorgelegen sein; in den Akten nachweisen lassen sich insgesamt 48 Bewerbungen (u. a. H. Marschners Witwe Therese, S. Schoberlechner, J. Netzer, K. Pfeffer, R. Bibl, J. Kumenecker, A. Prosniz, K. Goldmark, J. Schmitt). Die Findungskommission empfahl als Gesanglehrer Julius Stockhausen und Eduard Mantius, die sich gar nicht beworben hatten, und wollte auf weibliche Lehrkräfte – mangels Eignung der Bewerberinnen – gänzlich verzichten. Salvi setzte schließlich seine Vorstellungen durch: Mädchengesang unterrichteten in der Folge Anna Bochkoltz-Falconi (1863–65), um deren Engagement sich Salvi intensiv bemühte und die das Zwei- bis Dreifache der übrigen Professoren verdiente, und M. Belart (1863–67); Männergesang G. Gentiluomo (1863–66) und C. M. Wolf (1863–66, ab 1865/66 auch Mädchengesang); Klavier (und Harmonielehre) E. Pirkhert (1863–67) und A. Leonhardt (1863–66; unterrichtete 1864–66 auch Gesang in der Elementarklasse); Tanz und Mimik Elise Albert-Bellon (1863–67), die gleichzeitig an der Ballettschule unterrichtete; Alexander Arlet war als Ensemble-Instruktor tätig (1863–67) und unterrichtete immer wieder auch Gesang (Mädchengesang ab 1865, Männergesang ab 1866). Von diesen hatten sich C. M. Wolf und E. Albert-Bellon gar nicht beworben; A. Leonhardts Anstellung erfolgte auf allerhöchsten Wunsch hin, nachdem er sich direkt an den Kaiser gewandt hatte. Zu diesem Lehrkörper bei Eröffnung traten im Laufe der Zeit noch Josef Rank (lehrte ab 1865 angeblich Ästhetik und Geschichte [nicht aktenkundig]), Heinrich Musits (Klavier-Supplent 1864 und 1865), K. Pfeffer (Mädchengesang provisorisch 1866/67) und J. G. Egger (Klavier provisorisch 1866/67) hinzu; 1866 bewarb sich L. Salvi erfolglos um eine Stelle. Echte Nachbesetzungen erledigter Lehrstellen gab es keine, obwohl es mehrere Abgänge gab: A. Bochkoltz-Falconi kündigte nach stetigen Auseinandersetzungen mit M. Salvi 1865, G. Gentiluomo und A. Leonhardt verstarben 1866, und C. M. Wolf kündigte 1866, ebenfalls infolge einer Auseinandersetzung mit M. Salvi; auch M. Belart hatte 1865 kurzzeitig gekündigt. Für das organisatorische Tagesgeschäft der H.-O. war ein beamteter Schulinspektor verantwortlich, der von einem Schuldiener unterstützt wurde. Salvi beschränkte sich als Direktor auf Direktiven von oben und gab verbindliche Vorgaben für den künstlerischen Unterricht, was immer wieder zu Spannungen mit einzelnen Lehrkräften führte. Salvi unterstützte auch nicht das Ansuchen der Lehrer um Zuerkennung des Professortitels.

Die Eröffnung der Schule erfolgte im Jänner 1863 (Unterrichtsbeginn am 10.1.1863), die Räumlichkeiten befanden sich in der Elisabethstraße 3 (Wien I), wo man seit September 1862 eingemietet war (worüber sich F. X. Glöggl [II] bei Hof beschwerte, da sich im selben Gebäude auch das Allgemeine akademische Gesangs-Institut befand). Im Herbst 1866 übersiedelte die Schule in das erst teilweise fertig gestellte neue Operngebäude (Staatsoper). Die Schule war finanziell von der Hofoper getrennt und unterstand als selbständige Hofanstalt dem Oberstkämmereramt. Ihr Jahresbudget betrug im ersten Verwaltungsjahr 8.004 fl, wovon knapp die Hälfte (3.922 fl, davon 1.500 fl allein das Gehalt von A. Bochkoltz-Falconi) für Besoldungen notwendig waren; im Voranschlag für 1863/64 stiegen sie auf 4.960 fl. Erst am 22.5.1864 wurde K. Franz Joseph I. – auf Druck des Finanzministeriums – offiziell über die Gründung der Schule in Kenntnis gesetzt.

