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Volksliedarchiv, Tiroler (TVA)
Gegründet 1905 als Arbeitsausschuss für das Deutsche Volkslied in Tirol und Vorarlberg. Dieser bildete einen der insgesamt 20 Ausschüsse des groß angelegten Österreichischen Volksliedunternehmens, das die Universal Edition gemeinsam mit dem k. k. Ministerium für Cultus und Unterricht initiierte. Seine Aufgabe bestand im Sammeln von Volksliedern, Volksmusik, aber auch Volksdichtung, um die volkskulturelle Vielfalt der Habsburgerländer in einer Monumentalausgabe von geplanten 60 Bänden zu präsentieren. Die Leitung in Tirol übernahm der Germanist Joseph Eduard Wackernell. Im Oktober 1906 langte von einem der wichtigsten Sammler, Leopold Pirkl aus Schwaz, das erste Konvolut mit 726 Nummern ein. 1913 hält Wackernell fest, dass es bis dato 169 Sammler gäbe, von denen manche selber wieder Helfer hätten. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs kamen an die 30.000 Belege zusammen. In der Subskriptions-Einladung zur Reihe „Das Volkslied in Österreich“ vom Sommer 1914, in der die ersten zehn Bände aufgelistet sind, werden an siebter Stelle „Tiroler Heimatlieder“ von Wackernell angekündigt, die jedoch nie erschienen sind.

In den ersten Nachkriegsjahren stand das Organisatorische im Vordergrund, es ging um die Fortführung des gesamten Unternehmens nach dem Zerfall der Monarchie sowie die Vorbereitung verschiedener kleinerer Publikationen (Probeband, Werbehefte, Kleine Quellenausgabe). 1921 übernahm Landesschulinspektor Rudolf Patigler die Tiroler Archivleitung, 1924 Landesschulinspektor Heinrich Stecher, der einen Band Weihnachtslieder aus Tirol vorbereitete. In Tirol kam es jedoch mangels personeller Ressourcen sowie aufgrund von Missstimmigkeiten mit den Wiener Kollegen letztendlich zu keiner Veröffentlichung, obwohl hier die größten Eingänge zu verzeichnen waren. 1930 wurde der Germanist Josef Schatz Obmann. Zeitgleich arbeitete der Lieddichter J. Pöll an der Kleinen Quellenausgabe mit Weihnachtsliedern, die, bedingt durch die von Tiroler Seite nicht goutierten Umstrukturierungsvorhaben des Gesamtunternehmens in Wien Anfang der 1930er-Jahre, ebenfalls nie in Druck ging. Feldforschungen finden in diesen Jahren nicht statt, für die Volksliedpflege fühlt man sich nicht zuständig und somit beschränkte man sich auf die Archivierung bzw. Erstellung einer Bibliografie. Schatz selber sieht sich lediglich als Verwalter bzw. Geschäftsführer, nicht als Volksliedforscher. Allerdings stockt die Sammel- und Inventarisierungsarbeit in allen Bundesländern seit mehreren Jahren.

