
Musikerbund, Wiener
1872 gegründete Berufsorganisation für in Wien tätige Musiker und Musikerinnen.
Maßgeblicher Protagonist des W. M.s war neben dem Burgtheatermusiker August Seelig (Schriftführer, stellvertretender Obmann und 1890 Obmann) vor allem J. Scheu, ebenfalls Mitglied des Burgtheaterorchesters und seit dessen Gründung Obmann des M.s. Die personelle wie organisatorische Nähe des W. M.s zur sozialistischen Arbeiter:innenbewegung führte bald zur behördlichen Beobachtung der Vereinigung. Die Furcht der Behörden vor Aufrufen zu Musikerstreiks während der Weltausstellung in Wien im Jahr 1873 führte in deren Vorfeld schließlich zur Auflösung des W. M.s, wogegen Scheu und Seelig erfolglos beim Reichsgericht prozessierten. Noch im selben Jahr gelang jedoch eine Neugründung als Wiener Musikerverein, welcher sich 1874 wieder in W. M. umbenennen ließ. Den von den Funktionären angestrebten Vereinsnamen Österreichischer Musikerverein verboten die Behörden, doch es zeigt sich an ihm bereits an, was 1896 durch die Gründung des Oesterreichisch-Ungarischen Musikerverbands schließlich umgesetzt werden sollte: die überregionale Organisation von Musikern und Musikerinnen. Die anhaltende behördliche Beobachtung des W. M.s verzögerte die Umsetzung dieses Vorhabens jedoch beträchtlich. Deshalb bemühte sich der W. M. vorerst um lokale und regionale Verbesserungen des Musiker:innenberufs bzw. entgeltlicher musikalischer Tätigkeiten. Zu diesem Zweck betrieb er u. a. die Gründung einer Musikergenossenschaft, die von 1889 bis 1895 Bestand hatte. Durch die Genossenschaftsgründung intensivierten sich nicht zuletzt Debatten um Wesen und Funktion von Musik als „Kunst“ oder „Gewerbe“, wobei sich für den W. M. als wichtigstes Ziel die Konzessionierung (und damit die Installierung von Zugangsbeschränkungen) im Musikgewerbe herauskristallisierte. Eine solche ließ sich jedoch nicht durchsetzen, weshalb sich der W. M. von der Genossenschaftsidee allmählich abwandte und sich verstärkt der Gründung einer monarchieweit aktiven Musikerorganisation widmete. Ein maßgeblicher Schritt hin zu einer solchen bestand in der Einberufung des Ersten oesterreichischen Musikertags im Frühjahr 1895, bei dem Vertreter verschiedener Regionen der österreichischen Reichshälfte den Beschluss zur Gründung eines Musikerverbands fassten, die zu Neujahr 1896 schließlich umgesetzt werden konnte. In der Folge war der W. M. (Obmann nun: J. Mörth) der mit Abstand größte Verbandsverein mit zeitweise hohem Einfluss auf die Verbandspolitik. Eine wichtige Funktion erfüllte der W. M. auch bezüglich der regionalen Arbeitsvermittlung von Musikern und Musikerinnen, ergänzend zum „Central-Stellenvermittlungsbureau“ des Verbands. 1908 spaltete er sich aufgrund politischer Spannungen jedoch für mehrere Jahre auf (wobei sich die verbandstreuen Mitglieder zur Wiener Musikervereinigung formierten während der W. M. – und damit dessen Mitglieder – aus dem Verband ausgeschlossen wurde), bis 1912 schließlich eine Wiedervereinigung herbeigeführt werden konnte.
Autor*innen
Fritz Trümpi
Letzte inhaltliche Änderung
5.9.2024
Empfohlene Zitierweise
Fritz Trümpi,
Art. „Musikerbund, Wiener“,
in: Oesterreichisches Musiklexikon online, begr. von Rudolf Flotzinger, hg. von Barbara Boisits (letzte inhaltliche Änderung:
5.9.2024, abgerufen am ),
https://www.musiklexikon.ac.at/ml/musik_M/Musikerbund_Wiener.xml
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