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Nationalsingspiel Wien
Bereits im Zuge der Reorganisation der Wiener Hoftheater 1776 durch Joseph II. als „Nationaltheater nächst der Burg“ (Burgtheater) mit dem Auftrag der Aufführung guter Originalwerke sowie guter Übersetzungen aus ausländischen Sprachen war auch die Gründung eines deutschen Singspiels bedacht. Als Möglichkeit zur Umsetzung des Planes wurde einerseits erwogen, die Errungenschaften der nord- und mitteldeutschen Komponisten und Librettisten dem süddeutschen-österreichischen Musikgut einzuverleiben, andererseits mit heimischen Künstlern einen eigenständigen Versuch zu initiieren. Die musikdramatische Union des gesamtdeutschen Raumes fand in Wien allerdings wenig Gegenliebe. Die Komponisten der Nationalsingspiele I. Umlauf (Die Bergknappen 1778, Die Apotheke 1778), C. d’Ordoñez (Diesmal hat der Mann den Willen 1778), J. Barta (Da ist nicht gut zu rathen 1778, Der adelige Taglöhner 1780), F. Aspelmayr (Die Kinder der Natur 1778), M. Ulbrich (Frühling und Liebe 1778, Der blaue Schmetterling 1782), G. A. Benda (Der Jahrmarkt 1779) und J. M. Ruprecht (Was erhält die Männer treu? 1780) hatten in der Werkstatt der italienischen Musik gelernt und waren vom deutschen Musikschaffen weitgehend unbeeinflusst geblieben.

Das Wiener Singspiel entstand unter dem Einfluss der verschiedenen Gattungen der lokalen Wiener Vorstadtkomödie, der französischen opéra comique, der englischen ballad opera und der italienischen opera buffa, sowie der Reformopern von Ch. W. Gluck, in denen er die Musik in den Dienst der dramatischen und psychologischen Wahrhaftigkeit der Texte und dargestellten Figuren stellte. Der Einsatz verschiedener Stilarten diente v. a. der musikalischen Zuordnung der handelnden Personen zu ihrer sozialen Schicht. Die Sujets waren heiter und heiter-sentimental, aus bürgerlich-ländlichem Milieu. Geschlossene musikalische Nummern wechselten mit gesprochenen Dialogen. Die Ausführenden waren anfangs großteils singbegabte Schauspieler, als primadonna assoluta stand allerdings von Anfang an K. Cavalieri dem N. zur Verfügung.

Im November 1777 gab Joseph II. die Weisung zur Errichtung einer deutschen Oper, wodurch in Wien die Umsetzung der Nationaltheateridee (als Theater für das Volk) sowohl auf der Sprech- wie auf der Musiktheaterbühne stattfand. Das bereits bestehende, 28 Mann starke Orchester im deutschen Nationaltheater wurde auf 36 Mann aufgestockt. In kaiserlicher Audienz vom 17.12.1777 wurde der Regisseur J. H. Müller bis Ostern 1779 mit der Leitung des Singspiels und der Einstudierung eines neuen Werks betraut. Die UA des ersten Wiener Singspiels Die Bergknappen (M: I. Umlauf, T: P. Weidmann) am 17.2.1778 wurde ein großer Erfolg und bald zum Begriff im deutschsprachigen Raum. In der ersten Saison wurden 14 Singspiele, davon 5 Originalsingspiele aufgeführt, Die Bergknappen hielten sich bis 1783 mit 30 Aufführungen am erfolgreichsten. Die zweite Saison brachte 10 neue Singspiele, wovon allerdings nur mehr eines als Original gelten kann. Auch in der dritten Saison waren unter den 10 aufgeführten Singspielen nur zwei Originale. Oft wurden die Singspiele gemeinsam mit einem Schauspiel auf den Abendspielplan gesetzt. Ab der Spielzeit 1779 wurde das N. dem Allgemeinen Theaterausschuß unterstellt und G. Stephanie d. J. mit der Leitung betraut.

Bald nach seiner Ankunft in Wien am 16.3.1781 begann W. A. Mozart mit der Komposition des Textbuches von G. Stephanie d. J. Die Entführung aus dem Serail, dem Höhepunkt des N.s in Wien (UA 16.7.1782). V. a. die Gestalt Osmins wurde als lebendes Individuum mit Leidenschaften und Fehlern durch Loslösung vom vorgeprägten Charaktertypus ganz im Sinne der Gluck’schen Reformvorstellungen auf die Bühne gebracht. Auch durch die Nachbildung der damals beliebten „Janitscharenmusik“ (Türkische Musik) und die Gestaltung der Chöre hatte sich Mozart einerseits ganz auf sein Publikum eingestellt, andererseits die einzelnen Partien den Sängern „in die Stimme“ geschrieben. Im Unterschied zum nord- und mitteldeutschen Singspiel war hier der Anteil des gesprochenen Textes zugunsten der Musik reduziert.

Bereits mit der Rückkehr des Spielplanstrategen A. Salieri nach Wien am 8.4.1780 kam es zu einem neuerlichen Vordringen der italienischen Oper am Nationaltheater. Ab der Spielzeit 1783 verfügte Joseph II. die Wiedereinführung der italienischen Oper, reaktivierte allerdings bereits am 27.11.1783 das deutsche Singspiel am Kärntnertortheater. Große Publikumserfolge feierten dort W. Müller und J. Weigl sowie C. D. v. Dittersdorf mit Doktor und Apotheker (1786), das sogar Mozarts Le nozze di Figaro vom Spielplan verdrängte.

Nach der Schließung des N. 1788 nahmen sich die Vorstadttheater vermehrt der Gattung des deutschen Singspiels an, das Theater in der Leopoldstadt unter K. v. Marinelli, das Theater in der Josefstadt und ab 1789/90 auch das Freihaustheater auf der Wieden unter E. Schikaneder, wo 1791 die UA von Mozarts Zauberflöte stattfand. In Bezug auf die deutschsprachige Oper und die Wiener Operette nimmt das N. einen wesentlichen entwicklungsgeschichtlichen Platz ein. Das Ideal eines N.s und Nationaltheaters als Theater für alle wurde allerdings nicht erreicht. Das Fehlen geeigneter Libretti mag ebenso wie die unterschiedlichen Ansprüche des Publikums dazu beigetragen haben.


Literatur
Michtner 1970; E. Manning, The N. in Vienna, Diss. Durham 1975; E. Krampf-Cermak, Das alte Burgtheater als Opernbühne 1792–1810, Diss. Wien 1981; C. Dahlhaus (Hg.), Die Musik des 18. Jh.s 1985.

Autor(en)
Elisabeth Großegger
Empfohlene Zitierweise
Elisabeth Großegger, Art. „Nationalsingspiel Wien‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]