Mit dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich (Nationalsozialismus) wurden neue Richtlinien für das nun umbenannte Ostmärkische Volksliedunternehmen formuliert. Die Volksmusikpflege auf Basis des gesammelten Materials erfuhr in den kommenden Jahren eine der nationalsozialistischen Ideologie entsprechende Aufwertung. In Tirol wurde schließlich K. Horak, damals Lehrer am Kufsteiner Gymnasium, mit den Agenden betraut, da er sich nicht nur bereits „als Volksliedsammler und Volksliedkenner einen Namen“ gemacht hatte, sondern „auch die vom Ministerium aufgestellten Bedingungen zur pfleglichen Auswertung des Sammelgutes erfüllt, indem er als Angehöriger der HJ die Beziehungen zu den Gliederungen der Partei hat.“ (Brief von V. Junk vom 28.2.1939). Die Gauarchive unterstanden in fachlicher Hinsicht nun dem Staatlichen Institut für deutsche Musikforschung (Abt. II: Volksmusik) in Berlin. Horak widmete sich primär der Reinschrift des handschriftlichen Altbestandes (die in Kopie nach Berlin und in das Deutsche Volksliedarchiv in Freiburg im Breisgau ging) und begann mit der Zusammenstellung eines Liederbuchs für die Dorfarbeit. Für Schulungszwecke ließ er einen Kleinprojektions- und Schallapparat anschaffen. Während seines Wehrdienstes übernahm seine Frau G. Horak die Geschäfte des nunmehr in Kufstein angesiedelten Volksliedarchivs. In den Jahren 1940/41 arbeitete Horak für die Kulturkommission des SS-Ahnenerbes in Südtirol. Ende 1941 wurde das Volksliedarchiv nach Innsbruck rücküberstellt und von Gauleiter Franz Hofer in den Standschützenverband eingegliedert. Infolge der Luftangriffe auf Innsbruck im Dezember 1943 verlegte Horak etwa die Hälfte der Sammlung in die Luftschutzräume des Schwazer Paulinums. Als dieses in ein Reservelazarett umgewidmet wurde, ging ein Teil der Unterlagen verloren. Das in Innsbruck verbliebene Archivmaterial wurde während der Befreiungstage 1945 als Nazi-Schrifttum auf der Straße verbrannt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bestellte man den Kulturreferenten der Landesregierung, Anton Gamper, zum Vorsitzenden. Dieser übergab die Bestände, die vorerst verschollen waren, dem Germanisten und Volkskundler Anton Dörrer. Ende der 1950er-Jahre wurde erstmals ein bedeutender Musikwissenschaftler, W. Senn, im Kontext der Sammlung namhaft. Aufgrund seiner Beschäftigung als Kustos im Landesmuseum Ferdinandeum wurde das Archiv in Kooperation mit Landesrat Gamper um 1960 dorthin transferiert. In diese Zeit fällt die vermutlich erste Feldforschung der Nachkriegszeit (Sammelfahrt Pustertal-Enneberg, Sommer 1958), die der Lehrer N. Wallner durchführte. Ansonsten trat das vorerst unzugängliche TVA nicht aktiv in Erscheinung, weshalb die Subventionen von Seiten Wiens eingestellt wurden. Horak wurde nun wieder beigezogen und zu Sitzungen nach Wien beordert. 1961 beauftragte Gamper Senn definitiv mit der Betreuung der Sammlung, woraufhin die Neuordnung in Angriff genommen wurde.

Im Jahr 1967 wurde Wallner Senns Nachfolger. Sein Schwerpunkt lag neben der Erforschung des geistlichen Liedes (er dissertierte über das deutsche Marienliedgut in Enneberg) auf der Pflege. Wallner gilt als Initiator der Tiroler Adventsingen (erstmals 1966) und erreichte mit seinen Radiosendungen sowie Liedkompositionen öffentliche Bekanntheit.

Zur rechtlichen und finanziellen Absicherung der Forschungseinrichtung auf Bundesebene gründete man 1974 den Verein Österreichisches Volksliedwerk, der als Dachverband der Bundesländervolksliedwerke fungiert. Das TVA gelangte in das Eigentum des Landes Tirol und wurde bis 2007 vom Tiroler Volksliedwerk verwaltet.

Auf Wallner folgte 1977 erneut Horak, der als vordringlichste Aufgabe die Erschließung der Bestände für Wissenschaft und Pflege erachtete. 1989 trat M. Schneider, Kustos der Musiksammlung des Landesmuseums Ferdinandeum, die Funktion des Archivleiters an. Schneider machte sich insbesondere durch die Erforschung der Mehrstimmigkeit der Südtiroler Kirchensinger sowie durch zwei große Feldforschungsprojekte in Ost- und Südtirol (1980er-Jahre), die u. a. in den Konzert- und CD-Reihen Tiroler Weihnachts- und Oster- bzw. Passionssingen (1988–1994) ihren Niederschlag fanden, einen Namen. Sein Band Lieder für die Weihnachtszeit nach Tiroler Quellen (1998) ist der bisher einzige Tiroler Beitrag zur österreichweiten COMPA-Reihe (seit 1993), die die Idee der Monumentalausgabe des Österreichischen Volksliedunternehmens aus der Gründungsphase aufgriff.

2012 übernahm seine langjährige Mitarbeiterin, die Musikwissenschaftlerin Sonja Ortner die Leitung des TVA als erste Vollzeitangestellte. 2007 wurde das Archiv in die Tiroler Landesmuseen eingegliedert und – nach mehreren Übersiedlungen im Lauf der letzten Jahrzehnte – 2017 wiederum im Landesmuseum Ferdinandeum untergebracht.


Literatur
S. Ortner in JbÖVw 67/68 (2018/19); www.volkslied.at (9/2019); Korrespondenzen im Tiroler Volksliedarchiv.

Autor(en)
Sonja Ortner
Empfohlene Zitierweise
Sonja Ortner, Art. „Volksliedarchiv, Tiroler (TVA)‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 22/11/2019]