Logo ACDH-CH
OeML Schriftzug
Logo OeML
Logo Verlag

Strasser, Strasser, true Geschwister
Tiroler Nationalsänger (Alpensänger), aus Laimach (heute Gemeinde Hippach) im Zillertal/T gebürtig, Auftritte um 1830/35. Kinder von Laurentius St. (Lorenz, * 8.8.1755 Laimach, † 8.7.1827 Laimach, „Kramer“ und Bauer zu Laimach, lt. Familienbuch Hippach Haus Nr. 13, Oberweber) und dessen Frau Maria (geb. Fiechtl, * 19.1.1769 Ried im Zillertal/T, † vor 1827 [Ort?], verehelicht 9.1.1792 Laimach), Enkel von Andreas St. und Maria (geb. Pfister, aus Laimach, verehelicht 25.9.1754) sowie von Michael Fiechtl und Ursula (geb. Prosch, aus Ried im Zillertal/T). Laurentius war das erste Kind von Andreas und Maria St., er hatte 13 Geschwister (geb. zw. 1757/78).

Die vier als Sänger belegten Kinder von Laurentius und Maria St. (s. Abb. auf S. 1 der Druckausg. von Vier ächte Tyroler-Lieder […], Dresden: August Robert Friese [1833], Plattennr. 81 [https://opac.rism.info/search?id=650014555]): Anna (* 12.6.1802 Laimach, † ?; auf Abb./Druck ausg. „[N]Anderl“), Josef [II] (* 20.8.1807 Laimach, † ?), Amalie (* 30.3.1809 Laimach, † 1.5.1835 Leipzig/D), Caroline (* 9.5.1813 Laimach, † ?). Weitere Geschwister waren: Simon (* 20.10.1792 Laimach, † ?); Ferdinand Alexander (* 28.10.1794 Laimach, † 1.9.1831 Königsberg/Preußen [Kaliningrad/RUS]; lt. Taufbuch Hippach), verehelicht 9.9.1816 mit Elisabeth Geis(s)ler (Tochter von Paul Geis(s)ler und Magdalena geb. Kolland, Bauersleute in Laimach, Hausname: Loacher), „Handschuhhändler zu Grüner in Laimach“, F. A. und Elisabeth waren die Eltern von Max Josef St. (* 21.12.1817 Laimach, † ?) und Johann (Evangelist) St. (* 17.11.1819 Laimach, † nach 1860 [Ort?]); Alois (* 19.5.1796 Laimach, † ?); Maria (* 17.5.1798 Laimach, † ?); Josef [I] (* 25.3.1800 Laimach, † 22.7.1800 Laimach); Elisabeth (* 2.5.1804 Laimach, † ?); Maximilian (* 21.7.1806 Laimach, † 4.8.1806 Laimach); Maria Theresia (* 24.1.1811 Laimach, † ?).

Den Geschwistern St. kommt unter den vielen Tiroler Nationalsängergruppen besondere Bedeutung zu, weil sie das Lied Stille Nacht, vom Orgelbauer K. Mauracher aus Kapfing/T ca. 1820 aus Oberndorf/Sb ins Zillertal gebracht, als Erste nachhaltig im deutschen Sprachraum verbreiteten und es dadurch zum populären „Tiroler Weihnachtslied“ werden ließen (vgl. z. B. Abschrift von 1849 in A-ST Mus.ms. 198 [https://opac.rism.info/search?id=650004799]). Im Dezember 1831 boten die Geschwister St. auf der Leipziger „Messe“ am „Markt“ der „kgl. sächsischen Porzellan-Niederlage gegenüber“ (Leipziger Tagebl. u. Anzeiger 29.12.1831, 1754) Handschuhe, Haushalts- u. Leibwäsche feil. Vermutlich gaben sie auch damals bereits – zum Anlocken von Käufern – gefällige Tiroler Lieder zum Besten, einschließlich Stille Nacht. Belegt ist, dass sie es am 15.12.1832 in einem Konzert zu Leipzig im „Saale des Hôtel de Pologne“ sangen (Hainstraße, heute Veranstaltungszentrum). In diesem Konzert soll der damals zu Dresden/D tätige Verleger August Robert Friese (1805–48) als Zuhörer anwesend gewesen sein. So wäre es naheliegend, dass er aufgrund des Konzerterfolges die Vier ächten Tyroler-Lieder schon 1833 publizierte, als Nr. 4 darin Stille Nacht. Drei Lieder der Ausgabe inkl. Stille Nacht sind in C-Dur gedruckt, eines in G-Dur, dadurch für jedermann einfach zu lesen, nachzusingen und am Klavier zu spielen; es ist aber durchaus fraglich, ob die nach Gehör singenden Geschwister St. ausschließlich in diesen Tonarten intonierten. Die große Publikumswirksamkeit der St.-Lieder zeigt sich in einer weiteren Ausgabe dieser vier Lieder, die Friese vorlegte „für eine Singstimme mit Begleitung des Pianoforte oder der Guitarre“, jetzt unter der Plattennr. 118, wiederum ohne Jahr, doch mit Verlagsort „Dresden und Leipzig“. Da Friese mit seinem Unternehmen 1834 von Dresden nach Leipzig übersiedelt war, kann diese Edition („Guitarren-Begleitung“ von Franz Ullrich) frühestens 1834 erschienen sein (beide Ausgaben in D-B, Signatur N.Mus.O. 829 bzw. Tappert V.143, mit beiliegendem, noch nicht erschlossenem Quellenmaterial wie Briefen und Zeitungsartikeln, Mitt. v. Marina Schieke-Gordienko/D-B, 1.10.2015).

