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Rap
Ideologisches und musikalisches Zentrum des Hip Hop und vieler Derivate schwarzer Popmusik abseits der Liedform. R. ist das hypnotisierend monoton rhythmisiert gesprochene politische Wort. „Niederrappen“ ist eine spielerische Form des Machtstreits schwarzer Männer – Hype ist ein Mittel dabei. Obwohl Wurzeln in der oralen Informationsübermittlung der Griots in Schwarzafrika angenommen werden, die als Kommunikationsmittel in den black areas adaptiert wurden und damit als die „schwarze Ghetto-Version des CNN“ (Chuk D. von Public Enemy) bezeichnet wurde, ist das gesprochene Wort des R. nicht die Vermittlung von Information, sondern die emotional geladene und damit politisch wie künstlerisch interpretierte Botschaft, als eigene Geschichtsschreibung ebenso wie als Aufwiegelung zum Widerstand und als Verbreitung der Denkhaltung einer weitgehend noch immer ausgegrenzten schwarzen (und lateinamerikanischen) Minderheit. Der suggestive Charakter der Sprache wird durch die nonverbale Kommunikation überhöht: durch die direkte frontale Ansprache, im Video durch Großaufnahmen verstärkt, und schließlich die Gestik als Extension des Oralen.

R., mit den Writers (Grafitti), den Breakers (Breakdance) die Trias des Hip Hop bildend, ist eine Streetculture der unterprivilegierten Jugendlichen farbiger Randgruppen. Wettkämpfe werden in Battles ausgetragen, der aggressive Sozialkampf benötigt gestählte Körper, Sieg bedeutet respect und fame. Die Handgeste ist dabei unterstützende, unmittelbar verständliche wie zugleich die Massen animierende Kommunikationsform, während Handbewegungen im Techno bloß den eigenen Körper ästhetisierend unterstreichen. Diese orale Geste wird dann zeichenhaft überhöht. Die „segnende“ rhythmisierte Handhaltung über der Party crowd, die gekreuzten Hände in den Pausen sind der schwarzen Kirche entnommen wie die provozierend abwertenden Gesten dem Box-Ring, der Griff in den Schritt signalisiert männliche Stärke, jüngst (2005) selbst von Frauen (z. B. Sängerin von Black Eyed Peas) übernommen. Nach spiritueller Beschwörung fleischlichen Kampfes wird eine mögliche Niederlage durch die Geste des Sich-die-Finger-Verbrennens kommuniziert. Fingerzeichen W bzw. E signalisieren Zugehörigkeit zu den West- und East-Coast-Communities. Der Bandenkrieg wird heute im ritualisierten Kampf ausgelebt.

R. ist seit langem nicht mehr eine schwarze politische Agitation. Diese Kommunikationsform wird zunehmend von den white trash übernommen – sie findet als entseeltes mainstream-Verhalten in entsprechenden musikalischen Formen ihr Epigonentum, sie findet zugleich als die intuitive gestische Rhetorik in der machtvollen Suggestion deutscher technoider Musik ihr scheinbar harmloses Dasein, in den videos und performances von scooter (the tribe, the one).

R. tritt in seiner „authentischen“ Form in Europa in den Kolonialisierungsstaaten auf und ist seiner Genese entsprechend das Sprachrohr der bereits im deutschsprachigen Raum geborenen Kinder der Migranten aus der Türkei und den südosteuropäischen Ländern (Migrantenmusik). In Österreich wird R. vorwiegend als avantgardistische musikalische und Lebens-Form in der Clubszene mit Hip Hop und technoiden musikalischen Formen gelebt; die kleine durchlässige und hinsichtlich Produktion wie Distribution autonome, männerdominierte Szene ist vorrangig in Innsbruck im Umfeld des Sports (Total Chaos), dann im großstädtischen Linz (Kerkerstudio/Tonträger Rec./Texta) und Wien (waxolusionists) beheimatet. MissVerständnis (Judith Lissberger) ergreift das rhythmisierte literarisch politische Wort der Frauen.


Literatur
B. Heinzlmaier in G. Groschner (Hg.), [Kat.] Beredte Hände. Die Bedeutung der Gesten in der Kunst des 16. Jh.s bis zur Gegenwart 2004; U. Poschardt, DJ-Culture 1995; D. Toop, R. Attack 1991 (dt. 1992); R. Weinzierl, Fight the Power 2000.


Autor(en)
Werner Jauk
Empfohlene Zitierweise
Werner Jauk, Art. „Rap‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: ().

[Letzte inhaltliche Änderung: 06/05/2001]