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Klarinette
Die heutige K. und ihre Verwandten wie Bassetthorn, Bass-K. usw. sind einfache Rohrblattinstrumente mit fast durchwegs zylindrischer Bohrung. Die Instrumente dieser Gruppe wirken akustisch wie eine gedackte Pfeife. Sie klingen nicht nur eine Oktave tiefer als z. B. gleichlange Oboen, sondern überblasen im Unterschied zu diesen in die Duodezime, weil nur die ungeraden Naturtöne ansprechen. Das Saxophon sowie auch das ungarische Tárogató haben zwar ebenfalls ein Mundstück mit einfachem Rohrblatt, sind aber im Gegensatz zur K. konisch gebohrt und überblasen deshalb in die Oktave. Sie werden als eigene Instrumentenfamilie angesehen. Nach Johann Gabriel Doppelmayr, auf den sich auch das Musicalische Lexikon von Johann Gottfried Walther (1732) bezieht, gilt der Nürnberger Instrumentenmacher Johann Christoph Denner (1655–1707) als Erfinder der K., was allerdings heute als nicht gesichert erscheint.

Frühe K.n ähneln sehr stark dem zweiklappigen Chalumeau, dessen „Verbesserung“ ebenfalls auf Denner zurückgehen soll. Während das Chalumeau aber im Normalfall nicht überblasen wird (obwohl es möglich wäre), im Grundregister gut klingen soll und deshalb mit einem relativ großen Mundstück und einem breiten Blatt ausgestattet ist, wird die frühe K. vorwiegend im überblasenen Register gespielt und besitzt deshalb eine Überblasklappe sowie ein kleines Mundstück und schmales Blatt. Beide Instrumente bestanden durch mehrere Jahrzehnte hindurch nebeneinander und haben auch jeweils eine eigenständige Literatur. Allein aus diesem Grund kann das Chalumeau keineswegs – wie oft behauptet wird – als Vorläufer der K. bezeichnet werden. Die K. hatte in ihrer hohen Lage fast dieselbe Fingerordnung wie die Oboe oder selbst das Fagott. In der Regel war sie zunächst – wie auch die Traversflöte (Flöte) – bis nach 1750 ein Nebeninstrument, das man bei Bedarf zur Hand nahm. Der Wiener Hof war offensichtlich den einfachen Rohrblattinstrumenten gegenüber recht aufgeschlossen. Nicht nur das Chalumeau erfreute sich hier großer Beliebtheit, sondern auch die K. hielt Einzug in die Wiener Oper, u. a. werden in A. Caldaras Ifigenia in Aulide (Wien 1718) die Clarinetti –typisch für die Zeit – trompetenartig eingesetzt.

Im weiteren Verlauf des 18. Jh.s wurde in instrumentenbaulicher und spieltechnischer Hinsicht die bis dahin vernachlässigte tiefe Lage der K. erobert und verfeinert. Das Chalumeau, dem dieses Register fast ausschließlich anvertraut war, verlor nun an Bedeutung.

Wenn auch z. B. J. Haydn in seiner Kammermusik sehr früh K.n einsetzte (um 1760) und auch W. A. Mozart bereits in seinem sog. Mailänder Divertimento, KV 113 (1771), so fand das Instrument erst nach Mozarts Mannheim-Besuch von 1778 allmählich Einzug in das Orchester der Wiener Klassik.