Ob der Organist Franz Alscher (* 1790 Berzdorf/Böhmen [Pertoltice/CZ]), an der katholischen Kirche zu Leipzig angestellt seit 1828 (AmZ 17.12.1834, Sp. 855), die Geschwister St. in Leipzig schon 1831 oder erst 1832 hörte und unmittelbar darauf ihre Darbietung von Stille Nacht zu Weihnachten in der Kapelle der Pleißenburg zu Leipzig initiierte, ist offen. Soweit Details von Konzertauftritten der Geschwister bekannt sind, brachten diese ihre Lieder im Rahmen bunter Programme, abwechselnd mit unterhaltsamen Werken klassischer Musik, die jeweils verschiedene Künstler vortrugen (vgl. z. B. Konzertprogramm Hôtel de Pologne, Leipzig 11.10.1834, Original im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Strasser_Programm.jpg).

Bereits am 19.1.1832 waren die Geschwister im Gewandhaus Leipzig aufgefallen, als sie dort in einem Konzert mit Musik von Gaspare Spontini und G. Rossini eine Pauseneinlage mit „Tyroler National-Liedern“ gaben, unter „stürmischem Beifall“. Für Mai 1834 ist in Berlin bezeugt, dass sie sich „in den öffentlichen Gärten“, also im Tiergarten, „producirten“. Im Konzert vom 16.2.1835, im „Saal des Hôtel de Pologne“, erklangen die Lieder der Geschwister St. u. a. zwischen Ouvertüren von W. A. Mozart und Ignaz Fränzl oder dem Walzer op. 71 von J. Strauss Vater. Der Programmzettel hierzu (Abb. s. Reiter 2014, 188) belegt eine organisierte Subskription von Eintrittskarten, nämlich bei „den Buch- und Musikalienhandlungen der Herren Arnold, am Altmarkt, und Winkler, in der Neustadt“. Zwar ist auf der Quelle keine Stadt erwähnt, doch indizieren die beiden genannten Vorverkaufsstellen nun das Dresdener Hôtel de Pologne als Veranstaltungsort, im Gegensatz zum Leipziger Programm vom 11.10.1834, wo „Billets“ in der „Musikalien-Handlung der Herren Probst-Kistner“, also in Leipzig, erhältlich waren. Der bald nach diesem Konzert erfolgte Tod der erst 26-jährigen Amalie St., die sich „mit ihren Geschwistern“ zu „Handelsgeschäften“ wieder in Leipzig befand und an „Nervenfieber“ (Sterbebuch Hippach/Eintrag für Tod in Leipzig) gelitten hatte, dürfte dem öffentlichen Singen des Quartetts ein Ende gesetzt haben. In der Presse werden 1832 u. a. der „meisterhafte“ Gesang der Geschwister St. gerühmt, die „richtige Verteilung der Stimmen, Sicherheit und Reinheit“, dass sie es verstanden, „die eigentümlichen Schönheiten des Alpengesanges zu veranschaulichen“. Auch werden die Erscheinung der Gruppe und ihr Status als Musiker kommentiert: „die drei liebenswürdigen Töchter und ein Sohn der Familie St. […] (Kaufleute, nicht Sänger von Profession)“ (Leipziger Tagebl. 17.12.1832 bzw. AmZ 1.2.1832).

Bisher steht eine wissenschaftliche Dokumentation der Geschwister bzw. Familie St. mit umfassender Quellensichtung und -kritik aus. Der Mythos der St.-Sänger wurde zuletzt in einem Theaterstück, erstmals aufgeführt 2010 in Mayrhofen/T und 2012 in einer Film-„Dokumentation“ von Kurt Reindl und Hans-Peter Stauber aufgegriffen, beides unter dem Titel Stille Nacht. Die wahre Geschichte (Sendung ServusTV, 20.12.2013, Filmkopie in A-Itva).

Repertoire der Geschwister St. (Liste erstellt laut Leipziger Tagebl. (LT) 14.12.1832, Konzertprogramm Leipzig (L) 11.10.1834 und Dresden (D) 16.2.1835): Stille Nacht heilige Nacht (lt. Druckausg. 1833 gegenüber der Urfassung von 1818 mit kleinen Varianten in der Melodie, nur drei Textstrophen und vierstimmigem Vokalsatz); Der Frohsinn auf der Alpe (D 1835), Frühlings-Lied („Tyroler Volkslied“, L 1834), Der Gruß auf der Alp (L 1834), Der Gemsenjäger (L 1834, D 1835), Der Hans mit den blauen Augen (LT 1832, L 1834, D 1835), Das herzige Schatzl mit dem Strauß (LT 1832), Das Herzl (L 1834), Der Kuhreigen („Alpenlied“, LT 1832), Ein lustiges Nationallied mit dem Tuxthaler Jodler (LT 1832), Nationallied mit dem Tuxthaler Jodler (L 1834), Die Rückkehr in die Heimat (LT 1832), Der Schnee („Alpenlied“, LT 1832), Der Tuxthaler Jodler (D 1835), Der Ustig (Frühling) (L 1834, D 1835), Das Vogerl im Tannenbaum („Tyroler Volkslied“, L 1834, D 1835).


