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Villach
Römisch bilachinium, mittelalterlich Villa, pons Uillah, Filac, spätmittelalterlich Villacum, zweitgrößte Stadt Kärntens, am Schnittpunkt wichtiger Handelsmagistralen (Italien-Deutschland, Ungarn-Tirol) und (seit 811) an der Missionsgrenze Salzburg-Aquileja gelegen. In römischen Militärlagern der Provinz Noricum starke Berührung mit spätantiker Musik. Durch erste Missionierungen (Baiern, Slawen, Carantaner) entwickelte sich das junge Christentum (frühchristliche Musik) unter verschiedenen liturgisch-idiomatischen und ethnischen Einflüssen. Erste Benediktinerklöster nahe V. waren Ossiach 1028 und Arnoldstein 1062?, besiedelt aus süddeutschen Stiften. Älteste Tondenkmäler sind u. a. die „Arnoldsteiner“ Fragmente, liturgische Handschriften für den Messgebrauch (11.–13. Jh.) mit linienlosen Neumen deutscher Herkunft oder „Doppelnotierungen“ (Neumen + Quadratnotation) südwestlicher Provenienz, wobei „einer Kärntner Entstehung nichts widerspricht“ (Malloth). V. selbst verfügte im Spätmittelalter über ein vollentwickeltes Schulwesen, zumal eine leistungsfähige Lateinschule, die europäische Univ.en mit Nachwuchs versorgte. Lateinische, deutsche und private Schulen waren dem Kirchendienst verpflichtet, präzisere Angaben finden sich erst im Itinerario des bischöflichen Sekretärs Paolo Santonino 1486: er erlebte in der Jakobskirche mehrstimmige Messen („unam in cantu optime celebratam“), bemerkte Mess- und Gesangsbücher „in magna copia“, eine wohlklingende Orgel sowie 5 Glocken „sonum congruum habentes“. Scholasticus, Kantor und Succentor unterwiesen „multos pueros“ im Gesang, um einen „chorus angelicus“ zu formen. Spätmittelalterliche Orgelkunst in Kärnten spiegelt sich in einer (deutschen) Orgel-Tabulatur mit internationalem Repertoire wider, gleich wie ein Orgelbauauftrag 1496 an den V.er Minoritenguardian Gregor für Maria Saal/K. Bezeugt sind auch (tragbare) Positive; noch 1726 wurden Orgelträger beim Bau der Hl. Kreuzkirche entlohnt, ein V.er Positiv gelangte als Geschenk 1632 in die Reichenau/D.

Die Reformation setzte sich trotz der Herrschaftsverhältnisse (V. war ab 1007 bambergisch) rasch durch, Mischriten nach alter und „newer leer“ gab es bis zur Jh.-Mitte. Nur spärliche Zeugnisse finden sich für die Musikübung („Singgelt“ für Schulmeister, Teutsche Lytaney im Hauser-Katechismus). Nachweisbar ist der Stand der Thurner und Stadtgeiger, die wohl auch am Kirchenchor gedient haben. Demgegenüber hatten „Geiger, Lautenschlager, Pfeifer, Leyrer“ dem „stattrichter“ zu bezahlen (Stadtrechtsbuch 1584). Die Gegenreformation ordnete die Kirchenmusik neu, forderte „fridliches“ Verhalten, „gleichstimmigen“ Gesang und ein solides „Fundamentum“. Belegt ist eine lange Reihe von Schulmeistern, Kantoren, Organisten und Musikern, die auf Violine, Posaune und Zink Kirchendienste leisteten. Musik ist vom Chormeister Philipp Rättich erhalten: Weihnachtsarien für Solostimme, Instrumente und Orgel (1697). Ein Musikalieninventar liegt aus 1626 vor mit internationalem Repertoire niederländischer, italienischer und deutscher Herkunft. „Volksmusikalisches“ widerfuhr dem Reisenden Julius Heinrich Gottlieb Schlegel abendlich „in jedem Gasthof“, die Geigenbauerfamilie Arrich im nahen Pöckau/K verfertigte billige Geigen, „Scolastici“ und Kostknaben sangen „gewisse täg vor den heusern“ oder brachten Reime zu Neujahr. Mechanismen volkstümlicher Überlieferung wurden in „Verbotszeiten“ auch am evangelischen Kirchenlied wirksam. Eine V.er Meistersingschule ist nicht bekannt, doch hat J. Zehenthoffer „Villacensis“ maßgeblich als Dichter und protestantischer „Bekenner“ an der Straßburger Schule gewirkt.

Im 19. Jh. waren die bürgerlichen Sehnsüchte auf die Etablierung eines „förmlichen stehenden“ Theaters gerichtet, das auf private Kosten 1843 im Militär-Backhaus entstand und schon im „Winterkurs 42/43“ 70 Vorstellungen gab: zeitübliche Zauberpossen (Zauberspiel), Volksmärchen, in späteren Jahren auch Operetten (F. v. Suppè, J. Offenbach, C. Millöcker). Für die Musik, Zwischenakte und Maskenbälle sind Gastorchester und Dilettanten belegt. Ab 1930 diente das Theater nur mehr als Filmtheater bis zum Abbruch 1948. Ab 1855 wurden vermehrt Gesangvereine gegründet (Männergesangverein, Handelssängerbund, MGV Edelweiss, Arbeitersängerbund u. a.), mit deren Hilfe es zu großen Oratorienaufführungen kam (J. Haydn, W. A. Mozart, L. v. Beethoven), dazu zahlreiche Versuche, ein „stehendes“ Orchester einzurichten (Musikverein, Musikgesellschaft, Musikklub, Orchesterverein u. a.), doch war auch der 1923 gegründeten Ortsgruppe der Urania nur mäßiger Erfolg beschieden. 1965 begründete sich der bestehende Musikverein , der ein Sinfonieorchester und ein Jugendsinfonieorchester patronisierte (die Musikschule – heute Landesmusikschulwerk – wurde 1943 eingerichtet); im gleichen Jahr formierte sich der A-cappella-Chor V., der sich in Fachkreisen großes Ansehen errungen hat. Seit 1976 ist V. Festspielstätte des Musikfestivals Carinthischer Sommer und hat auch in anderen Kulturbereichen (Jazz over V., Neue Bühne u. a.) beachtliche Erfolge aufzuweisen.


Literatur
Lit (alphabet.): R. Cefarin in Kärntner Heimatbll. 3/16 (1936); H. Dolenz in Kärntner Heimatbll. 1/16 (1934); R. Egger, Santonino in Kärnten 978; Beiträge v. H. Federhofer, J. Maßner, W. Neumann u. E. Nussbaumer in W. Neumann (Hg.), 900 Jahre V. 1960; W. Kattnigg in E. Stein (Hg.), V. 1931; H. Malloth in Carinthia I/156 (1966); O. Modler in Carinthia I/152 (1962); O. Moser in Kärntner Landsmannschaft 3 (1983); W. Salmen in MiÖ 1989; O. Sakrausky in Carinthia I/171 (1981); G. Vale, Itinerario di Paolo Santonino 1943; H. Wulz in W. Wadl/A. Ogris (Hg.), Von der Tonkunst zum Konzertbetrieb. Fs. 175 Jahre Musikverein Kärnten 2003; F. Zagiba in M. Querol (Hg.), [Fs.] H. Anglés 1958.

Autor(en)
Günther Antesberger
Empfohlene Zitierweise
Günther Antesberger, Art. „Villach‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 15.5.2006]