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Wandervogel
Bürgerliche Jugendbewegung. Am 11.5.1911 wurde der österreichische W. offiziell gegründet. Ein wichtiger Initiator war der Prager Student Hans Mautschka. Das Vorbild für die Österreicher war der W. in Deutschland, der 1896 mit einem Stenographen-Schülerverein des Studenten Hermann Hoffmann in Berlin-Steglitz begonnen hatte. Den Namen W. erhielt der Verein erst 1900 unter der Leitung von Karl Fischer. In den nächsten Jahren entstanden in ganz Deutschland zahlreiche Gruppen, die 1907 zum W., Deutscher Bund zusammengefasst wurden. In Österreich waren deutsch-nationale Schutzvereine und Lebensreformbewegungen prägend. Trotz des Bekenntnisses zum Unpolitischen war für den österreichischen W. von Anfang an eine völkische und antisemitische Haltung charakteristisch. Die ersten Gruppen entstanden auch in den Grenzgebieten Deutsch-Böhmens, die sich, wie diverse Schutzbünde, für einen „deutschen Kulturkampf“ einsetzten.

Die W.-Bewegung strebte Selbsterziehung und Selbstbestimmung in den Gruppen an. Sie suchte in einem eigenen Lebensstil die Antwort auf eine angeblich kranke Gesellschaft des Industriezeitalters. Ihr Stil war geprägt von Naturerlebnissen, die v. a. auf Wanderungen und Lagern entstanden, programmatisch waren eine abstinente Lebensführung, besondere Kleidung, Führerauslese und gemeinsames Singen.

Im Volkslied fanden die „Wandervögel“ ihre musikalische Ausdrucksform, es sollte ihre Liebe zur Natur, aber auch ihr deutsch-nationales Denken betonen. Das wichtigste Liederbuch war der 1908 erstmals in Deutschland erschienene Zupfgeigenhansl von H. Breuer. Dieses Werk wurde zum Symbol der Bewegung, sein Name leitet sich vom für den W. charakteristischen Instrument Gitarre ab, das als „Zupfgeige“ bezeichnet wurde. In Österreich kam 1912 mit Unsere Lieder von R. Preiss eine Ergänzung zum deutschen Liedrepertoire hinzu. Viele Lieder fanden Aufnahme, die von Vertretern der österreichischen Volksliedbewegung, v. a. von J. Pommer, in den vorangegangenen Jahrzehnten aufgezeichnet worden waren. Die Gesänge des Zupfgeigenhansl hingegen stammten in erster Linie aus älteren Volksliedsammlungen, allen voran dem Liederhort von Ludwig Erk und Franz Magnus Böhme.

Musikalisch war im österreichischen W. Julius Janiczek (später nannte er sich Walther Hensel) tonangebend, der die in der Volksliedbewegung vorherrschende Vorstellung vom „echten Volkslied“ vertrat und es als Ideal für die Erziehung ansah. Unter seiner Anleitung wandte sich der W. gegen alles, was unter Jazz verstanden wurde.

Der Erste Weltkrieg unterbrach den Aufschwung der Jugendbewegung, die Arbeit wurde dennoch fortgesetzt. Zu Beginn der Ersten Republik begann eine Zeit neuen Wachstums. Allerdings fielen durch die neuen Staatsgrenzen viele Gruppen weg, so etwa die sehr aktiven des deutsch-böhmischen Raumes. Dafür wandten sich die österreichischen Gruppen verstärkt der „Grenzlandarbeit“ zu, worunter v. a. die Verbreitung deutschen Volkstums verstanden wurde. Die Jugendlichen sahen sich immer stärker als Kämpfer für das „wahre deutsche Volkstum“. Als Ende der 1920er Jahre die wirtschaftliche und politische Situation Österreichs immer schwieriger wurde, nahm dieser gesellschaftspolitische Aspekt immer mehr zu. Das Führerprinzip wurde gestärkt, einige (Burschen-)Gruppen entwickelten sich sogar zu militanten Organisationen.