Die Ausbildung war umfangreich und auf acht Jahre ausgelegt. Ziel war die Ausbildung von Nachwuchskräften für die Hofoper. Der Eintritt erfolgte als Aspirant, nach einem Jahr Unterricht und entsprechendem Fortschritt erfolgte die Aufnahme als definitiver Schüler der H.-O. (1865: sechs Herren, vier Damen). Nach weiteren zwei Jahren Unterricht begann der höhere Ausbildungskurs, gleichzeitig konnte ein Gehalt seitens der Hofoper bezogen werden, je nach Können und Verwendbarkeit. Aufgenommen werden konnten Mädchen von 15 bis 18 Jahren und Herren von 18 (nach Stimmbruch) bis 22, bei besonderer Eignung bis 25 Jahren. Eine Aufnahmeprüfung war obligatorisch, der Unterricht dafür unentgeltlich. Gemäß dem einheitlich genormten Vertrag, der bei Aufnahme als definitiver Schüler („Eleve der k. k. Hofopern-Schule“) zu unterfertigen war, durften die Zöglinge außerhalb der Hofoper ohne Zustimmung bei keiner öffentlichen Aufführung mitwirken, kein Engagement annehmen und – außer in den einmonatigen Ferien – Wien nicht verlassen. Der Austritt war jederzeit möglich, jedoch musste dann von einer Künstlerkarriere Abstand genommen werden. Anträge auf Remuneration von Schülern scheinen grundsätzlich abgelehnt worden zu sein. Die Zahl der Schüler wurde niedrig gehalten, Anträge auf Aufnahme in die Schule gab es jedoch laufend und wurden das ganze Jahr hindurch eingebracht (u. a. 1864 vom Mödlinger Thurnermeister Ignaz Schweiger d. Ä. für seine Tochter Theresia). Vor Eröffnung der Schule lagen Ende 1862 über 100 Aufnahmegesuche vor (u. a. M. Sawerthal und Maria Wolf, die Tochter von J. Wolf), aufgenommen wurden schließlich 16 Herren und 20 Mädchen, obwohl die Schülerzahl per Statut auf 18 Mädchen und 12 Herren reglementiert war. Für das Schuljahr 1863/64 sollten sieben neue Schüler (je zwei Soprane und Tenöre, eine Altistin und je ein Bariton sowie Bass) aufgenommen werden, nachweisbar sind jedenfalls fünf Herren (bei fünf Austritten – vier Herren, eine Dame). Mit Dezember 1864 wurde eine eigene Elementarklasse eröffnet, in der stimmbegabten Anfängern ab zwölf Jahren unentgeltlicher Gesang- und Klavierunterricht erteilt wurde (aufgenommen wurden 59 Mädchen und 31 Knaben). Während des Schuljahres gab es Entlassungen auf eigenes Ansuchen hin, mangels Eignung bzw. Fortschritt und aus disziplinären Gründen; in den Elementarklassen ist ein stetes Kommen und Gehen zu beobachten. Anfang 1867 besuchten 40 Sängerinnen und Sänger die H.-O. Im Frühjahr 1866 gab es jedoch nur mehr einen Tenor-Eleven, davor hatte die Tenor-Ausbildungsklasse im Schnitt um die acht Sänger umfasst. Ab Februar 1865 gab es „Privatproductionen“ der H.-O. im kleinen Redoutensaal.

Die Schülerinnen und Schüler verstärkten (und verjüngten) von Anfang an auch den Hofopern-Chor, was von Salvi geplant war und u. a. E. Hanslick und E. Schelle heftig kritisierten, da Choristen-Auftritte nicht der Ausbildung zum Solo-Kunstgesang dienten. Allgemein regte sich bereits relativ früh – bereits nach einem Jahr – Kritik am Konzept der H.-O., da sich keine großen Stimmen hervortaten und die Ausbildung als nicht zielführend gesehen wurde; auch manche Schüler kritisierten die mangelnden Fortschritte im Unterricht. Spannungen einzelner Lehrer mit Salvi trugen das Übrige dazu bei, C. M. Wolf hatte eigenen Angaben zufolge bereits im Frühjahr 1865 die Auflösung der Schule vorausgesehen. Mit 20. März 1867 wurde die Schule aufgrund einer Verfügung der Obersten Hof-Theater-Direktion aus Einsparungsgründen geschlossen. Begründet wurde die Schließung damit, dass das Institut „jene Resultate, die man bei deßen Errichtung anstrebte und worauf man seit mehreren Jahren bedeutende Summen verwendete“, nicht geliefert hat. Keine Sänger und nur zwei „mittelmäßige Sängerinnen [B. Schütz und Hermine Prohaska v. Siegstädt], wie man solche auf manchen Provinzbühnen noch beßer findet“ (HHStA, HA, GIdHTh, K 87, 2034/1866), seien aus ihr hervorgegangen. Zeitungsnotizen zufolge soll es Ende 1867 kurz Überlegungen gegeben haben, die Schule reorganisiert wieder ins Leben zu rufen. Die mit Schuljahr 1868/69 gegründete Opernschule am Konservatorium der GdM wurde als adäquater Ersatz der H.-O. gesehen; umso mehr, als im Mai 1870 auch erstmals das „Übungstheater“ des Konservatoriums im kleinen Saal des Musikvereins in Betrieb genommen wurde.

