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Telfs
Marktgemeinde in Tirol im Bezirk Innsbruck-Land, ca. 30 km westlich von Innsbruck, ca. 15.000 Einwohner. Die Weiheurkunde der (Pfarr- und Dekanats-) Kirche St. Peter und Paul ist mit 1113 datiert, der Ort „Telves“ 1175 erstmals urkundlich erwähnt.

Musik in T. ist zu einem großen Teil funktionsgebunden. So brachte der Schulmeister von T. 1550 ein Spiel von der Geburt Christi zur Aufführung, wohl mit Gesang begleitet. Die sog. T.er Passion (Das große Opfer auf Golgotha, Text vom „Chyrurgus“ Josef Böck, 1811, Handschrift im Heimatmuseum Noaflhaus, T.) kam 1812 erstmals auf die (Freilicht-)Bühne, mit „musikalischen Rollen“ und „musikalischen Zwischenakten“ (Thaler 1955, 312). 1814 wurde sie unter dem neuen Titel Die Schule des Kreuzes dargeboten, in einer Textbearbeitung und mit Musik von W. Lechleitner (Libretto: Innsbruck, Wagner 1814, Exemplar in A-Imf Dip. 310/VI). Die Kirchenmusik bestimmte lange Zeit die Telfer (nicht Telfser, möglicherweise zur klareren Unterscheidung von Telfes im Stubaital/T [Telfeser]) Musikerfamilie Kircher, nämlich Franz Kircher (1795–1882) sowie dessen Söhne Peter (1836–1910) und Alois (1842–1904), die – alle in T. geboren und verstorben – hier als Schullehrer, Organist, Chorregent, Kapellmeister, Mesner wirkten. Ein von ihnen gesammelter Notenbestand, der Einblick in das einstige Telfer Musikleben gewährt, wird seit 2012 in A-Imf verwahrt. Die früher an der Franziskanerkirche T. (St. Maria) gebrauchten Musikalien befinden sich heute in A-HALf (Bestand A-TELf). Von den vielen fähigen Musikern und Komponisten des Franziskanerordens, die in T. das Organistenamt ausübten, seien exemplarisch P. M. Hauser und P. G. Zahlfleisch erwähnt. An der 2002 geweihten Heilig-Geist-Kirche hat sich die Singgemeinschaft Canto Santo Spirito etabliert. Seit 1983 besteht der Liederkreis St. Georgen, um an der 1974 erbauten, ebenfalls katholischen Kirche St. Georgen die Liturgie musikalisch zu gestalten.

In der Pfarrkirche T., die 1987 mit einer Pirchner-Orgel ausgestattet wurde, erklingen noch gegenwärtig (2016) zur Feier des Sebastianitags am 20. Januar das Sebastianilied „Heiliger Sebastian höre unser Loblied an“, komponiert von Lorenz Former (ca. 1850 Lehrer, damit wahrscheinlich auch Organist in T.) und der sog. Telfer Segen, ein Tantum ergo in B-Dur von P. Kircher (siehe https://opac.rism.info/search?id=650014849, https://opac.rism.info/search?id=650014850, https://opac.rism.info/search?id=650014852). Außer den Quellen zum Sebastianilied und Telfer Segen birgt das Musikarchiv von St. Peter und Paul im Wesentlichen nur mehr den Geist des Cäcilianismus widerspiegelnde Musikdrucke des späten 19. und beginnenden 20. Jh.s.

In der 1998 eröffneten Eyüp-Sultan-Moschee T., zu der 2006 ein Minarett gebaut wurde, spielt Musik keine Rolle. Der fünfmalige Gebetsruf täglich erfolgt im Inneren der Räumlichkeiten durch wechselnde, eben anwesende Personen, es ist kein professioneller Muezzin im Einsatz (Stand 2016).

In den 1750er Jahren hatte der Telfer Kooperator Andreas Walter dafür gesorgt, dass der Kirchenchor von St. Peter und Paul durch eine Instrumentalbegleitung mit Blechbläsern und Pauken verstärkt wurde. In diesem Faktum sieht die Musikkapelle T. ihre Anfänge als regelmäßig in Erscheinung tretender Klangkörper. Ab 1899 firmierte sie als Feuerwehrmusikkapelle. Sie tauschte 1956 ihren früheren Namen Bürgermusik gegen Marktmusikkapelle T. ein. 1927 hatte sich von diesem wichtigen Telfer Kulturträger die Arbeiter-Musikkapelle (Arbeiter-Musikbewegung) abgespalten.