Zur Pflege des Volksliedes kam in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg vermehrt die des Volkstanzes und der Instrumentalmusik (Volksmusik) hinzu. Wieder stützte man sich dabei auf die Arbeit der Volksmusikbewegung. Besonders intensiv gestaltete sich die Zusammenarbeit mit R. Zoder, der für die Bewegung 1922 die Altdeutschen Volkstänze herausgab, gemeinsam mit R. Preiss die Bauernmusi (2 Bde., 1919 und 1925) sowie mit K. M. Klier die Spielmusik für das Landvolk (3 Hefte, 1926–29). Über die besondere Wertschätzung des „Volksliedes“ des 16. und 17. Jh.s wurde Musikrepertoire aus dieser Zeit für die Jugendgruppen entdeckt. Dies war auch ein wichtiger Impuls für die Jugendmusikbewegung.

Die Lebensführung des W.s wurde von zahlreichen anderen Jugendgruppen übernommen. Eine ähnliche Bewegung war in der jüdischen Jugend mit dem Bund Blauweiß entstanden, dessen Liederbuch Blau-Weiß (1914 und 1918) sich am W.-Repertoire orientierte, das mit jiddischen und hebräischen Liedern ergänzt wurde. Der Bund Neuland entstand in den 1920er Jahren und war das katholische Pendant zum W. Sein Liederbuch Fahrend Volk (1923 und 1927) von Anton Böhm griff auf bekanntes Liedgut der W.-Bewegung zurück.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde der österreichische W. aufgelöst. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten einige „Ältere“, neue Gruppen aufzubauen. 1953 wurde der Junge Bund gegründet, dessen Gruppenleben und Ideale bis heute (2006) am ehemaligen W. orientiert sind. Gruppeninterne Wanderungen, Fahrten, Heimstunden, Volkstanzfeste, Theatertreffen und Musikwochen werden weiterhin als Schwerpunkt genannt. An die Größe und Bedeutung der Zwischenkriegszeit, als 1929 33 Buben- und 22 Mädelgruppen mit etwa 400 Mitgliedern angegeben wurden, konnte nicht angeschlossen werden. Gegenwärtig (2006) gibt es in Österreich insgesamt acht Gruppen.


Literatur
[Fs.] Fünfzig Jahre Österr. W. 1911–61, 1961; A. Gärtner, Der österr. W. Gesch. (bis 1918) u. Charakterisierung der Bewegung unter Berücksichtigung der Entwicklung im Dt. Reich (Vorkriegswandervogel) u. jener der Ortsgruppe Salzburg, Dipl.arb. Salzburg 1995; D. Hillebrand, Das Phänomen W. anhand v. Lebensbildern, Dipl.arb. Innsbruck 2002; W. Z. Laqueur, Gesch. der dt. Jugendbewegung. Eine historische Studie 1962; R. Flotzinger in F. Kadrnoska (Hg.), Aufbruch u. Untergang. Österr. Kultur zw. 1918 u. 1938, 1981; A. Mayer-Hirzberger, Die Musik der Jugendbewegungen in Österreich bis zum Zweiten Weltkrieg, Diss. Graz 1993; K. Praschak-Mittlböck, Neuland. Wurzeln u. pädagogische Blüten einer Jugendbewegung, Dipl.arb. Wien 1996; G. Seewann, Österr. Jugendbewegung 1900 bis 1938. Die Entstehung der Dt. Jugendbewegung in Österreich-Ungarn 1900 bis 1914 u. die Fortsetzung in ihrem katholischen Zweig „Bund Neuland“ von 1919 bis 1938, 1971; K. Thums/K. Ursin in G. Ziemer/H. Wolf, W. u. Freideutsche Jugend 1961; K. Thums in W. Kindt (Hg.), Grundschriften der dt. Jugendbewegung 3 (1974); www.wandervogel.at (12/2005).

Autor(en)
Anita Mayer-Hirzberger
Empfohlene Zitierweise
Anita Mayer-Hirzberger, Art. „Wandervogel‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]