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Nachlass
Im vorliegenden Zusammenhang ein mehr oder weniger geschlossener Bestand an Noten, Dokumenten usw. nach dem Tod von musikalisch tätigen Einzelpersonen. Dabei kann es sich um Gesamt-, Teil-, Splitter- oder Krypto-N.e handeln. Verschwommen sind die Ausdrücke „Archiv und N.“ (z. B. ein Familienarchiv, das auch als N. definiert wird), fließend geht der Begriff oft auch in jenen der Sammlung über (Archive und Bibliotheken), die ein N. notwendigerweise ist (nicht aber umgekehrt).

N.e stellen nicht nur Orte des Gedächtnisses dar, sondern v. a. wichtige Quellen für die historische Forschung (Musikgeschichte). Sie können einerseits monographisch auf die Nachlasser ausgerichtet sein (wenn sie ausschließlich Werke, Korrespondenz, spezifische Sammlungen usw. der Nachlasser oder Dokumente zu ihrem Leben enthalten), andererseits kann es sich z. B. um die (mehr oder weniger vollständige) Bibliothek eines Nachlassers handeln, die in öffentlichen Besitz übergegangen ist und dort einen nach wie vor geschlossenen Bestandteil darstellt: so hatte E. L. Gerber seine Bibliothek noch zu Lebzeiten an die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien verkauft, gingen diverse Autographe und eine umfangreiche Sammlung von Partituren alter Musik aus dem Besitz von R. G. Kiesewetter an die Hofbibliothek (Musiksammlung der ÖNB) über, oder bildet die Sammlung von Erst- und Frühdrucken mit älterer musikalischer Literatur von A. v. Hoboken in der Musiksammlung der ÖNB eine eigene Abteilung.

N.-Träger sind (oder sollten möglichst sein) öffentlich zugängliche Institutionen (z. B. Museum), welche am ehesten und besten die Erhaltung für die Nachwelt und die wissenschaftliche Bearbeitung sicherstellen können. Nicht nur in Hinblick darauf ist die zentrale Sammlung einer Zersplitterung vorzuziehen (deshalb gibt z. B. das Institut für Österreichische Musikdokumentation allfällige Manuskriptgeschenke an die Musiksammlung der ÖNB weiter). Schwierig gestaltet sich oft die Identifizierung eines N.es, denn nicht immer sind Manuskript-Konvolute oder Bibliotheken in der Vergangenheit als Gesamtbestände behandelt worden. Oft wurden seine Bestandteile integriert und dabei geteilt (z. B. Manuskripte in die Handschriftensammlung, Bücher in die Bibliothek), und der ursprüngliche Bestand muss erst in mühevoller Kleinarbeit wieder rekonstruiert werden.

In Österreich sind derzeit (2003) über 500 musikalische N.e bekannt. Die größte Sammlung von N.en verwahrt die Musiksammlung der ÖNB. Wie die meisten Bibliotheken und Archive hat auch sie eine Datenbank im Internet publiziert, auf der neben Einzelpersonen auch Werklisten der Sammlungen online abrufbar sind. Zu den Besonderheiten zählt das hier angesiedelte Internationale Musiker-Brief-Archiv, eine Sammlung von Brief-N.en (derzeit etwa 14.600 Stücke von 3.420 Schreibern). Der zweitgrößte N.-Verwalter ist die Wiener Stadt- und Landesbibliothek. Den Grundstock bildet zwar der Literatur-N. von F. Grillparzer, den K. Fröhlich der Bibliothek 1878 gewidmet hatte. 1900 entstand mit der Übernahme eines Teiles der Schubert-Sammlung des Wiener Industriellen N. Dumba auch eine Musiksammlung. Heute verwahrt sie u. a. die N.e von Ph. Fahrbach, Ad. Müller, der Familie Strauß. An dritter Stelle wäre die Bibliothek der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien zu nennen, mit N.en von L. Bösendorfer, J. Brahms, J. Dessauer, S. Molitor, F. v. Suppè u. a.