Der Wiener Klarinettist A. Stadler, der zusammen mit dem Instrumentenbauer Th. Lotz an der Erweiterung der K. in der tiefen Lage arbeitete (Bassett-K.) und auch entscheidende Impulse zur weiteren Entwicklung des von Anton und Michael Mayrhofer in Passau 1765 erfundenen Bassetthorns (einer hauptsächlich in F oder G gestimmten tieferen Variante der K.), gab, steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Entstehung der wohl berühmtesten Solowerke für K., dem Konzert in A-Dur, KV 622 und dem Quintett für K., 2 Violinen, Viola und Violoncello in A-Dur, KV 581 von Mozart. Während diese beiden Werke ursprünglich für die Bassett-K. bestimmt waren, verwendete Mozart in seinen anderen Kompositionen für K. (Kegelstatt-Trio, KV 498, Klavierquintett, KV 452 und in den Serenaden, KV 361, 375 und 388) ein Instrument mit normalem Umfang. Einen besonderen Stellenwert nimmt auch das Bassetthorn im Schaffen Mozarts ein. Bereits 1768 erwähnte L. Mozart in einem Verzeichnis der Werke seines Sohnes (verschollene) Stücke für 2 Corni di Baßetto aus dem Jahre 1767. Später verwendete Mozart dieses Instrument u. a. solistisch in den Opern Die Entführung aus dem Serail, Le Nozze di Figaro (nachkomponierte Arie Al desio) und La Clemenza di Tito, paarweise in der Serenade, KV 361 (370a), in der Zauberflöte und im Requiem sowie dreifach in mehreren kammermusikalischen Werken. Neben und nach Mozart sind hier stellvertretend für viele andere die Komponisten G. Druschetzky und F. Krommer zu nennen, welche die K. nicht nur in ihren Bläserharmonien (Harmoniemusik), sondern auch vielfach solistisch einsetzten. Zu erwähnen wären auch die Sonaten von J. B. Vanhal und F. A. Hoffmeister, die zu den frühesten Kompositionen für K. und Klavier zählen, das Konzert für K. und Orchester in B-Dur vonJ. L. Eybler, Fr. Schuberts berühmtes Lied Der Hirt auf dem Felsen für Sopran, obligate K. und Klavier, D 965 (1828) usw.

Während in der 1. Hälfte des 19. Jh.s die Konzertsäle der großen Städte (Wien, Graz, Linz u. a.) von reisenden K.-Virtuosen, die ihre meist selbst komponierten Konzerte, Phantasien oder Variationen über beliebte Themen etc. darboten, regelrecht überschwemmt wurden, kennt man in der 2. Hälfte mit Ausnahme von Robert Stark oder Richard Mühlfeld, für welchen J. Brahms seine bedeutenden K.n-Werke geschrieben hat, kaum noch einen Solisten von Rang. 1866 schrieb E. Hanslick: „Über die Zeit, wo diese Künstler schaarenweise gereist kamen und Concerte auf ihrem langweiligen Einzelrohr abbliesen, sind wir hinüber“ (Aus dem Concertsaal, 1870). An bedeutenden österreichischen Kompositionen für K. aus dem 20. Jh. seien u. a. erwähnt: Alban Bergs Vier Stücke für K. und Klavier, op. 5 (1913), das Quintett für K., 2 Violinen, Viola und Violoncello in Es-Dur, op. 102 von R. Fuchs (1914) und E. Wellesz' Suite für K. solo, op. 74.

1819 wurden an der Schule des Musikvereins für Steiermark in Graz und 1821 am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien Klassen für K. eingerichtet. Wurden anfänglich die europaweit verbreiteten französischen und deutschen Unterrichtswerke (v. a. Jean Xavier Lefevre [1763–1829, Méthode de Clarinette, Paris 1802 und Johann Georg Heinrich Backofen [1768–1839], Anweisung zur K. nebst einer kurzen Abhandlung über das Basset-Horn, Leipzig ca. 1803, Nachdruck bei S. A. Steiner, Wien 1808) verwendet, so bestand, bedingt durch die Entwicklung und die Ausformung eines eigene Wege beschreitenden Wiener (bzw. Grazer oder Linzer) Holzblasinstrumentenbaus, bald der Bedarf an neueren und eigenständigen Lehrwerken. 1841 erschien bei A. Diabelli u. Comp. in Wien die Neueste Wiener Clarinetten-Schule von J. Fahrbach. Nicht ohne Stolz vermerkt hier der Autor: „Die Wiener=Instrumente sind lange schon allgemein als die Besten anerkannt, und man kann auch mit Recht behaupten, dass ausser Wien keine andere Stadt der Welt in dieser Beziehung so durchaus Gelungenes geliefert hat“ (S. 17).