Gedenkstätten
St.-Häusl, Laimach 129 (s. Abb., Bauernhaus aus dem 18. Jh., kleines Heimatmuseum, ehemaliger Wohnsitz der Familie St.; derzeit (2015) im Eigentum und renoviert von Rosi Kraft, Ramsau im Zillertal/T.
Tondokumente
TD: Stille Nacht (St.-Fassung) auf den CDs Musik aus Stift Stams XXIV (Innsbruck, Institut für Tiroler Musikforschung 2008), Klingende Kostbarkeiten aus Tirol 90 (Innsbruck, Institut für Tiroler Musikforschung 2013).
Literatur
Leipziger Tagebl. und Anzeiger 29.12.1831, 1754 [Anzeige: Verkauf durch „Geschwister St.“ auf „hiesiger Messe“ in „Bude auf dem Markte“: Handschuhe, Haus- u. Leibwäsche]; 12.12.1832, 1849 [„Concert-Anzeige“ f. 15.12.1832 im Hôtel de Pologne, Leipzig]; 13.12.1832, 1863 [„Concert-Anzeige“ f. 15.12.1832 im Hôtel de Pologne, Leipzig, Wortlaut identisch mit 13.12.1832]; 14.12.1832, 1879 [„Concert-Anzeige“ f. 15.12.1832 im Hôtel de Pologne, Leipzig, jetzt mit Programmfolge]; 15.12.1832, 1898 [„Concert-Anzeige“ f. 15.12.1832 im Hôtel de Pologne, Leipzig, Wortlaut vom 13.12.1832 aktualisiert]; 15.12.1832, 1911, 2. Beilage [Leserwunsch (?), die Geschwister Strasser mögen Stille Nacht im Konzert darbieten]; 17.12.1832, 1927f [Bericht über Leipziger Konzert vom 15.12.1832]; 1.2.1832, Sp. 78 [Bericht zu Auftritt der St.-Sänger 19.1.1832 im Gewandhaus Leipzig, Einlage in Konzertpause]; O. F. Gensichen in Innsbrucker Nachrichten 24.12.1900; M. Hahn in Allgemeiner Tiroler Anzeiger 22.12.1911; E. Tb. in Neue Zürcher Ztg. 25.12.1951; Anonymus in Tiroler Heimatbll. 31 (1956) [online: www.sagen.at/doku/div/Stille_Nacht_Zillertal.html]; E. Koschak, „Stille Nacht, heilige Nacht“ o. J. [ca. 1957?]; J. Gassner in Salzburger Museum Carolino Augusteum, Jahresschrift 1957, 1958; C. Richter in Post. Zs. f. den fortschrittlichen Unitas-Kaufmann H. 12/62–1/63 (Dez. 1962–Jänner 1963); J. Gassner in A. Schmaus/L. Kriss-Rettenbeck (Hg.), Stille Nacht Heilige Nacht 1968; M. Gehmacher, Stille Nacht, heilige Nacht! 31968; M. Schneider in [Kat.] Ein Kind ist uns geboren ein Sohn ist uns geschenkt 1985 [online: http://musikgeschichten.musikland-tirol.at/content/musikintirol/info/stille-nacht-und-tirol.html]; M. Reiter, Die Zillertaler Nationalsänger im 19. Jahrhundert [1989]; Beiträge von H. Fritz, Th. Hochradner und H. Keller in Th. Hochradner/G. Walterskirchen (Hg.), [Kgr.-Ber.] 175 Jahre „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ 1994; M. Reiter, Stille Nacht! Heilige Nacht! Von Salzburg ins Zillertal – vom Zillertal in alle Welt 2004; M. Reiter in E. Aschenwald/M. Reiter, Mit Hooo-Ruck um die Welt 2014; Tiroler Tagesztg. 24.12.2014, 39 [mit Hinweis auf TV-„Dokumentation“ und Foto der St.-Darsteller im Film]; http://cdeditionen.musikland-tirol.at/content/cd-editionen-2008/musik-aus-stift-stams-xxiv.html (10/2015); http://cdeditionen.musikland-tirol.at/content/cd-editionen-2013/klingende-kostbarkeiten-2.html (10/2015); Tiroler Landesarchiv Innsbruck (Tauf-, Trau- und Sterbebücher Hippach, Familienbuch Laimach).

Autor(en)
Hildegard Herrmann-Schneider
Empfohlene Zitierweise
Hildegard Herrmann-Schneider, Art. „Strasser, Geschwister‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 11/11/2015]