Kleingruppen der Musikkapelle T. gestalten zentrale musikalische Elemente im Kontext des aufwändigen Telfer Fasnachtsbrauchs (Fastnachtspiel) Schleicherlaufen: Aus ihr rekrutieren sich die Formationen Musibanda und Laningermusig, Herolde blasen Fanfaren, es wird aufgespielt zum Tanz der Pferde und der Schleicher, den mit Schellen behängten Hauptgestalten dieses Brauchs. Ein „Schleicherhorn“, eine Holztrompete aus der Zeit vor 1900, konnte Manfred Schneider noch 1976 in T. dingfest machen (Abb. siehe Tafel 1 bei Schneider 1978, nach 84). Die Bären beim Schleicherlaufen Schleicherlaufen werden von Trommlern begleitet. Die seit dem Jahr 2000 beteiligtenSoafnsieder geben ein eigenes Lied zum Besten („Ja alle Soafnsiader holla rie holla ro“, Text: Klaus Hechenberger, Melodie: Peter Reitmeir, T.), der 1879 gegründete Männergesangverein „Liederkranz“ T. repräsentiert die Figuren der Vogler. Zu den Laien-Musiziervereinigungen gehörte in T. um 1875 ein Zitherklub , das Orchester T. tritt seit 1902 regelmäßig auf.

Musikalischer Nachwuchs wurde in einer 1937 gegründeten Harmonikaschule gefördert, ab 1945 in einer allgemeinen MSch. Im Rahmen der Volkshochschule entstand 1961 unter Hauptschuldirektor Richard Klocker eine öffentliche MSch., die im Ausbildungsniveau und Umfang kontinuierlich wuchs. Infolgedessen stellt sie seit 1993 als „Musikschule Region T. und Umgebung“ einen Mittelpunkt breit gestreuter musikalischer Aktivitäten für die umliegenden Gemeinden dar, sowohl in pädagogischer Hinsicht als auch mit Konzertveranstaltungen. Zum Regelunterricht kommen Seminare für bereits fortgeschrittene Musiker mit namhaften Gastdozenten, im Sommer 2016 etwa die zum 27. Mal abgehaltenen Internationalen Horntage T. 1995 nahmen die Konzerte insbesondere mit Klavierabenden junger Interpreten in der „Villa Schindler“ ihren Anfang, eine Initiative von Annemarie Fisch-Schindler, die durch die Übereignung ihres Ansitzes an die Marktgemeinde T. 2014/15 die Musikförderung zu einem kulturpolitischen Auftrag für die Gemeinde machte. Im Telfer Ortsteil Mösern wurde 1997 an einem Aussichtspunkt über das Oberinntal die Friedensglocke als größte freiaufgehängte Glocke des Alpenraums errichtet, zum 25-jährigen Bestandsjubiläum der 1972 in Mösern gegründeten Arge Alp. Den Entwurf lieferte der Tiroler Architekt Hubert Prachensky, den Guss die Glockengießerei Grassmayr in Innsbruck.

T. war der Geburtsort von A. Forer; A. Schlögl und J. Schöpfer starben hier. F. Schreyer wirkte als Lehrer und Musiker in T., M. Nagiller und N. Wallner waren zeitweise im Telfer Schuldienst tätig.


Tondokumente
TD: versch.e Telfer Vokal- und Instrumentalensembles auf Musikkassette, „Beigabe“ zu T. Porträt einer Tiroler Marktgemeinde in Texten und Bildern, hg. v. Marktgemeinde T. 1988 (mit Sebastianilied und Telfer Segen).
Literatur
W. Thaler in Heimatbuch von T., Pfaffenhofen, Oberhofen und Rietz im Oberinntal, hg. v. Marktgemeinde T. 1955; M. Schneider in W. Deutsch/M. Schneider (Hg.), Beiträge zur Volksmusik in Tirol 1978; [Fs.] 100 Jahre Männerchor T., hg. v. MGV Liederkranz T. 1979; B. Neumann, Geistliches Schauspiel im Zeugnis der Zeit 1987; W. Thaler in T. Porträt einer Tiroler Marktgemeinde in Texten und Bildern, hg. v. Marktgemeinde T. 2 (1988); H. Lindler (Hg.), Blasmusik in Tirol 1991, 221; W. Hoffmann in K. Drexel/M. Fink (Hg.), Musikgesch. Tirols 2 (2004); Beiträge v. Ch. Federspiel-Heger, G. Köfler , W. Rosenberger(2) in K. Drexel/M. Fink (Hg.), Musikgesch. Tirols 3 (2008); Th. Nußbaumer, Von Schellern, Mullern, Wudelen, Wampelern und ihren Artgenossen 2010; A. Holzmann in Wissenschaftliches Jb. der Tiroler Landesmuseen 2015; Tageszeitungen und Periodika (Tiroler Tagesztg., Tirol aktuell West, Blickpunkt T.-Imst, Blickpunkt Innsbruck Land, Fliegende Bll. f. katholische Kirchenmusik); www.telfs.at (4/2016); www.mk-telfs.at (4/2016); www.schleicherlaufen.at (4/2016); www.meinbezirk.at/telfs (4/2016); www.soafnsiader.at/liedtext.html (4/2016); www.telfs.com/noafl/museum (4/2016); www.musikschuletelfs.at (4/2016); https://de.wikipedia.org (7/2016); Mitt. Güven Tekcan; eigene Recherchen im Musikarchiv der Pfarre St. Peter und Paul in T.

Autor(en)
Hildegard Herrmann-Schneider
Empfohlene Zitierweise
Hildegard Herrmann-Schneider, Art. „Telfs‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 28/07/2016]