Schüler der Opernschule waren u. a. B. Schütz (die einzige Schülerin, die bereits vor Auflösung der Schule in ein effektives Engagement der Hofoper übernommen wurde und vom Schulbesuch befreit war), H. Prohaska v. Siegstädt (1867 an die Hofoper übernommen), Josefine Pastét (1867 an die Hofoper übernommen), Anna Klofat (später Schülerin im Akademischen Operninstitut), Viktorine Rosenschein, E. J. Schmidt, St. Niedzielski, Eduard Brandstätter (Engagement in Prag), Karl Auegg (Engagement in Lemberg), Ferdinand Maas, Georg Meindl, Karoline Pernitsch, Heinrich Gassner, Alois Pavliczek, Rosa Pauli (Engagement in Dessau/D), Wanda Turowska (eig. Jeanette Prohaska), Karoline Grossmuck, Josefine und Karoline Gloksperg.


Literatur
St. Koth, Matteo Salvi Leben u. Werk, Diss. Wien 1988, 72–78; St. Koth, Matteo Salvi in Wien 1987, 75–81; Fremden-Bl. 20.3.1861, 3, 14.2.1865, 6, 30.5.1865, 5, 12.4.1866, 6, 14.4.1866, 6, 15.9.1866, 6; Bll. f. Musik, Theater u. Kunst 15.7.1862, 228, 12.8.1862, 260, 2.9.1862, 284, 25.11.1862, 384; Wr. Ztg. 17.7.1862, Wr. Tagesbericht, 1045, 5.10.1862, Wr. Tagesbericht, 1361, 7.10.1862, Amtsbl., 485, 26.10.1862, 193, 29.11.1862, 453, 4.1.1863, 22, 12.1.1863, 30, 14.1.1863, 110, 24.1.1863, 228, 9.8.1863, 1, 22.8.1863, Amtsblatt, 301, 1.11.1864, 352, 14.2.1865, 482, 23.3.1866, 920, 17.11.1867, 585; Wr. Theater-Chronik 7.8.1862, Beilage, 1, 6.8.1863, 127; Die Presse 18.7.1857, 5, 4.10.1862, Abendbl., 1, 8.1.1863, 1, 2.6.1864, 3, 23.2.1865, 12, 4.3.1865, 1ff, 15.1.1867, 10, 18.1.1867, 2; Der Zwischen-Akt 4.10.1862, 3, 30.10.1862, 2, 1.12.1862, 2, 17.12.1862, 2, 3.1.1863, 2, 23.8.1863, 3, 6.11.1866, 4; Recensionen u. Mittheilungen über Theater u. Musik 12.10.1862, 646f, 1.2.1863, 80, 31.5.1863, 337, 15.4.1865, 239, 29.4.1865, 271; Der Botschafter 4.11.1862, 1f; Das Vaterland 4.11.1862, 2, 26.2.1865, 1, 28.2.1867, 3; Wr. Abendpost 21.12.1863, 591, 22.4.1864, 370, 5.10.1864, 915, 17.2.1865, 153, 27.5.1865, 483, 17.5.1870, 433f; Morgen-Post 7.3.1864, 3; NFP 2.9.1864, 1f, 2.5.1865, 5, 4.11.1866, 4, 5.12.1866, 7, 22.5.1867, 6, 17.5.1870, 1f; Ost-Dt.e Post 8.11.1865, 3; Neues Fremden-Bl. 27.3.1866, 5, 6.1.1867, 7; Bll. f. Musik, Theater u. Kunst 14.2.1865, 49f, 17.2.1865, 53f, 21.2.1865, 57f, 4.12.1866, 386; Gemeinde-Ztg. 6.10.1866, 14, 15.3.1867, 6, 19.6.1867, 12; Neues Wr. Tagbl. 16.12.1867, 4, 12.1.1868, 2, 9.4.1872, 4; Dt.e Ztg. 22.6.1872, 8; Konstitutionelle Volks-Ztg. 9.3.1873, 5; Lehmann-Adressbuch 1864–67 [sub Schulen]; ÖStA (HHStA, HA, Hofoper K. 12–15 u. 17–20; Hofoper, Sonderreihe, K. 33–35; GIdHTh, K. 84–88).

Autor(en)
Christian Fastl
Empfohlene Zitierweise
Christian Fastl, Art. „Hof-Opernschule‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 09/01/2020]