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Salonmusik
Musik im Salon (I), für den Salon (II) oder Musik, die satztechnisch und ausdrucksmäßig letzterer entspricht, ausschließlich zur Unterhaltung konzipiert war, aber auch außerhalb des Salons gespielt wurde (III). Letztere bildete eine der Grundlagen für die Unterhaltungsmusik in der Frühzeit des Radios (Rundfunk und Fernsehen).

(I) Die Auswahl von Gattung, Besetzung und Ausführung der musikalischen Darbietungen im Salon vollzog sich nach individuellem Geschmack und sozialem Status. So waren hier namhafte Interpretinnen und Interpreten ebenso anzutreffen wie leidenschaftliche Dilettanten oder Komponisten, die ihre neuesten Werke präsentierten (z. B. H. Wolf, der im Salon eines seiner Freunde noch in den 1890er Jahren seine neuesten Lieder vor geladenem Publikum präsentierte). Solange Salons existierten, wurde beliebige Musik zwanglos gespielt. Abgesehen von Adelssalons (Adelskapellen) ist etwa in Wien die Hochblüte der bürgerlichen Salonkultur erst in der 2. Hälfte des 19. Jh.s anzusetzen, nachdem die Stadterweiterung als bauliche Voraussetzung für prächtige Salons abgeschlossen war. Im 20. Jh. pflegten Musik liebende Familien zwar weiterhin Gastlichkeit mit Musik; allerdings ist diese Art privaten Musizierens eher der Hausmusik zuzuordnen. Das Ende der Salonkultur korreliert mit der Verbreitung der Massenmedien (Medien) und der Abnahme des Prestigewertes von Musik.

(II) Als Wurzeln der S. lassen sich drei Bereiche namhaft machen: Kunstmusik in simplifizierten Fassungen, aktuelle Tanzmusik und pädagogische Musikliteratur. In der Anfangszeit, ab dem 2. Viertel des 19. Jh.s, orientierte sich S. noch stark an berühmter Kunstmusik (z. B. an Klaviermusik eines Felix Mendelssohn Bartholdy, R. Schumann oder F. Chopin). Dann entwickelten sich allmählich alle für die frühe S. entscheidenden Charakteristika: Überschaubarkeit und Geschlossenheit des musikalischen Materials, wenig thematische Verarbeitung, Ausreizung des Klangraumes, Integration von Klangeffekten und virtuosen Momenten, bei rhythmischer Ausdifferenzierung und harmonisch reizvoller Gestaltung. Analog zur aktuellen Tanzmusik erhielt S. Titel, zunächst in Anlehnung an Gattungsbezeichnungen wie „Serenade“, „Idylle“, „Vortragsstück“, „Etüde“, später mit poetischen Assoziationen, oft mit sentimentalem Anklang. Stücke im Stil der J. Strauß-Dynastie erfreuten sich größter Beliebtheit, besonders wenn sie Zitate der Vorbilder enthielten.

Mit steigendem Prestigewert von Musik erhöhte sich der Bedarf an gut klingenden, repräsentativen Stücken mit geringem Schwierigkeitsgrad, da auch weniger begabte Personen am Musikleben partizipieren wollten. Deshalb fühlten sich oft Instrumentallehrer aufgerufen, neben Übungsstücken kleine Salonstücke zu komponieren und einzustudieren, um den Zöglingen rasch Gelegenheit zur Präsentation ihres Könnens zu geben. Daher fanden sich in den Novitäten-Ankündigungen der Musikzeitschriften zwischen 1860 und ca. 1880 immer wieder Hinweise auf die pädagogische Tätigkeit mancher Autoren von „Vortragsstücken“ mit Betonung der Eignung für den Salon. Da man Geläufigkeit schätzte, enthielten sie durchaus auch Läufe, Sprünge und Umspielungsfiguren, die Lehrwerken entnommen scheinen, wo sie zuerst trainiert wurden. Zudem produzierten Virtuosen eigene Stücke (etwa A. Grünfeld, Ungarische Fantasie op. 55) und bereicherten mit Romanzen, Serenaden, Konzertfantasien, Nocturnes (Notturno), Ouvertüren u. a. m. das Repertoire.

In den 1890er Jahren war S. durch internationale Überproduktion von eher wirtschaftlich orientierten Schöpfungen in Misskredit geraten. Gefällige Melodien, gestützt von Basstönen in der tiefsten Region und nachschlagenden Akkorden, charakterisierten nun den Stil, der fortan bestimmend blieb. Die Rubrik „S.“ verschwand in seriösen Musikzeitschriften, ernsthafte Komponisten vermieden es tunlichst, ihre Werke mit außermusikalischen Titeln oder Programmen zu versehen, da derartige Verfahren im Überfluss bei S. anzutreffen waren. Die Flut an Literatur, die international vertrieben wurde und Lokalkolorite zugunsten von allgemeinen Plattitüden in Titeln und Tonsprache häufig aussparte, markiert die Endzeit, die mit der Verbreitung von amerikanischer Unterhaltungsmusik via Tonträger erreicht war.

