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Sacropop
„Heilige Popularmusik“. Der Begriff wurde Ende der 1960er Jahre im Umfeld des am meisten rezipierten deutschen katholischen Pop-Komponisten Peter Janssens (1934–98) geprägt. Die Bezeichnung steht im Zusammenhang mit den Musicals Menschensohn und Ave Eva, Letzteres – mit einem Text des konservativen, aber „popigen“ Pfarrers und Dichters Wilhelm Willms (1930–2002) – sorgte noch 2004 am Mitteleuropäischen Katholikentag in Mariazell für eine Aufregung. S. teht zunächst für populäre religiöse Musik auf der Bühne, wurde aber immer wieder auch für das Neue Geistliche Lied (NGL, fälschlich oft auch Rhythmische Lieder genannt) verwendet. S. und NGL sind Teilaspekte des weiten Feldes der „Christian Contemporary Music“, die – v. a. als Erscheinungsform des amerikanischen Protestantismus in all seinen (v. a. freikirchlichen) Ausprägungen – seit Ende der 1950er Jahre den europäischen Kontinent erobert haben. Die Vielfalt der Phänomene und die Weite des Gegenstands erlauben keine eindeutigen Definitionen, wohl aber kann eine Beschreibung wichtiger Aspekte versucht werden. Grundsätzlich zu unterscheiden ist ein Singen und Musizieren vom oder über den Glauben in Konzerten und bei Jugendtreffen von der Popmusik in der Liturgie. Diese auch den einzelnen Musikstücken oft deutlich innewohnende unterschiedliche Funktionalität verschwimmt im praktischen Gebrauch sehr häufig, unsachgemäßer Umgang mit Popmusik in der Liturgie ist bis heute (2005) eine Quelle von Konflikten. S. und NGL sind Ausdruck unterschiedlicher Musikgewohnheiten in Bezug auf „U-Musik“ der heutigen Kirchenbesucher bis zur Generation der etwas über 50-Jährigen. Was „in der Welt“ ab den 1960er Jahren musikalisch gerade „in“ war, wollten v. a. jüngere Christinnen und Christen zusammen mit ihren geistlichen Mentoren auch im Gottesdienst hören. Das war zunächst eine Frage der musikalischen Stile. Die Übernahme (und oft unglückliche Übersetzung) von Spirituals, Gospels, Folkloremusik (mit einem bedeutenden Anteil an israelischer Folklore), die Verwendung von Chanson, Schlager, Protestsong, Beat und Rock sind erste Spielarten, zu denen sich die evangelikalen „worshipsongs“ (evangelikale Erweckungslieder, im Deutschen missverständlich oft „Anbetungslieder“ genannt) dazugesellen, wie auch die von Jacques Berthier komponierten „Taizé-Gesänge“ (benannt nach dem von Roger Schutz gegründeten ökumenischen Kloster Taizé nahe Cluny/F) und Versatzstücke aus der russisch-orthodoxen Kirchenmusik. Hauptumschlagplätze dieser kirchenmusikalischen neuen Spielfelder wurden und sind die Katholikentage sowie die Evangelischen Kirchentage in Deutschland und Österreich. Experimentiert wird in der Kirche mit allem, auch mit Heavy Metall und Rap. Neben der musikalischen ist es auch die textliche Komponente, welche das NGL von herkömmlichen kirchenmusikalischen Schöpfungen des späten 20. Jh.s abhebt. Die Sprache der Liedtexte wird als „zeitnah“ empfunden, wenn sie an das Alltagsvokabular und auch an umgangssprachliche Ausdrucksformen angelehnt ist. Leitthemen neuer Lieder werden Frieden, Freiheit, (Bedrohung und Bewahrung der) Schöpfung, internationale Solidarität im Kampf gegen (soziale) Ungerechtigkeiten, politische Einmischung, Protest, feministische Gottesbilder, Umdeutung klassischer Theologien durch übertriebene Ausdrücke inklusive Sprache, „Ich-Themen“ junger Menschen, Beziehungsfragen, der „Bruder Jesus“. Ein weiteres Kennzeichen des NGL.s ist seine Regionalisierung. Das Repertoire besteht nach einer Anfangsphase in den 1960er Jahren v. a. aus regional verbreiteten Stücken, die im gesamten deutschen Sprachraum rezipierten Gesänge dieser Art sind nach einer neuen Statistik von Heinrich Riehm kaum zwei Dutzend. Ähnlich ist die Situation in Österreich, wo etwa zehn Lieder der letzten 40 Jahre bundesweit repräsentativ verbreitet sind (Die Herrlichkeit des Herrn [Kanon], Halleluja. Geht nicht auf in den Sorgen dieser Welt, Selig seid ihr, wenn ihr einfach lebt, Unser Leben sei ein Fest Jubilate Deo [Berthier], Nimm, o Herr, die Gaben die wir bringen, Ubi caritas et amor [Berthier], Vater unser [nach Nikolai Rimskij-Korsakow], Dass du mich einstimmen läßt in den Jubel, o Herr, Von guten Mächten treu und still umgeben).

