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Video-Kunst
Einsatz von Video-Technik als eigenständige Kunstform. Weil er Musiker sei, mache er V.-K., sagte Nam June Paik (* 1932 in Seoul, † 2006 Miami/USA). Die serielle Musik als nicht nur durch logische (mathematische) Operationen geregelte, sondern durch wechselseitige Spannungssteuerung von klangerzeugenden und -modulierenden technischen Geräten in der elektronischen Musik erprobte Klang- und Strukturgenese waren die Vorbilder für die non-narrative Gestaltung des Videos. In der Parallele zum Audiosynthesizer, somit der Übertragung musikalischer Gestaltung auf das dynamisierte elektronische Bild, lag die Innovation der Erfindung des Abe-Videosynthesizers: Aufgrund der technischen Machbarkeit war nicht nur die völlig willkürliche Gestaltung des Klanges aus seinen einfachsten Elementen möglich, sondern auch des Videobildes aus der (Ab-)Lenkung des Kathodenstrahls.

Im Umfeld des Happenings entstand eine inhaltliche Codierung der V.-K. als performative Kunst mit pop-naher Gegenhaltung. Das Video wurde integriert in aufklärerische Körper-Aktionen.

Die Verschränkung von Real-Bild und Echtzeit-Video-Bild gab die Möglichkeit der didaktischen Ausstellung der Wirklichkeitsverzerrung durch den elektronischen Wahrnehmungs-Ausschnitt und dadurch Einblick in die Wirklichkeitskonstruktion – Video gilt als Extension der (visuellen) Wahrnehmung und darin als künstlerischer Beleg konstruktivistischer Sicht der Welt durch Wahrnehmung und technische (Massen-)Medien.

Gemeinsam mit P. Weibel arbeitete Valie Export (* 1940 Linz, lebt in Wien und Köln/D) in der Frühzeit der Medienkunst an der Erfahrbarmachung der Wahrnehmungslenkung und Wirklichkeitskonstruktion durch das elektronische Bild. Sie stellte auch die kulturelle Konstruktion der Frau und ihres Körpers in das Zentrum von künstlerisch inszenierten medialen Erlebensweisen und demaskierte die Massen-Medienwelt als eine voyeuristische Männerwelt. Im Verein mit einer zunehmend in der medialen Öffentlichkeit agierenden und damit zu einer politischen Kraft werdenden Frauenbewegung haben Frauen diese neuen wirklichkeitsbildenden Territorien übernommen – performative V.-K. gilt als Domäne der Frauen.

Zusätzlich zur Übertragung von seriellen Techniken auf die Gestaltung von Videos ist die körperliche Aktion/Interaktion mit Medien in einer Echt-Zeit-Situation als Instrumentarisierung des Körpers (mit kommunikativen Aspekten) am Modell des musizierenden Verhaltens (im Kollektiv) orientiert – Polyphonie sei die Objektivation des Wir, hat Th. W. Adorno (1947) zuvor erkannt. Kollektive und kollektivierende Gestaltung von und durch Ton und Bild sei die Realisierung des Wir in der Net-Art. Interaktions-, Body- und Performance-Kunst, also körperlich kommunizierende Ausdrucksformen, vermischen sich mit technologischen Medien zur Kommunikations-Kunst.

Methoden der spannungsgesteuerten Verarbeitung von technischen Signalen auf der Basis ihres psychologischen Spannungs-Lösungs-Wertes sind musikalische Verarbeitungstechniken, die als gestaltende Effekte in die non-narrativen Musikvideos eingehen. Sie finden ihre Vorfahren in der visuellen Musik Oskar Fischingers (* 1900 Gelnhausen/D, † 1967 Hollywood/USA), der intermedialen Transposition musikalischer Gestaltung auf die visuelle, im abstrakten Film Kurt Krens (* 1929 Wien, † 1998 Wien), der Entmediatisierung narrativer Elemente durch die Dekonstruktion des Handlungsablaufs und in der seriellen Gestaltung von Klang und Bild aus einem gemeinsamen elektronischen Signal bei N. J. Paik. Diese Pioniere der V.-K. organisierten formale Aspekte nach dem Erregungswert struktureller Elemente, explizit dem Modell der Musik entlehnt.

Realtime Interaktion und parallele Gestaltung bedeutungsneutraler Reize finden ihre Fortführung in der vernetzten Kunst des Common Digit, weiter im multisensorischen Environment des Alltags von Discos (DJ). Die entsprechenden Avantgarden wurden auch in Österreich erarbeitet: Granular Synthesis (Kurt Hentschläger [* 1960 Linz, lebt in New York/USA], Ulf Langheinrich [* 1960 Wolfen/D, lebt in Wien]) gilt als die Urformation der Gestaltung des Common Digit nach High Intensities, ReMi (Renate Oblak [* 1972 Villach/K, lebt in Graz], Michael Pinter [* 1969 Graz, lebt in Graz, Zeist/NL und Berlin]) arbeiten ebenfalls international an diesem minimalistischen Kompositionsprinzip von Bild und Ton.

Dynamisierung und Formalisierung auf dem Level von hohen Intensitäten der Reize sowie Dichte der Reizabfolgen paralleler Klang- und Bildstimuli führen eine im multimedialen Denken verhaftete Kunst in die Welt synästhetischer Vorstellung und multisensorischer Erfahrung zurück, in der nicht ein kausal chronologisch imaginierter Handlungsablauf, sondern in der Hedonismus als interne Steuerungskraft einer absoluten Form-Kunst gilt, als welche auch Musik betrachtbar ist. Die V.-K. ist ein markanter Schritt am Weg der Musikalisierung der bildenden Künste im Laufe des 20. Jh.s.


Literatur
Th. W. Adorno/H. Eisler, Composing for the films 1947; V. u. G. Body, Video in Kunst u. Alltag. Vom kommerziellen zum kulturellen Videoclip 1986; V. Body/P. Weibel, Clip, Klapp, Bum. Von der visuellen Musik zum Musikvideo. 1987; Beiträge v. H. Herbst u. T. Mank in H. Gehr (Hg.), [Kat.] Sound & Vision? Musikvideo u. Filmkunst 1993.

Autor(en)
Werner Jauk
Empfohlene Zitierweise
Werner Jauk, Art. „Video-Kunst‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 15.5.2006]