In der S. hatte stets das Klavier als Hauptinstrument dominiert, wiewohl Bearbeitungen für alle möglichen Besetzungen das Repertoire rasch auch anderen Instrumenten erschlossen. Ab der 2. Hälfte des 19. Jh.s orchestrierte man vermehrt beliebte S., um sie im öffentlichen Konzertbetrieb, in Wien v. a. auch im Kaffeehaus (Kaffeehausmusik, Kur und Sommerfrische), wirkungsvoll darbieten zu können. Bis zum Ende des 19. Jh.s hatte sich als optimale Besetzung für S. jene des Salonorchesters festgesetzt, das fortan von Verlagen durch spezielle Ausgaben berücksichtigt wurde: Aus der Direktionsstimme – zumeist für Klavier – war bereits eine gut klingende Möglichkeit der Orchestration ersichtlich. Individuelle Veränderungen in der Interpretation galten bei S. als Selbstverständlichkeit; die Idee des sakrosankten Kunst-Werks ist hier obsolet.

(III) In der Zwischenkriegszeit verlor die S. allmählich die Charakteristika des 19. Jh.s; v. a. Sentimentalität wurde durch Vitalität ersetzt, hervorgerufen durch Integration von „Jazz“-Elementen der amerikanischen Popularmusik. Auch in der Ausführung setzte man vermehrt auf „Jazz“-Ensembles mit Klavier. Die neuen Aufführungsorte waren nun Etablissements, Hotelbars, weiterhin Kaffeehäuser und auch Konzertsäle. Dass so manche europäisierte „Jazz-Nummer“ in Funktion und Spielbarkeit der S. nahe stand, lässt sich unschwer nachweisen (z. B. in dem Barlied von O. Geiger [* 1889 Budapest, † 1966 Wien] „Nur eine Nacht sollst du mir gehören“). Mit der Verbreitung des Rundfunks hatte die Salonkultur zwar ihr Ende gefunden, nicht aber die S., die in den Rundfunkprogrammen weiterhin präsent blieb und Teil der neuen Sparte „Unterhaltungsmusik“ wurde.

In Wien verschmolz zu dieser Zeit die S. mit dem Lokalkolorit des auch rein instrumental ausgeführten Wienerlieds und mit Operettennummern (z. B. B. Granichstaedtens „Da nehm’ ich meine kleine Zigarette“, 1925). Einige Komponisten von S. wirkten als Dirigenten (z. B. D. Ertl oder C. W. Drescher, der eine eigene Salonkapelle leitete und dafür Stücke schrieb). Zu nennen sind aus der Spätzeit der S. die Komponisten H. Frankowski, J. Hellmesberger d. J., O. Jascha, R. Kattnigg oder H. Kliment sen. Obwohl Vokalkompositionen landläufig nicht zu S. gezählt werden, erfüllen zahlreiche Lieder in der Zwischenkriegszeit dieselbe Funktion.

Während die S. des 19. Jh.s heute (2005) aus dem Unterhaltungs-Repertoire fast zur Gänze verschwunden ist, erfreut sich die der Zwischenkriegszeit, bestehend aus Operetten- und Tanznummern, Wienerliedern, Schlagern und Songs etwa ab 2000 wieder großer Beliebtheit bei Salonorchestern. Der Rückgriff auf derartige, indessen historische S. resultiert aus dem Mangel an instrumental auszuführender Popularmusik, die durch Digitalisierung und Konzentration auf Studioproduktion den Bezug zu konventioneller Musikausübung verloren hat.


Literatur
A. Ballstaedt/T. Widmaier, S. 1989; C. Dahlhaus (Hg.), Studien zur Trivialmusik des 19. Jh.s 1967; P. Gradenwitz, Literatur und Musik im geselligen Kreise. Geschmacksbildung, Gesprächsstoff und musikalische Unterhaltung in der bürgerlichen Salongesellschaft 1991; A. M. Hanson, Die zensurierte Muse – Musikleben im Wr. Biedermeier 1987; V. v. der Heyden-Rynsch, Europäische Salons. Höhepunkte einer versunkenen, weiblichen Kultur 1992; W. Salmen in Musikgesch. in Bildern IV/3 (1969); eigene Recherchen.

Autor(en)
Margareta Saary
Empfohlene Zitierweise
Margareta Saary, Art. „Salonmusik‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]