Einen kräftigen Anfangsimpuls zur Verbreitung „neuer Lieder“ machten die Preisausschreiben der Evangelischen Akademie in Tutzing/D um 1960, das preisgekrönte Lied Danke für diesen guten Morgen (1960) von Martin Gotthard Schneider ist bis heute ein „Hit“ geblieben, auch in Österreich, wo in den 1960er Jahren die aus Spiritual-Arrangements zusammengestellten Liedreihen, die so genannten „Jazzmessen“, sich größter Popularität erfreuten, aber auch unter den etablierten Kirchenmusikern für heftige Kontroversen sorgten, die in der Zeitschrift Singende Kirche gut dokumentiert sind. Jazz auf anspruchsvollem Niveau boten Messkompositionen von E. Kleinschuster, H. Neuwirth und Heimo Smola, entstanden im Umkreis der Grazer Katholischen Hochschulgemeinde unter ihrem damaligen Studentenpfarrer und heutigen Bischof Egon Kapellari. Die Lieder zur Gitarre oder für die jugendliche Pfarrband wurden über engagierte Kapläne und diözesane Jugendstellen verbreitet, die mehr auf Aktualität als auf Qualität bei der Promotion ihrer Produkte geachtet haben. Erste erfolgreiche Liederbuchsammlungen (Kirchengesangbuch) waren Jericho (1970) von Karl Natiesta und Tom Runggaldier, Lobe den Herrn (1976) von P. Karl Maderna OFM und das Lob (1979) von Josef und Maria Mittermair. Erfolgreich waren in Vorarlberg das Liederbuch David (1974) und das Gemeindeliederbuch(2002), letzteres zeigt schon im Titel die mittlerweile vollzogene Integration des NGL.es in die katholische Liturgie. Als österreichische Liedermacher erreichten Aufmerksamkeit u. a. die Brüder Reischl (Graz), die mit ihren Bands White Stars und Regenbogen auch am Sektor des NGL.es erfolgreich waren. Im Franziskanischen Umfeld schrieben viele Lieder Michael Schlatzer OFM, Raimund Kraidl OFM, Roswitha Pendl und Hans Waltersdorfer. Der Religionspädagoge und Liedermacher M. Porsch organisierte die österreichische Zweigstelle des internationalen Vereins musica e vita, die als Verein 1987–99 existierte und mit der Veranstaltung Fest der Lieder und der Zeitschrift Musik und Leben ein größeres Publikum erreichte. In Wien wirkt die Liedermacherin Claudia Mitscha-Eibl.

Die offiziellen Kirchenmusikinstitutionen haben sich dem Phänomen NGL relativ spät angenommen. Die Österreichische Kirchenmusikkommission errichtete 1987 eine Fachkommission Neues geistliches Lied, die seither jährlich eine Werkwoche für NGL veranstaltet und einen sachgerechten Einsatz neuer Lieder im Gottesdienst fördert. Schwerpunktmäßig bilden NGL das Repertoire der zweiten Generation der diözesanen Anhänge zum Gemeindegesangbuch Gotteslob (1993–2003). Auch hier ist eine deutliche Regionalisierung des Repertoires zu beobachten.


Literatur
K. Ch. Thust, Das Kirchen-Lied der Gegenwart 1976; P. Bubmann, Sound zwischen Himmel und Erde 1990; K. B. Kropf in H. Musch (Hg.), Musik im Gottesdienst 2 (41994); P. Hahnen, Das „Neue Geistliche Lied“ als zeitgenössische Komponente christlicher Spiritualität 1998; H. Kurzke/A. Neuhaus (Hg.), Gotteslob-Revision 2003; R. Frank, Das Neue Geistliche Lied. Neue Impulse für die Kirchenmusik 2003; H. Riehm, Das Kirchenlied am Anfang des 21. Jh.s in den evangelischen und katholischen Gesangbüchern des dt. Sprachbereichs 2004.

Autor(en)
Franz Karl Praßl
Empfohlene Zitierweise
Franz Karl Praßl, Art. „Sacropop‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]