Neben wissenschaftlichen Bibliotheken gelten als bevorzugte Aufbewahrungsorte Archive, Museen (z. B. das Koschatmuseum in Klagenfurt mit dem N. des Namensgebers Th. Koschat, bestehend aus Noten, Auszeichnungen, Tagebüchern, Hinweise auf Einladungen zu diversen Höfen Europas, Konzertreisen nach Amerika u. a.), Univ.sinstitute (z. B. der Univ.en Wien, Graz und Salzburg), Bibliotheken und -archive, wissenschaftliche Gesellschaften, kirchliche Einrichtungen, kommunale Institutionen, private Dokumentationsstellen (z. B. das Herbert von Karajan Centrum in Wien [zentrales Archiv, Forschungs- und Dokumentationszentrum für den künstlerischen N. H. v. Karajans, Karajan Stiftungen]). Auch an Geburts- oder Wohnstätten von Komponisten können N.e verwahrt werden (obwohl hier meist „Sammlungen“ im Vordergrund stehen; z. B. das H. Wolf-Museum in Perchtoldsdorf oder das Stille-Nacht-Museum in Hallein mit dem N. von F. X. Gruber [Autograph des Liedes, Kompositionen, Schriften und persönliche Utensilien Grubers]). Auch eigene Institute scheinen als N.-Verwalter auf, z. B. das Arnold Schönberg Center in Wien [Privatstiftung mit N. von A. Schönberg] oder das E. Krenek-Institut in Wien und Krems. Derzeit verzeichnet die Datenbank infoNet-Austria über 1000 derartige Institutionen.

N.e der Sammler und Komponisten von Volksmusik befinden sich meist in den Volksliedarchiven der österreichischen Bundesländer (Volksliedwerk, Volksliedsammlung; siehe auch INFOLK, das Informationssystem für Volksliedarchive in Österreich), z. B. in Klagenfurt N.e von A. Anderluh und Anton Kollitsch, in Graz von J. Pommer, Robert Popelak oder V. Zack, in Innsbruck von Man. Schneider, in Bregenz von F. Jung, J. Pommer u. a., der von K. M. Klier aber im Archiv der Stadt Linz.

Neben schriftlichen N.en sind auch solche von Musikinstrumenten oder Tonträgern einzubeziehen. So findet sich im Musikinstrumentenmuseum Schloss Kremsegg (Kremsmünster) eine Sammlung von mehr als tausend Blechblasinstrumenten (Schwerpunkt 19. Jh.) um den N. des deutsch-amerikanischen Musikers Franz Xaver Streitwieser, außerdem eine umfangreiche Bibliothek und Notensammlung sowie eine Phonothek, ein Fotoarchiv und kunstgeschichtliche Objekte wie Figurinen oder Gemälde zum Thema „Blasmusik“. In der Sammlung von knapp 100 außereuropäischen Musikinstrumenten und Leihgaben aus Privatbesitz im Institut für Musikwissenschaft der Univ. Innsbruck verbergen sich möglicherweise ebenfalls N.e. Bei der 80 Kirchenglocken (Glocke) umfassenden Sammlung von J. Pfundner kann man jedenfalls von einem N. sprechen.


Literatur
NGroveD 14 (2001) [Libraries/Europe/Austria]; G. Renner, Die N.e in den Bibliotheken und Museen der Republik Österreich. Ausgenommen die Österr. Nationalbibliothek und das österr. Theatermuseum 1993 (mit detaillierten N.-Listen, Registern der Standorte, nach Berufsgruppen etc.); G. Renner, Die N.e in der Wr. Stadt- und Landesbibliothek 1993; Kat.e der Slg. Anthony van Hoboken in der Musikslg. der ÖNB, hg. v. IÖM unter der Leitung von G. Brosche 1ff (1982ff); http://infonet.onb.ac.at (4/2004) (mit Links zu den Internetadressen der Bibliotheken und N.e); InfoNet-Austria – Thema Kunst, hg. v. der ÖNB, 2001 [mit den http://-Adressen div. Bibliotheken]; www.onb.ac.at/sammlungen/musik/mus_nachlass.htm (4/2004) [mit alphabetischer Liste der Komponisten-N.e].

Autor(en)
Ingrid Schubert
Empfohlene Zitierweise
Ingrid Schubert, Art. „Nachlass‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]