An bedeutenden Instrumentenmachern der 1. Hälfte des 19. Jh.s wären an dieser Stelle u. a. zu nennen: St. Koch, W. Küss, Martin Schemmel, K. Tauber, J. T. Uhlmann, J. Ziegler sen. (Wien), Carl Doke (Linz), G. und E. Piering (Graz) sowie Anton Brambach (Innsbruck). Die instrumentengeschichtlich zukunftsträchtigere Entwicklung geschah allerdings außerhalb Österreichs. Bereits 1812 legte der aus Reval (Talinn/EW) stammende K.n-Virtuose Iwan Müller der Kommission des Pariser Conservatoires eine dreizehnklappige K. zur Begutachtung vor. Das Müller’sche Modell, welches auch von Wiener Instrumentenbauern erzeugt wurde, erfuhr um 1860 durch den Klarinettisten Carl Baermann in Zusammenarbeit mit dem Münchener Instrumentenbauer Georg Ottensteiner (1815–79) und später durch den Berliner Instrumentenbauer Oskar Oehler (1858–1936) seine entscheidende weitere Ausformung. Die Oehler-K. ist der Prototyp des deutschen K.n-Systems, welches heute in den großen österreichischen und deutschen Orchestern so gut wie ausschließlich verwendet wird. Die weltweit stark verbreitete sog. Boehm-K. geht zurück auf den Klarinettisten Hyacinthe Eléonore Klosé (1808–80) und den Instrumentenbauer Louis-Auguste Buffet († 1885). Sie ist den deutschen K.n grifftechnisch leicht überlegen und klingt, der etwas engeren Bohrung und des Mundstücks mit seiner offeneren, breiteren Bahn wegen, heller als diese. In Österreich allerdings spielt dieses K.n-System eine eher untergeordnete Rolle.

An österreichischen Instrumentenbauern der Gegenwart seien hier die Werkstatt von Rudolf Tutz in Innsbruck (historische K.n) sowie die Firma Hammerschmidt in Wattens/T (K.n, deutsches System) genannt.

Auf die eminente Bedeutung der K.(n) in der Tanz- und Unterhaltungsmusik, in der Militär- und Blasmusik und auch im Jazz und in der Volksmusik kann hier nur summarisch hingewiesen werden. Stellvertretend für die Vielfalt des Einsatzes mögen hier zwei besonders markante österreichische Spezifika Erwähnung finden: Eine als „picksüßes Hölzl“ bezeichnete K. in hoch G, gespielt von G. Dänzer, gehörte 1886–91, bevor sie zum Bedauern Vieler durch die Ziehharmonika ersetzt wurde, zur Grundbesetzung des legendären Wiener Schrammelquartetts. Weit über die Grenzen seiner Heimatstadt Wien und Österreichs hinaus bekannt war der Jazz-Klarinettist Fatty George, der mit seiner Two Sounds Band sowohl traditionellen als auch modernen Jazz spielte.


Literatur
F. Geoffrey Rendall, The Clarinet. Some Notes upon its History and Construction 31971; K. Birsak in Salzburger Museum Carolino Augusteum. Jahresschrift 18 (1972); K. Birsak, Die K. 1992; A. Rice, The Baroque Clarinet 1992; W. Waterhouse, The New Langwill Index 1993; Ph. T. Young, Die Holzblasinstrumente im Oberösterr. Landesmuseum 1994; MGG 5 (1996); Hopfner 1999; J. G. Doppelmayr, Historische Nachricht von den Nürnbergischen Mathematicis und Künstlern 1730, 305.

Autor(en)
Klaus Hubmann
Empfohlene Zitierweise
Klaus Hubmann, Art. „Klarinette‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]